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Beschlagnahmung in Lugano Krimi um mutmassliches Da-Vinci-Gemälde



Um das Gemälde "Ritratto di Isabella d'Este" ist ein Expertenstreit entbrannt. 

Um das Gemälde "Ritratto di Isabella d'Este" ist ein Expertenstreit entbrannt. 

(Kantonspolizei Tessin)

Die Polizei hat diese Woche in einem Tresor in Lugano das Leonardo Da Vinci zugeschriebene Gemälde "Ritratto di Isabella d'Este" beschlagnahmt. Damit entsprach die Schweiz einem Rechtshilfe-Ersuchen aus Italien. Doch viele Fragen sind offen: Stammt das Gemälde wirklich von Leonardo? Und seit wann befindet es sich in der Schweiz? Die Eigentümerin fühlt sich kriminalisiert.

Das Porträt von Isabella d’Este (1474-1539), einst Herzogin von Mantua, ist ein Ölgemälde und gerade mal 61 auf 46,5 Zentimeter gross. Am 9. Februar wurde es in Lugano im Tresorraum einer Treuhandgesellschaft beschlagnahmt. Die Operation wurde von der Tessiner Kantonspolizei und der Tessiner Staatsanwaltschaft durchgeführt, nachdem ein Rechtshilfeersuchen aus Italien – namentlich von der Staatsanwaltschaft aus Pesaro – eingegangen war.

Die italienischen Ermittler gehen davon aus, dass das Gemälde illegal aus Italien ausgeführt worden ist. Italienische Beamte waren bei der Beschlagnahmung in Lugano anwesend. "Aber sie waren nur Zuschauer", betont Angelo Fieni, Hauptkommissar der Kantonspolizei Tessin und zuständig für Vermögensdelikte. "Das Gemälde bleibt in der Schweiz und wurde an einen sicheren Ort gebracht", ergänzt er.

In ihrer Medienmitteilung sprach die Tessiner Kantonspolizei von einem Werk von "unschätzbarem Wert, sowohl künstlerisch als auch wirtschaftlich". Grund für diese Behauptung ist der mutmassliche Autor der Porträts: Kein geringerer als Leonardo da Vinci soll es vor rund 500 Jahren gemalt haben.

120 Millionen Euro

Diese vermeintliche Urheberschaft erklärt das grosse Interesse. Der federführende Staatsanwalt von Pesaro, Manfredi Palumbo, sagte an einer Medienkonferenz, man ermittle gegen einen Anwalt aus Pesaro, der dabei gewesen sei, das Bild für 120 Millionen Euro zu verkaufen. Die Rede ist von einem arabischen Käufer. Der Anwalt habe von der Besitzerin den Auftrag erhalten, das Leonardo zugeschriebene Werk "für nicht weniger als 95 Millionen Euro" zu veräussern.

Leonardo

Leonardo da Vinci (1452-1519) war ein italienischer Maler, Bildhauer, Architekt, Ingenieur und Naturphilosoph. Er gilt als einer der berühmtesten Universalgelehrten aller Zeiten.

Die Anzahl der erhaltenen Gemälde Leonardo da Vincis ist gering. Zurzeit werden ihm lediglich fünfzehn erhaltene Gemälde ganz oder teilweise zugeschrieben. Die Datierung der Werke ist oft unsicher. Die meisten von ihnen liegen als Ölgemälde vor, auf Holz als Bildträger.

Erhalten ist das Wandbild "Das letzte Abendmahl" im Kloster Santa Maria delle Grazie in Mailand. Das berühmteste Bild Leonardos, die "Mona Lisa", hängt im Louvre von Paris.

Immer wieder tauchen Gemälde auf, die Leonardo zugeschrieben werden. Doch ist es schwer, stichhaltige Beweise zu liefern. Im Falle des Porträts der Isabella d’Este wäre es das einzige erhaltene, auf Leinwand gemalte Ölgemälde von Leonardo Da Vinci.

Effektiv im Louvre befindet sich eine Zeichnung Leonardo da Vincis mit dem Porträt der Isabella d’Este. Das Profil ist auffällig ähnlich zum im Tresor entdeckten Gemälde. Aber – und das ist entscheidend – auf der Zeichnung fehlen Attribute der Dame, welche auf dem Gemälde zu sehen sind: etwa der Palmzweig und die Krone.

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Palumbo ist davon überzeugt, auf einen internationalen Kunsthandel-Ring gestossen zu sein, dessen Tätigkeit über das mutmassliche Bild von Leonardo da Vinci hinausgeht. Die Ermittlungen der Behörden richteten sich gegen mehrere Dutzend Verdächtige.

Auch von Versicherungsbetrug ist die Rede. Bereits vor einem Jahr war ein Rechtshilfeersuchen in Bezug auf dieses mutmassliche Leonardo-Gemälde in Lugano eingetroffen. Als die Polizisten den Banksafe öffneten, in dem es hätte lagern sollen, war dieser aber leer.

Dieses Mal wurden sie fündig. Für das in Lugano beschlagnahmte Bild ist aber in erster Linie entscheidend, ob die italienischen Ermittler belegen können, dass es sich um illegalen Kunstexport handelt. Sollte es nach Italien zurückgebracht werden müssen, wird es automatisch zu Staatseigentum. Daher ist verständlich, dass sich die Besitzer wehren.

Spuren in die Schweiz und nach Italien

Doch wer sind die Besitzer? Die Spuren führen hier sowohl nach Italien als auch in die Schweiz. Erstmals war von der Existenz dieses Bildes in einem Bericht der Wochenendbeilage "Sette" des Corriere della Sera im Oktober 2013 die Rede.

Die italienische Zeitung sprach von der sensationellen Entdeckung eines seit Jahrhunderten verschollenen Gemäldes von Leonardo da Vinci, das in einem Tresor in Lugano aufgetaucht sei. Es befinde sich im Besitz einer Familie aus Turgi (Kanton Aargau).

In der Woche vom 9. Februar machte die Tageszeitung Il resto del carlino aus Bologna den Namen der Besitzerin publik. Es gehört der 70-jährigen Witwe Emidia Cecchini, die aus Pesaro stammt, zuletzt aber in Lugano lebte. In einem Interview mit der Tageszeitung La Stampaexterner Link versichert Cecchini, dass das Bild ihrer Schweizer Grossmutter Matilde Guerra gehört habe, die mit einem Grassi verheiratet gewesen sei. Das Bild ging dann an Gina Grassi über, die Mutter der heutigen Besitzerin. Die Tessiner Kantonspolizei erklärte ihrerseits, dass das Bild effektiv aus dem Aargau in ein Schliessfach im Kanton Tessin überführt worden sei.

Besitzerin erbost

"Das Bild befand sich seit 90 Jahren immer in der Schweiz, daher werden wir die Aufhebung der Beschlagnahmung beantragen", erklärte der Anwalt Achille Castignani, der die Interessen der Witwe Cecchini vertritt. Der Vorwurf der "illegalen Ausfuhr" sei absurd, weil das entsprechende Gesetz unter Mussolini erst 1939 in Kraft getreten sei. Emidia Cecchini erklärte ihrerseits, sie fühle sich durch das Vorgehen der Ermittler "kriminalisiert", obwohl sie sich nichts habe zu Schulden kommen lassen.

Unabhängig von der Frage der Beschlagnahmung sorgt vor allem die Autorenschaft des Ölgemäldes für rote Köpfe. Und das ist eine ganz entscheidende Frage angesichts der astronomischen Summen, um die es hier geht. Carlo Pedretti, Professor für Kunstgeschichte in Kalifornien und ausgewiesener Leonardo-Experte, ist von der Urheberschaft des grossen Meisters überzeugt, auch wenn er inzwischen seine Aussage etwas relativiert hat.

Denn viele Experten zweifeln an der Echtheit des Gemäldes. Der Kunsthistoriker Frank Zöllner hatte in der Frankfurter Allgemeinen Zeitungexterner Link gar geschrieben, dass selbst ein Student im Grundstudium erkennen dürfte, dass es sich dabei nicht um ein authentisches Leonardo-Gemälde handeln könne. Der italienische Kunstkritiker Vittorio Sgarbi hält es ebenfalls für unrealistisch, dass Leonardo dieses Bild gemalt hat. Das fragliche Porträt habe keinerlei Wert.

swissinfo.ch

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