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Hells Angels im Zwielicht

Totenkopf mit Flügel: typisch Hells Angels.

(Keystone)

Eine grossangelegte Razzia gegen den "Motorcycle-Club Hells Angels" in den Kantonen Zürich, Aargau, Solothurn und Waadt hat für Aufsehen gesorgt.

Die Aktion hatte sich nach Angaben der Bundes-Kriminalpolizei gegen einzelne führende Mitglieder gerichtet und nicht gegen das Schweizer Chapter des Clubs.

Die Razzia in Zürich an einem Abend kurz vor 20 Uhr war spektakulär. Die Polizei – Angehörige der Bundes-Kriminalpolizei sowie der Stadt- und der Kantonspolizei – fuhr mit Blaulicht auf.

Nach der Grossrazzia gegen die Hells Angels sitzen nun 13 Personen in Untersuchungshaft. Die zuständigen Haftrichter haben die Untersuchungshaft gegen die 13 inzwischen bestätigt.

Sperrbezirk

Richtiggehend "gestürmt" wurde der Sitz der Zürcher Hells Angels an der Langstrasse. Es wurden gefesselte Männer abgeführt und sichtlich viel Material abtransportiert. Dazu wurden die Strassen, rund um das "Clubhaus" weiträumig abgesperrt.

An der Langstrasse, der Zürcher Vergnügungs- und Rotlichtmeile, herrschte gespannte Verwirrung. Bis heute bleibt offen, was der Motorradgang genau vorgeworfen wird, da die Untersuchungen weiter im Gange sind.

Die Aktion hatte sich nicht gegen die Hells Angels an und für sich gerichtet, sondern gegen einzelne führende Mitglieder der Gruppe, wie Guido Balmer, Sprecher des Bundesamtes für Polizei (BAP), gegenüber swissinfo sagt.

Neben Zürich kam es im Rahmen der Grossrazzia auch in den Kantonen Aargau, Solothurn und Waadt zu Durchsuchungen.

Was den Verdächtigten genau zur Last gelegt wird, bleibt vorerst offen. "Die Verdächtigten werden beschuldigt, an einer kriminellen Organisation beteiligt zu sein", sagt BAP-Sprecher Balmer. Daneben bestehe der Verdacht, dass sie sich mittels Gewaltanwendung "mit verbrecherischen Mitteln bereichert haben".

Wieder einmal im Zentrum des Interesses

Mit der Grossrazzia rückten das Zürcher Chapter der Hells Angels im Speziellen und diese Art von Motorradgangs generell in der Schweiz wieder einmal ins Zentrum der Aufmerksamkeit.

Das war auch zu den Gründerzeiten um 1970 so gewesen, als die ledergekleideten Wesen auf ihren knatternden Motorrädern und ihrer eigenen Auffassung von Freiheit im Rudel urplötzlich in den Discos auftauchten.

Als Beispiel sei die damals weit herum bekannte Disco "Johnnies Club" in Interlaken erwähnt. Wenn die Biker auftauchten, sank die Stimmung jeweils auf den Nullpunkt.

Die Hells Angels verbreiteten Unbehagen, ja Angst. Grosses Aufatmen unter den jungen Leuten, wenn die Besucher, ohne Krach zu schlagen, die Disco verliessen und sich auf ihren Harley-Maschinen wieder auf den Weg machten.

Ruf eher friedlich

Wie die "Neue Zürcher Zeitung" schreibt, galten die Hells Angels in ihrer Gründerzeit als Aussenseiter. Schon die äussere Erscheinung: Tätowierung, Leder- oder Jeans-Gilet mit aufgedrucktem Totenkopf und Engelsflügeln, Schmuck und langen Haaren verwirrte. Die obligate Harley Davidson trug das ihre dazu bei.

Dabei haben die Schweizer Hells Angels eher einen friedlichen Ruf. Bisher kamen sie verhältnismässig wenig mit dem Gesetz in Konflikt.

Über ihren ersten Anführer Martin "Tino" Schippert gibt es bereits ein Buch. Und der Berner Hells-Angels-Imitator, Broncos-Boss Jimmy Hofer, hat eine Autobiographie veröffentlicht, Titel: "Ein Leben als Bronco".

Keine Rechtsextremen

"Linke waren die Hells Angels sicher nie", sagt der Journalist und Fachmann für Rechtsextremismus, Hans Stutz, gegenüber swissinfo. Aber auch zur rechtsextremen Szene hätten sie nie gehört, was noch heute so sei. Obwohl ihr Gebaren manchmal darauf hindeuten könnte.

Ihre Gewaltbereitschaft, die Tätigkeit im Rotlicht- und Drogenmilieu, die illegalen Glücksspiele liessen die Hells Angels in linken und bürgerlichen Kreisen als suspekt erscheinen. "Law and Order-Vertreter sind die Hells Angels eben auch nur bedingt", sagt Stutz. Ihre Bereitschaft, auch schon mal zuzulangen, habe ihnen vermutlich Respekt verschafft.

Wohl wurden Gangs wie die Hells Angels – nicht nur in den USA – auch in der Schweiz zum Ordnungsdienst herbeigezogen. Am Berner Openair auf dem Gurten sorgen zum Beispiel die Broncos seit Jahren für Ordnung. Probleme gab es nie. Vermutlich, finden viele, würden die Broncos von den Besucherinnen und Besuchern sogar besser akzeptiert als Polizei in Uniform.

Zum Teil etabliert

Heutzutage kann man in verschiedenen Publikationen lesen, aus den ehemals rücksichtlosen Halbstarken seien heute zum Teil erfolgreichreiche Geschäftsleute und nette Familienväter geworden. Lediglich die Harley hätten sie behalten.

Dieses nette Bild könnte mit den jetzt laufenden Ermittlungen Risse kriegen, würden sich die Verdachtsmomente erhärten.

Wenn auch keine Details bekannt sind, die Rede ist von Frauen- und Drogenhandel. Hells Angel-Anwalt Valentin Landmann gibt sich in einem Interview mit dem Zürcher "TagesAnzeiger" überzeugt, dass die Razzia zum Schluss in einem "grossen Flop" enden werde. Der Vorwurf, der Biker-Club sei eine kriminelle Organisation, tauche alle paar Jahre wieder auf.

Verbot kein Thema

Auch in andern Ländern kümmern sich die Behörden immer wieder um die Gruppe. In Kanada etwa wurden die Hells Angels in einem internen Bericht der Polizei aus dem Jahr 2000 als die "am schnellsten wachsende kriminelle Organisation" bezeichnet.

In Deutschland oder Skandinavien werden immer wieder Mitglieder des Motorradclubs von der Polizei festgenommen. Vor allem in Skandinavien waren Mitglieder solcher Gangs in teils gewalttätige Auseinandersetzungen verwickelt. Die übrigen Anschuldigungen der Behörden lauten meist ähnlich wie jetzt in der Schweiz.

Selbst wenn sich die Anschuldigungen konkretisieren sollten, denkt man beim Bundesamt für Polizei derzeit nicht an ein Verbot der Hells Angels.

"Ein Verbot wäre die ultima ratio und müsste von der Regierung verfügt werden", sagt BAP-Sprecher Guido Balmer. Dazu müssten allerdings ganz schlimme Dinge aufgedeckt werden, zum Beispiel wie bei der Al Kaida, die in der Schweiz verboten sei.

Das sei bei den Hells Angels nicht der Fall, zudem man ja nur gegen einzelne Mitglieder und nicht gegen die gesamte Organisation ermittle.

swissinfo, Urs Maurer

In Kürze

Die Hells Angels wurden 1948 vom ehemaligen Bomberpiloten "Sonny" Ralph Barger gegründet.

Club-Emblem ist der Totenkopf mit Flügeln, der so genannte "Deathhead".

Die Mutterorganisation der Hells Angels ist in Oakland, Kalifornien.

Der Zürcher Ableger war der erste in Europa, der 1970 von Oakland offiziell anerkannt wurde.

In der Schweiz und im übrigen Europa gibt es zahlreiche andere Motorradclubs, die der Philosophie der Hells Angels nacheifern. In der Schweiz zum Beispiel die Berner "Broncos".

Allen gemeinsam sind exotische Namen, wie zum Beispiel "Blood Brothers", "Devil Rider" oder "Free Riders".

Die Hymne der Motorradclubs ist "Born to be wild" der Gruppe "Steppenwolf" aus dem Jahr 1968.

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