Kein "Wunder von Wien" für Österreich

René Aufhauser (links) kämpft mit dem Deutschen Michael Ballack um den Ball. Keystone

200'000 Fans hofften auf ein "Cordoba II" in Wien in einer gigantischen Fussballparty. Doch Ballack beendete den österreichischen EM-Traum und schoss Deutschland mit 1:0 ins Viertelfinale.

Dieser Inhalt wurde am 17. Juni 2008 - 17:07 publiziert

Träume sind Schäume. So ist auch Co–Gastgeber Österreich nach dem Aus der Schweiz auf den Boden der Realität zurückgekehrt. Vor dem alles entscheidenden Match gegen Deutschland hatte man den 3:2 WM-Erfolg Österreichs gegen Deutschland in Cordoba 1978 ausgiebig beschworen. Nach genau 30 Jahren wäre es doch an der Zeit gewesen wieder einen Sieg gegen die Deutschen einzufahren..., doch der muss wohl noch warten.

Achtelfinale-Appetithappen?

Deutschland ist dreifacher Welt- und Europameister und hätte die österreichische EM–Mannschaft eigentlich als Achtelfinale-Appetithappen verschlingen sollen. Dem war aber nicht so, und allein das gereicht Österreich zur Ehre.

"Die Mannschaft hat bewiesen, dass sie besser ist als ihr Ruf und auf hohem Niveau mithalten kann", zog der österreichische Teamchef Josef Hickersberger Bilanz. Nun konzentriert man sich in der österreichischen Mannschaft auf die WM–Qualifikation im Herbst und hütet die gesammelten Erfahrungen wie einen Schatz.

"Ösis sind keine Dösis"

Als einen "Krottenkick" – übersetzt "ein Spiel, hässlich wie eine Kröte" - bezeichneten deutsche Fans in Wien die Performance der eigenen Mannschaft. Selbst der deutsche Teamkapitän Ballack zollte den Österreichern Respekt und widerlegte die These der BILD–Zeitung, die im Vorfeld des Matchs die "Ösis als Dösis" betitelt hatte: "Es war ein superhartes Spiel. Wir mussten bis zur letzten Minute kämpfen."

Hickersbergers Entscheidung, Elfmeter–Torschütze Vastic erst gar nicht einzusetzen, war wahrscheinlich ein Fehler. Hätte Österreich einen Spitzenstürmer wie Cristiano Ronaldo, könnte es diese durchtrainierte und spielfreudige Mannschaft sehr weit bringen.

Bierbecher flogen zwischen den Fanlagern

Nach dem Bomben-Freistoss in der 49. Spielminute, den der deutsche Kapitän Michael Ballack ins österreichische Tor gedonnert hatte, flogen in der Wiener Fanzone vor dem Rathausplatz die ersten vollen Bierbecher zwischen den gegnerischen Fanlagern.

Das Spiel war zu diesem Zeitpunkt gehörig aufgeheizt worden, auch durch die mutwilligen Entscheidungen des spanischen Schiedsrichter Gonzalez, der zuerst mit gelben Karten um sich und in der 41. Minute gleichzeitig den deutschen und österreichischen Teamchef vom Spielfeld geworfen hatte.

Löw und Hickersberger auf die Ehrentribühne verbannt

Mit Ungläubigkeit reagierten der als äusserst elegant geltende deutsche Trainer Joachim Löw und der moderate österreichische Teamchef Josef Hickersberger auf diese Schiedsrichterentscheidung und reichten sich beim Verlassen des Spielfeldes kollegial die Hand.

Sicherlich gehören beide Teamchefs nicht zu den Hitzköpfen unter den Fussballtrainern. Dass gerade sie wegen Verlassen der Coachzone auf die Ehrentribühne verbannt wurden, ist als EM-Gag zu werten. So verfolgten beide den Match von dort aus neben der fussballbegeisterten deutschen Kanzlerin Angela Merkel und dem österreichischen Kanzler Alfred Gusenbauer, der seinerseits an diesem Tag gerade von der Führungsspitze der SPÖ weg gekickt worden war.

Spiel verloren, aber Ehre gerettet

Österreich hat zwar – im Gegensatz zur Schweiz - kein Spiel gewonnen, aber dennoch seine Ehre gerettet. Kanzlerin Angela Merkel betonte: "Die Österreicher haben es uns nicht leicht gemacht und waren ein toller Gastgeber."

Auch Alfred Gusenbauer zeigte sich nicht allzu enttäuscht und sprach den österreichischen Fans aus der Seele: "Das Nationalteam hat sich gut verkauft und in allen Spielen gut gekämpft. Wir waren nicht der Prügelknabe, von dem alle vorher geredet haben. Die Burschen haben uns viel Freude gemacht, sie haben eine tolle Zukunft!"

Österreich: ganz Gastgeber

Österreich will sich nun ganz auf seine EM–Gastgeberrolle konzentrieren, während sich das Nationalteam mit gestärktem Selbstvertrauen - und wie alle hoffen, unter Teamchef Josef Hickersberger – für die WM-Qualifikation im Herbst gegen Frankreich vorbereitet.

Als Gastgeberland zieht man in Österreich jedenfalls eine erfolgreiche Zwischenbilanz. Und die Zehntausenden von Fans haben bis jetzt auch ein 1:0 verdient und sich - mit ganz wenigen Ausnahmen - als faire und sportliche Teilnehmer der österreichisch–schweizerischen Fussballparty erwiesen.

swissinfo, Karin Wolfsbauer, Wien

200'000 Fans

200'000 Fans feierten eine riesige Fussballparty in der Wiener Innenstadt beim Match Deutschland–Österreich.

Positive Bilanz der Exekutive und des Roten Kreuzes für das Grossereignis: Es gab nur 20 Festnahmen von überwiegend österreichischen Randalierern.

Von 350 Verletzten in Wien und Klagenfurt mussten 50 ins Spital gebracht werden.

Das "Geschäft" in der Wiener Fanzone läuft schleppend, und 40 Standbetreiber haben bereits zugesperrt

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