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Historische Rollenspiele "Das Mittelalter ist ein Erbe ganz Europas"



Nachstellung einer mittelalterlichen Szene im Schloss Greyerz.

Nachstellung einer mittelalterlichen Szene im Schloss Greyerz.

(swissinfo.ch)

Mittelalterfeste sind oft reine Touristenattraktionen, manchmal aber auch das Ergebnis wissenschaftlicher Dokumentations-Arbeit, vollbracht von Enthusiasten. Laut Olivier Renaudeau, Konservator im Armeemuseum Paris, müsste sich die Akademikerwelt mehr dafür interessieren.

Johannisfest in Greyerz, historischer Markt in Ardez, Mittelalter-Spektakel in Burgdorf, mittelalterliches Fest in Saint-Ursanne… Wer Ritter in Rüstungen bewundern, Frauen nach der Mode des 15. Jahrhunderts betrachten oder kulinarische Geheimnisse aus dem Mittelalter entdecken will, hat die Qual der Wahl.

Wie aber sind diese Gruppen der Nachstellung historischer Szenen entstanden? Und weshalb fasziniert vor allem das Mittelalter? Wir stellten diese Fragen Olivier Renaudeau, Konservator am Armeemuseum in Paris und Autor eines Artikels zum Phänomen der historischen Rollenspiele.

swissinfo.ch: Seit einigen Jahren ist eine Zunahme von Festen zu beobachten, wo die historische Nachstellung, vor allem die mittelalterliche, einen zentralen Platz einnimmt. Ist das ein neues Phänomen?

Olivier Renaudeau: Es gibt gewisse Orte in Europa, wo es traditionelle Gedenkfeiern gibt. In Frankreich, zum Beispiel in Orléans, gibt es seit 1429 die Johannisfeste, an denen die Befreiung der Stadt durch Jeanne d'Arc gefeiert wird. Oder das Fest von Rebeauvillé im Elsass, das auf das 14. Jahrhundert zurückgeht. Im 14. Jahrhundert, zur Zeit der Romantik, nahm die Zahl solcher Veranstaltungen zu.

Die historischen Feste, von denen wir sprechen, entwickelten sich erst in den letzten Jahren, in den 1980er-Jahren, als viele Städte Veranstaltungen mit eher touristischem Charakter zu organisieren begannen.

swissinfo.ch: Gibt es bei dieser Art von Veranstaltung auch eine Dimension von Identität?

O.R.: Vielleicht besteht der Wille, eine idealisierte Vergangenheit zu finden, aber die Dimension von Identitätsfindung scheint mir ziemlich beschränkt. Diese Feste haben mit dem Wunsch zu tun, Dörfer oder Städte aufleben zu lassen, die von Touristen wenig frequentiert wurden, ein Ereignis zu schaffen, um Leute anzuziehen und zusammenzubringen.

Für jeden Geschmack

In der Schweiz haben Feste mit historischem Charakter eine lange Tradition. Die Tellspiele von Interlaken (Bern) gibt es seit über einem Jahrhundert, die Genfer Escalade seit 1926 und das Zürcher Sechseläuten in seiner aktuellen Form seit Anfang 20. Jahrhundert.

Andere sind jüngeren Datums, wie etwa das Mittelalterfest (Médiévales) in Saint-Ursanne (Jura) oder das Römerfest in Augusta Raurica (Augst, Basellandschaft).

Schweiz Tourismus verfügt über keine Statistiken zu diesen Anlässen. "Im Grossen und Ganzen scheinen diese Feste aber immer beliebter zu werden", sagt Pressesprecherin Véronique Kanel. Ein Beispiel: Das Mittelalterfest in Saillon (Wallis) wurde 1991 von 10'000 Personen besucht, 2011 waren es bereits 24'000.

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swissinfo.ch: Wie hat es sich seit den 1980er-Jahren entwickelt?

O.R.: Seit den ersten Veranstaltungen, die oft von den Tourismusbüros organisiert wurden, bildeten sich Vereine von Passionierten vor allem des Mittelalters. Die Organisatoren der Feste und die Vereine sind darauf unterschiedliche Wege gegangen.

Die einen blieben in einer touristischen Perspektive, mit einem eher begrenzten wissenschaftlichen Inhalt. Bei den Vereinen jedoch wurde wahre Dokumentationsarbeit geleistet. Einige näherten sich der experimentellen Archäologie an. Die ersten, welche diese Arbeit vollbrachten, waren die englischen Truppen. In der Schweiz gab es die "Compagnie de Saint George", die 1988 gegründet wurde und in ganz Europa als Modell diente.

swissinfo.ch: Was ist am Mittelalter denn so faszinierend?

O.R.: Jeder hat wohl als Kind mal Ritter gespielt. Was ich aber feststelle, ist vor allem die sehr internationale Dimension des Mittelalters. Unter jenen, die sich für die Wiederbelebung einsetzen, kennen alle zum Beispiel das Musikrepertoire dieser Epoche, sei das in Frankreich, der Schweiz oder in England.

Die Kostüme, die Kunstformen, die Musikstücke und die Texte kursierten viel im Mittelalter. Im 15. Jahrhundert war ein Schweizer nicht viel anders gekleidet als ein Franzose oder ein Engländer. Das ist eine Art gemeinsames europäisches Vermächtnis. Jedermann kann sich in diesem Erbe wiedererkennen, obwohl sich zur Zeit der Gründung von Nationalstaaten auch gewisse Abweichungen installierten.

Dasselbe Phänomen wiederholt sich für die Antike. Es gibt extrem viele Gruppen, welche das Altertum aufleben lassen, so auch die Römerzeit. Auch hier existiert ein gemeinsames europäisches Erbe.

swissinfo.ch: Schwingt da eine gewisse Idealisierung der Vergangenheit mit?

O.R.: Ich bin nicht sicher, dass man aus einem geträumten Mittelalter, einem goldenen Zeitalter, soziologische oder psychologische Interpretationen machen kann. Die meisten, die dieser Leidenschaft frönen, sind sich in der Regel sehr bewusst, wie die Realität damals war, nämlich eine Epoche von Gefahren, Unsicherheit und sozialer Probleme.

swissinfo.ch: Spielen Literatur und Film beim Interesse für die Vergangenheit auch eine Rolle?

O.R.: Sicher, besonders die Literatur, welche zu Beginn dieser Bewegung der Auslöser war. Viele Junge haben diese Freizeitbeschäftigung gewählt, weil sie ein grosses Schwert der Helden aus "Herr der Ringe"haben wollten.

Die Truppen hatten zu Beginn übrigens wenig Ahnung vom Mittelalter. Sie liessen das Mittelalter auf ihre eigene Art aufleben. Das Mittelalter hat ja immerhin 1000 Jahre gedauert. Je nachdem, wie sich diese Vereine entwickelten, hatten sie die Tendenz, das Zeitfenster einzuschränken. Der Bezug zu einem universellen, etwas unverrückbaren Mittelalter ist so verschwunden.

Die "Compagnie de Saint George" zum Beispiel stellt einen burgundischen Artillerie-Trupp vom Ende des 15. Jahrhunderts während des Krieges zwischen den Eidgenossen und dem Herzog von Burgund nach. Das ist präzis, eine Zeitspanne von rund 20 Jahren.

swissinfo.ch: Wieso diese Präzision?

O.R.: Wenn man sich mit einem Thema wirklich auseinandersetzt, kann man die Objekte, die Mode oder die Kostüme auf 10 oder 20 Jahre genau datieren. Im Mittelalter wandelte sich die Mode ebenso rasch wie heute. Will man historisch gesehen konform sein, dann muss man sich auf eine genaue Periode konzentrieren.

swissinfo.ch: Und wie beurteilen die Akademiker diese Gruppen? Gibt es da eine gewisse Herablassung?

O.R.: Ja, die Akademikerwelt betrachtet sie manchmal ein wenig als komische Trottel. Das ist nicht unbedingt daneben, wenn man gewisse dieser Feste anschaut, wo der kulturelle Anspruch ziemlich begrenzt ist.

Meiner Meinung nach müssten sich die Universitäten dennoch mehr für dieses Milieu interessieren, denn diese Leute, die dieser Freizeitbeschäftigung nachgehen, gehörten oft zu ihren ersten Lesern. Und oft befassen sie sich sehr genau mit den universitären Arbeiten, die ihre bevorzugte Periode betreffen.

swissinfo.ch: Und wie erklären Sie sich dieses fehlende Interesse, wo doch diese Truppen ein wichtiger Vektor in der Vermittlung historischen Wissens sein könnten?

O.R.: Seit den 1970er-Jahren interessieren sich die Universitäten mehr für Mentalitäten und soziale Phänomene. Das sind Gebiete, welche die historische Nachstellung schlecht illustrieren kann. Auch deshalb sind die Historiker weniger empfänglich für diese Art Veranstaltungen.

Die Akademikerkreise interessieren sich für diese Leute vor allem als Studienobjekte, insbesondere die Soziologen. Die Historiker hingegen haben die Dimension dieses Phänomens noch nicht begriffen.

Museen und andere Institutionen gehen damit viel lockerer um. Sie haben verstanden, dass es ein Mittel ist, ihren Ort lebendig zu gestalten und Besuchern einen anderen Zugang zu Objekten zu gewähren, die sonst in den Vitrinen aufbewahrt werden.


(Übertragung aus dem Französischen: Gaby Ochsenbein), swissinfo.ch


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