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Viele Schweizer Künstlerinnen gingen vergessen – zu Unrecht

Das Werk "Nyon" von Eva Aeppli aus dem Jahr 1955. Kohle auf Papier. Eva Aeppli, Foto: SIK-ISEA, Zürich

Mit Frauenausstellungen wird im Jahr 2019 vielerorts auf Künstlerinnen aufmerksam gemacht. Nicht ohne Grund, denn es gibt Nachholbedarf: Viele Künstlerinnen des 19. und 20. Jahrhunderts gerieten in Vergessenheit – auch in der Schweiz. Wir stellen Ihnen sechs Künstlerinnen vor, die wiederentdeckt wurden oder erst nach ihrem Tod zu Ruhm gelangten.

Dieser Inhalt wurde am 03. Juni 2019 - 11:36 publiziert
Ester Unterfinger (Bildredaktion & Text), Alexandra Kohler (Text)


Eva Aeppli (1925  2015)

Eva Aeppli, mit ihrem Werk "Die Zehn Planeten" (1975/1976), aufgenommen im Museum Tinguely 2006 in Basel. Keystone / Georgios Kefalas

Seit den 1950er-Jahren schuf Eva Aeppli ein Werk, das von grosser Intensität geprägt ist. Aeppli wurde in Zofingen geboren und wuchs in Basel auf, lebte aber die meiste Zeit ihres Lebens in Frankreich, wo sie 2015 starb. Mit ihrem zweiten Mann, dem berühmten Schweizer Künstler Jean Tinguely, ging sie 1951 zunächst nach Paris. Ihr Werk ist von grosser Vielfalt, aber immer geprägt von einer konsequenten Haltung. Handpuppen, Stofffiguren, expressive, figurative Malereien, dunkle Farben – ihre Kunst vermittelte ein karges, asketisches Menschenbild.

Ab den 1960er-Jahren zeigte AeppliExterner Link in grossformatigen Gemälden Totenköpfe, Schädel, Gesichter, auch Leichenberge. Die Realität des Zweiten Weltkrieges, die Konzentrationslager, das Leid der Menschen und die Gewalt wirkte sich auf Aepplis Menschenbild aus.

Von einzelnen Kritikern wurde ihre Botschaft als sehr pessimistisch und düster missverstanden. Ebenso schuf sie ein expressives Werk in einer Zeit, in der die Stilrichtung in den Hintergrund geriet. Stilrichtungen wie Pop Art und Nouveau Réalisme, neben anderen, waren En Vogue.

Eva Aepplis Kunst aber hatte aber immer auch eine moralische Botschaft. Seit den 1980er-Jahren erst hat ihr Werk in der Öffentlichkeit die Rezeption und Bedeutung erhalten, die es verdient.


Clara von Rappard (1857 – 1912)

Clara Rappard "Chambre des enfants", Öl auf Leinwand, undatiert Bundesamt für Kultur, Bern
Autoretrato, oleo sobre tela, 1894 Kunstmuseum Bern

Sie galt Ende des 19. Jahrhunderts als bedeutendste Malerin der Schweiz. Clara von Rappard wuchs in Wabern bei Bern und in Interlaken auf. Clara von RappardExterner Link lernte bei zahlreichen berühmten Künstlern zeichnen und malen, was für eine Frau zu dieser Zeit ungewöhnlich war. Ihre besonderen Kohle- und Kreideportraits waren beliebt und in zahlreichen Ausstellungen zu sehen, unter anderem um 1890 in Berlin und Paris.

Die damaligen Kritiker lobten ihr Werk. Neben Portraits malte Clara von Rappard Landschaften und Wandbilder und fertigte Zeichnungen sowie Grafiken an. Ihre impressionistische Landschaftsmalerei hob sich stark von anderen, oft nationalistisch geprägten Werken ihrer Zeit ab. Sie zeigte die Berge des Berner Oberlandes im Nebel, mit Schnee und mit unterschiedlichen Wirkungen von Licht und Schatten.

Bis in die 1920er-Jahre wurde Clara von Rappard viel Beachtung geschenkt, danach gerat sie völlig in Vergessenheit. Erst 1999 wurden ihre Bilder wieder ausgestellt. 2012 widmete ihr das Kunsthaus Interlaken zu ihrem 100. Todestag eine Ausstellung.


Binia Bill (1904 – 1988)

Ohne Titel, ohne Datum. Stilleben von Binia Bill. max, binia + jakob bill stiftung
Als dieses Foto in den 60er Jahren entstand, fotografierte Bill nicht mehr. Max Bill, max, binia + jakob bill stiftung

Die Fotografin Binia BillExterner Link wurde 1904 in Zürich geboren. Sie liess sich in Paris zur Konzert-Cellistin ausbilden und studierte an der Itten-Schule in Berlin Fotografie. Zurück in der Schweiz, arbeitete sie als freie Fotografin für verschiedene Publikationen. 1931 heiratete sie den Architekten und Künstler Max Bill, dessen künstlerisches Werk sie eindrücklich festhielt.

Daneben schuf sie ein persönliches fotografisches Werk – auf Reisen, in der Begegnung mit Künstlerfreunden aus dem engsten Kreis der Pioniere der Moderne und später im privaten Bereich. In ihren Stillleben, Porträts und Blumenbildern entwickelte Binia Bill eine persönliche und einzigartige Bildsprache, die das Flair der 1930er-Jahre vermittelte.

Bill blieb im Schatten ihres Mannes, und das, obwohl sie ihre Fotografien ausstellte und einige Kunst-Preise erhielt. Nach der Geburt des gemeinsamen Sohnes Jakob gab sie ihren Beruf auf, arbeitete für ihren Mann für den "Hausgebrauch". 2004 zeigte das Aargauer Kunsthaus ihr Werk in einer Einzelausstellung und widmete ihr endlich die gebührende Aufmerksamkeit.


Marcello (1836 – 1897)

Marcello, "La Phyte", Bronze-Skultptur um 1880 Musée d’art et d’histoire Fribourg

Herzogin von Castiglione Colonna, Adèle d’Affry oder Marcello? Die Freiburger Bildhauerin arbeitete unter dem männlichen Pseudonym Marcello, um als Künstlerin ernstgenommen zu

Kupferstich von L. Dumonz der Künstlerin, April 1864. The Picture Art Collection

werden.

 Adèle d’Affry stammte aus eine Patrizierfamilie und verbrachte ihre Jugend zwischen Freiburg und Nizza. Schon mit 17 Jahren fühlte sie sich zu Skulpturen hingezogen und reiste nach Rom, um sich vom Schweizer Bildhauer Heinrich Maximilian Imhof ausbilden zu lassen. 1856 heiratete sie Carlo Colonna, Herzog von Castiglione Aldovrandi, der im selben Jahr verstarb.

Zeit ihres Lebens war Adèle d’AffryExterner Link hin und her gerissen zwischen ihrer Karriere als Künstlerin und ihrer Rolle als Frau. Jung verwitwet, entschied sie sich gegen eine zweite Heirat und damit für ein Leben als "Bildhauer Marcello". Zwei Jahre später liess sie sich in Paris nieder und bewegte sich in der künstlerischen Bourgeoisie. Marcello wurde eine renommierte Künstlerin, die 1867 auf der Weltausstellung in Paris, 1869 in München und 1873 in Wien ausstellte.

Mit gerade 43 Jahren starb Adèle d’Affry 1879 in Italien an Tuberkulose. Sie hinterliess unzählige Skulpturen, Texte und Zeichnungen.

Eine Ausstellung im Museum für Kunst und Geschichte in Freiburg im Jahre 2014 trug zur Wiederentdeckung ihres Werkes bei.


Anny Meisser Vonzun (1910 – 1990)

Ebbe (Bretagne),1975. Acrylmalerei Stiftung Leonard Meisser und Anny Vonzun, Bündner Kunstmuseum Chur

Die Malerin und Zeichnerin Anny Meisser Vonzun schaffte die meiste Zeit ihres Lebens im Schatten ihres Mannes. Vonzun war die Ehefrau des Malers Leonhard Meissner. Die wuchs in St. Moritz auf und konnte nach der Ausbildung an den Kunstgewerbeschulen Basel und Zürich 1937 erstmals ihre Werke in Chur ausstellen. Sie konzentrierte sich oft auf Stillleben und Kinderbildnisse sowie Interieurs als Landschaften.

Anny Vonzun und Leonhard Meisser in ihrem Heim am Prasserieweg in Chur. zvg


Ihr ganzes Leben blieb sie bei der figurativen Malerei, während sie die heimische Berglandschaft für sich tabuisierte. Nicht, weil sie die beliebten Oberengadiner Landschaften nicht hätte malen können, sondern weil damals solche Bilder nicht von einer Frau erwartet worden waren. Zudem wollte sie ihrem Mann dieses Feld überlassen. Die figurative Malerei wurde in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts abgewertet und von neuen Stilrichtungen verdrängt, womit auch Anny Meisser VonzunExterner Link in Vergessenheit geriet. Zu ihrem 100. Geburtstag im Jahr 2010 wurde ein Buch über Vonzun veröffentlicht.




Wir haben uns die Sichtbarkeit von Künstlerinnen im Schweizer Museumsmarkt genauer in einer umfassenden Datenanalyse angesehen. Diese erscheint am 7. Juni. Melden Sie sich für den Newsletter an, wenn Sie die Reportage per Email erhalten möchten.

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