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Tagsüber Koteletts, nachts Scherenschnitte

Geduld ist hier eine nötigte Tugend. Hans-Jürgen Glatz bei der Arbeit. © Dahai Shao, swissinfo.ch

Gäste kommen zu Hans-Jürgen Glatz hauptsächlich um zu essen. Der Wirt bietet in seinem Restaurant aber auch Besonderheiten fürs Auge.

Dieser Inhalt wurde am 13. März 2021 - 11:00 publiziert

Alle versuchen mal durch das Falten und Schneiden von Papierstücken Schneeflocken herzustellen. Hans-Jürgen Glatz hebt diese ursprünglich asiatische Technik auf eine ganz andere Ebene. Kombiniert mit der Psaligrafie, dem Schneiden von Scherenschnitten, entstehen filigrane Schwarz-Weiss-Kunstwerke, die eine Aura der Gelassenheit in sein Restaurant bringen.

Vor mehr als 30 Jahren lernte der aus dem deutschen Schwarzwald stammende Glatz am Thunersee eine Schweizerin kennen. Eine Begegnung, die nicht nur zur Heirat, sondern auch zu einer zweiten Karriere als Scherenschnittkünstler führte.

Glatz, der heute Inhaber und Küchenchef des Restaurants Hüsy in bernischen Blankenberg ist, sitzt auch im Vorstand des Vereins Scherenschnitt Schweiz und ist eine bekannte Grösse in der einschlägigen Gemeinde.

Scherenschnitt Schweiz

Der Verein Scherenschnitt SchweizExterner Link hat etwa 500 Mitglieder, von denen 320 aktive Papierschneider sind. Etwa ein Drittel davon sind Männer.

40% der aktiven Mitglieder kommen aus dem Kanton Bern, 30% aus der Westschweiz und 20% aus dem östlichen Teil des Landes. Der Rest kommt aus dem italienischsprachigen Raum und aus dem Wallis.

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Sein traditionelles dreistöckiges Haus, das als Restaurant, Museum und Archiv dient, beherbergt neben seinen eigenen Kreationen und seiner persönlichen Sammlung fast 600 Scherenschnitte des Vereins.

Die Ehefrau hatte die Idee

Nach der Heirat liessen sich Glatz und seine Frau in der Schweiz nieder. Eines Tages im Jahr 1990 sah er in einem Geschäft in Gstaad einen Scherenschnitt von Christian Schwizgebel und war hin und weg. "Es ist so wunderschön", sagte er. Aber es war auch unglaublich teuer. Für einen jungen Mann, der gerade in einem Schweizer Restaurant zu arbeiten begonnen hatte, war der Preis weit über seinen Möglichkeiten.

Glatz erzählte seiner Frau davon. Sie erwiderte: "Warum schneidest du es nicht selbst?"

Glatz zeigt seinen allerersten Scherenschnitt. © Dahai Shao, swissinfo.ch

Also nahm Glatz eines Tages, als im Restaurant nicht so viel los war, eine Nagelschere und machte seinen ersten Scherenschnitt in der Küche, indem er ein quadratisches Stück weisses Papier faltete. Dieser symmetrische Scherenschnitt hängt noch immer in seinem Büro. Obwohl der damalige Chefkoch ihm immer wieder sagte: "Mach dir keine Mühe - du bist dafür nicht geschaffen", wusste Glatz, dass er es doch war.

Glatz' Fähigkeiten erregten immer mehr Aufmerksamkeit, und seine Freunde und Familie begannen, ihm erste Aufträge zu geben. So gewann er nach und nach seine eigenen Kunden.

Im Laufe der Jahre hat der Autodidakt etwa 280 Werke geschaffen. Das grösste misst 150 cm x 79 cm und benötigte mehr als 500 Arbeitsstunden. Da er in einem kleinen Dorf lebt und einen Grossteil seiner Zeit auf einem Bauernhof verbringt, wo er sich um das Vieh kümmert, zeigen die meisten von Glatz' Werken Szenen aus dem Leben der Hirten in den Alpen.

Humor und Phantasie

Glatz ist ein Meister des grossformatigen Papierschnitts und hat ein besonderes Interesse an Tieren. Seine Arbeiten sind überwiegend schwarz-weiss, mit wenigen farbigen Ausnahmen.

Auf den ersten Blick wirken sie meist ernst und gediegen. Doch wer die Toiletten des Restaurants betritt, wird über die Szenen darin lachen: Glatz ist kein biederer und einfallsloser Handwerker, und in dieser privaten kleinen Welt gibt es viele witzige und humorvolle Werke voller Phantasie.

Sein Stil des Papierschneidens unterscheidet sich stark von dem, der in den Archivsammlungen zu finden ist. Es ist, als würde man plötzlich von einer Agrargesellschaft in eine moderne Metropole wechseln, mit starken zeitgenössischen Charaktern. Es zeigt sich, dass die scheinbar diskrete Kunst des Scherenschnitts auch frei und wild sein kann.

Glatz schafft auch gerne Arbeiten mit weiblichen Sujets, die von witzig bis absurd reichen. Bei der Darstellung traditioneller Sennerinnen zum Beispiel: So tragen einige Mädchen plötzlich kurzen Rock und einen Pferdeschwanz.

Ein langer Prozess

Ein Werk durchläuft in der Regel mehrere Schritte: die grobe Idee, Konzeption, Komposition, Zeichnen, Schneiden,  Reparieren und des Zusammenfügen. Und das kann dauern. Glatz' jüngste runde Arbeit, die "Vier Jahreszeiten" mit einem Durchmesser von 68 cm, benötigte beispielsweise 230 Stunden, um von der Idee bis zur Fertigstellung zu gelangen. Geduld ist eine Tugend, wenn es um das Schneiden von Papier geht.

Bei diesem besonderen Stück ist es fast unmöglich, die Details ohne eine Lupe zu sehen. Glatz sagte, dass nicht alle Details im Voraus gezeichnet wurden, sondern aus Fantasie und Gefühl resultierten, während er arbeitete.

Die "Vier Jahreszeiten". © Dahai Shao, swissinfo.ch

Beispielsweise der kleine kreisförmige Teil auf der linken Seite, der den Frühling darstellt: Die Schmetterlinge darin wurden vor dem Schnitt grob skizziert, während das dicht verzweigte Blätterdach und die Blätter schwer zu zeichnen waren und erst beim Schnitt selbst spontan entstehen konnten. Wenn Glatz ein Fehler unterläuft - wie bei einem kleinen Ast geschehen - kann dieser korrigiert werden. Im letzten Schritt wurden die verschiedenen Teile der Arbeit zusammengefügt.

Schweizer Tradition

Scherenschnitt ist eine Volkskunst, die die letzten 200 Jahre der Schweizer Landwirtschaft und Viehzucht widerspiegelt und die heimische Kultur stark beeinflusst hat, erklärt Glatz. Früher war das Scheren ein Zeitvertreib für die Menschen während der langen Wintermonate. Und die Kunstform ist noch heute lebending.

Mindestens zwei Stunden am Tag widmet Glatz seiner Leidenschaft, und jetzt, da das Restaurant wegen der Covid-19-Pandemie geschlossen ist, hat er sogar noch mehr Zeit dafür. Für ihn ist das Papierschneiden ein Teil seines Lebens. Da er aber sowohl beim Kochen als auch beim Scherenschnitt die Hände braucht, schmerzt sein rechter Zeigefinger oft durch Überbeanspruchung. Ausserdem kann er wegen der Belastung nicht mehr ohne Lupe Papier schneiden.

"Es wäre schrecklich und unvorstellbar, wenn ich eines Tages kein Papier mehr schneiden könnte", sagt er. "Aber das Leben wird weitergehen."

Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Scherenschnitts

Die Ursprünge des Papierschneidens liegen in Asien vor etwa 2000 Jahren, wo aus Tierhäuten ähnliche Objekte wie die heutigen Schnitte hergestellt wurden. Nach der chinesischen Erfindung der Papierherstellung entwickelte sich das Schneiden dann weiter. Die Kunst wurde ausgiebig im chinesischen Schattenpuppenspiel eingesetzt und kam über die Seidenstrasse nach Europa. Die frühesten dokumentierten Schweizer Scherenschnitte erschienen 1696. In der Sammlung von Hans-Jürgen Glatz befindet sich der zweitälteste Schweizer Scherenschnitt aus dem Jahr 1701 (siehe Galerie).

Im 19. Jahrhundert führte Johann Jakob Hauswirth (1809-1871) den traditionellen Scherenschnitt in der Schweiz ein.

Auf die Frage, ob künstliche Intelligenz den Menschen beim Scherenschnitt ersetzen könnte, sagte Glatz, dass Computer dies sicherlich eines Tages tun könnten. Der computerisierte Scherenschnitt sei jedoch seelenlos und die Arbeit vermittle keine Emotionen, da sie nicht mit Herz und Seele geschaffen sei: Ein Computer machteein Produkt, ein Mensch schaffe ein Kunstwerk.

Um die Kunst des Scherenschnitts weiterzugeben, hält Glatz gelegentlich Workshops ab. Er stellt fest, dass das Interesse der jüngeren Generationen vorhanden sein. Ihr Niveau beim Handwerk lässt ihn sehr optimistisch in die Zukunft blicken.

Normalerweise organisiert er jedes Jahr zwei Scherenschnitt-Ausstellungen im Restaurant Hüsy, von Januar bis April und von September bis November, in denen er die Arbeiten verschiedener Scherenschnitt-Meister zeigt.

Die grösste Ausstellung der Schweiz findet alle drei Jahre statt, die nächste im Jahr 2022 im Hans Erni MuseumExterner Link in Luzern mit den Arbeiten der besten Schweizer Scherenschneider.

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