Jeder zweite Franken aus dem Ausland

Dieter Ruloff: Von der Öffnung der Weltmärkte profitiert die Schweiz am meisten. IPZ

Die Abhängigkeit der Schweiz von der Weltwirtschaft ist riesig: Sie verdankt ihr ihren Reichtum und jeden zweiten Franken ihres Sozialprodukts.

Dieser Inhalt wurde am 13. Januar 2005 - 14:07 publiziert

Freier Handel auch mit Dienstleistungen sei für die Schweiz eine Notwendigkeit, sagt Dieter Ruloff, Professor für internationale Beziehungen an der Uni Zürich.

Die Weltwirtschaft ist für die Schweiz enorm wichtig. Dies zeigt sich nicht nur Ende Januar am Weltwirtschafts-Forum in Davos und an seinen Gegenveranstaltungen.

Es zeigt sich auch an den Zahlen und Fakten, die unsere Wirtschaft bestimmen: Jeder zweite Franken des Sozialprodukts der Schweiz wird im Ausland verdient, "mit Gütern, vor allem aber mit Dienstleistungen, nicht zuletzt Finanz-Dienstleistungen", wie Dieter Ruloff sagt.

Der Professor für internationale Beziehungen an der Universität Zürich und Leiter des Schweizerischen Instituts für Auslandforschung hält gegenüber swissinfo die für die Schweiz wichtigsten Interessen beim Thema Weltwirtschaft fest.

swissinfo: Die Verknüpfung der Schweiz mit der Weltwirtschaft ist traditionell gross. Wie stark ist ihre Abhängigkeit?

Dieter Ruloff: Die Schweiz ist das globalisierteste Land überhaupt. Sie verdankt auch ihren Reichtum in erster Linie dem Welthandel. Wir brauchen einen offenen Weltmarkt. Ohne ihn könnten wir gar nicht existieren.

Die Schweiz ist der Prototyp dessen, was die Politikwissenschaften als Trading State bezeichnen, also als einen kleinen Handelsstaat.

swissinfo: Seit wann ist die Liberalisierung der Weltmärkte ein Thema, und seit wann wird sie auch als Problem wahrgenommen?

D. L.: Die Öffnung der Weltmärkte ist ein Prozess, der seit dem Zweiten Weltkrieg anhält. Damit brachten die Amerikaner die kaputte Welt nach dem Krieg wieder in Gang. Es folgten einige Runden des sogenannten GATT, des General Agreements on Tariffs and Trade.

An der 8. GATT-Runde wurde die Welthandels-Organisation (WTO) geschaffen. 1999 gab es dann Probleme, als die 9. GATT-Runde, die Seattle-Runde, nicht zustande kam.

Nicht wegen den Demonstrationen, sondern wegen Auseinandersetzungen zwischen Amerikanern und Europäern einerseits und zwischen Nord und Süd andererseits.

Man fand sich erst an der Ministerkonferenz in Doha wieder.

swissinfo: Was hat sich seither getan? Der Welthandel betrifft ja nicht nur Industrie-, sondern auch Agrarprodukte, Dienstleistungen und ähnliches.

D. L.: Inzwischen ist ja der Handel mit Industrieprodukten weitgehend offen. Die Zölle sind tief, sogar der Textilsektor wurde geknackt. Nur nichttarifarische Handelshemmnisse gibt es noch.

Damit hat sich das Interesse auf die Agrarmärkte verschoben. Hier existiert noch kein freier Handel. Die grossen Länder der Dritten Welt wollen mit ihren billigen und guten Agrarprodukten auf die Märkte der Ersten Welt.

Damit sind alle Industrieländer gemeint, nicht nur Europa. Auch die USA und Japan praktizieren Agrarprotektionismus, um die eigene Landwirtschaft zu schützen.

swissinfo: Ist die Landwirtschaft für die Schweiz das wichtigste weltwirtschaftliche Thema?

D. L.: Nein. Es ist populär, aber anderes ist viel wichtiger. So hat die Schweiz am meisten von der Öffnung der Weltmärkte profitiert. Sie muss jetzt alles tun, um einer Rückkehr des Protektionismus den Riegel zu schieben.

Sie hat ein elementares Interesse daran, dass der Welthandel als System so weiter existiert und womöglich ausgebaut wird.

swissinfo: Doch regt sich im Land selbst Widerstand. Nicht nur fürchten die Bauern um ihre Existenz, auch die Gewerkschaften beklagen, dass Arbeitsplätze dem Offshoring zum Opfer fallen.

D. L.: Die Schweizer Landwirtschaft gehört bei dieser Globalisierung leider zu den Verlierern. Das ist die Konzession der Schweiz. Der Freihandel hat eben seinen Preis.

Aber die Offshoring-Gefahr ist in meinen Augen grandios überzeichnet worden. Ich kenne in der Schweiz keinen Industriebereich, wo in grossem Stil Arbeitsplätze ausgelagert wurden.

Natürlich sind einige Industriesektoren aus der Schweiz verschwunden, etwa im Textilbereich. Billige Jeans kauft man nicht in diesem Land, gute Rückversicherungen dafür schon.

swissinfo: Weshalb kam es dann im Hoch des weltwirtschaftlichen Konjunkturzyklus 2004 nicht zur Vollbeschäftigung?

D. L.: Das ist nicht die Schuld der Weltwirtschaft. Im Vergleich zu anderen haben wir in der Schweiz Vollbeschäftigung.

Aber sicher, die Schweiz hat ein Wachstumsproblem. Das Land wächst im Vergleich mit den anderen Mitgliedländern der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) am schwächsten.

Das mag damit zusammen hängen, dass die Arbeit bei uns langsam zu teuer wird. Das Aufrechterhalten sozialer Systeme kostet immer mehr. Ein Niedrigsteuerland ist die Schweiz längst nicht mehr.

swissinfo: Wie wird es jetzt mit der Schweiz und der Weltwirtschaft weitergehen?

D. L.: Viel wird über die Globalisierungsverlierer im Land geschrieben, aber nur wenig über die Erfolgsstorys. Dank der offenen Weltwirtschaft werden in der Schweiz ständig neue Arbeitsplätze geschaffen.

In dieser Hinsicht profitiert das Land laufend. Zahlreiche neue Firmen sind gegründet worden, Weltkonzerne liessen sich nieder. Das führt zu Arbeitsplätzen für Qualifizierte. Und diese haben momentan nur wenig Probleme, also sind sie kein Thema für die Medien.

Dies wird auch so bleiben, solange beim Welthandel auch die Dienstleistungen eingeschlossen sind, was im Interesse der Schweiz liegt.

swissinfo-Interview: Alexander Künzle

In Kürze

Mitte Januar hat der Bundesrat den Aussenwirtschafts-Bericht 2004 verabschiedet.

Der internationale Austausch von Dienstleistungen und Investitionen gewann gegenüber dem Warenverkehr mehr Gewicht.

Mit multilateralen Verträgen, das heisst über die WTO, soll mit den EU- und EFTA-Ländern ein Binnenmarkt geschaffen werden.

Freihandelsabkommen sollen mit den aufstrebenden "Riesen" China, Indien, Brasilien und Russland abgeschlossen werden.

Alle Abkommen schliessen ausser dem Warenverkehr möglichst auch Dienstleistungen, geistiges Eigentum und Personen-Freizügigkeit ein.

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