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Lebensabend im grünen Klee für alte Kühe

Paul Oswald (rechts) und Reinhold Zepf mit einer ihrer alten Damen.

(swissinfo.ch)

Die sechs alten Kühe, die friedlich auf den Weiden eines kleinen Bauernhofs in der Ostschweiz grasen, wissen vermutlich nichts von ihrem Glück: Sie sind dem Schlachthof entkommen.

Sie profitieren von einer einmaligen Partnerschaft zwischen Tierschützern und Bauern: Tiere, die nicht mehr produktiv sind, erhalten ein Zuhause, wo sie ihren Lebensabend verbringen können.

Kassja und Sara und Freunde, die im Schatten der Apfelbäume wiederkäuen, lassen sich von Kameras und Mikrofonen nicht aus der Ruhe bringen.

Seit Kassja als erste Schweizer Kuh der obligaten Altersschlachtung entgangen und stattdessen in den wohlverdienten Ruhestand getreten ist, hat die Schweizer Presse schon viel über sie berichtet.

Kassja verdankt ihre Rettung in letzter Minute eines Lehrer, der mit seiner Schulklasse Kassjas Bauernhof unweit von Schaffhausen besuchte und dabei vom bevorstehenden Gang zum Schlachthof hörte.

Eingenommen von Kassjas freundlicher Art, erklärte sich der Lehrer bereit, das Tier zu kaufen. Da er jedoch nicht wusste, was er mit der neu erworbenen Kuh anfangen sollte, wandte er sich ratsuchend an die regionale Tierschutzorganisation.

Es lebe die Kuh

Entstanden ist daraus die Organisation "Viva la Vacca" (es lebe die Kuh), eine Art Heimvermittlung für "pensionierte" Kühe.

Die Tierschutz-Organisation findet Plätze für Kühe im Ruhestand und Sponsoren, die für deren Unterhalt aufkommen.

"Besitzer von Tieren, die sie nicht schlachten wollen, rufen uns an", sagt Reinhold Zepf, Präsident und treibende Kraft von "Viva la Vacca".

“Viele unserer Sponsoren leben zwar in der Stadt, sind aber auf dem Land aufgewachsen und haben eine Schwäche für Tiere", sagt Zepf.

Rund ein Dutzend Kühe hat das Projekt bisher vor dem Gang zum Schlachthof bewahrt. Sechs davon leben heute auf dem Hof von Paul Oswald im Weiler Sommeri, westlich von St. Gallen.

Oswald erhält 200 Franken pro Kuh im Monat – gerade genug, um die Kosten zu decken, sagt er.

Nicht nur eitel Freude



"Wir waren gerade im Begriff, aus der Milchproduktion aussteigen, als wir vom Projekt erfuhren", sagt Oswald, der seinen Lebensunterhalt mittlerweile mit dem Verkauf seiner Äpfel verdient.

"Wir waren an einer Teilnahme interessiert, weil wir Tiere immer gern mochten", fährt er fort.

Oswald hat sich damit nicht nur Freunde geschaffen. Einigen seiner Bauernkollegen ist seine Nähe zu einer Tierschutz-Organisation ein Dorn im Auge. Bauern mögen Tierschützer oft nicht besonders, da sie ihnen mit ihren Forderungen nach einer humaneren Behandlung der Tiere das Leben schwer machen.

"Sie sagen, man würde das Geld besser darauf verwenden, hungernden Kindern in Afrika zu helfen", sagt Oswald.

"Einige sind auch einfach eifersüchtig, weil sie finden, wir täten nichts für unser Geld, während sie sich mit ihren Milchbetrieben abrackern."

Besuch bei den "alten Damen"

Doch Oswald glaubt nicht, dass "Viva la Vacca" allzu viele Kühe wird vor dem Schlachthof bewahren können.

"Zwar zahlen die Metzger nur 300 bis 800 Franken pro Kuh, doch auf einen solchen Betrag können die meisten Bauern kaum verzichten", erklärt Oswald.

"Darum werden wohl nicht allzu viele Bauern Tiere, die während Jahren getreulich Milch produziert haben, einfach verschenken – auch wenn die Alternative das Schlachthaus ist."

Die wenigen Bauern, die es nicht übers Herz brachten, ihre Kühe schlachten zu lassen, kommen diese oft in Sommeri besuchen.

"Sie erzählen mir dann, wie ihre Kuh mehr als 10’000 Liter Milch produziert und 10 Kälber geboren habe, oder wie ihr Tier von allen liebevoll als Dorfkuh behandelt worden sei, die an keinem grösseren Anlass in der Gemeinde fehlen durfte."

Eigentlich sei er überrascht, sagt Reihold Zepf, dass es ein Projekt wie "Viva la Vacca" nicht schon lange gebe.

Schweizer Wahrzeichen



"In der Schweiz ist die Kuh ein kulturelles Wahrzeichen", meint Zepf. "In der Volkskunst von Appenzell etwa sind Kühe allgegenwärtig, und sogar in Städten wie Zürich oder Bern stösst man immer wieder auf Kuhmotive in Schaufenstern."

Zepf meint, bei diesem Projekt gebe es eigentlich nur Gewinner. Doch auch er nimmt an, dass die Reichweite von "Viva la Vacca" letztlich beschränkt ist.

"Jemand hat mir einmal gesagt, in der Schweiz gebe es vielleicht doppelt so viele Kühe wie Leute, und ob wir denn für die alle sorgen möchten – was für eine Frage!"

swissinfo, Dale Bechtel in Sommeri

In Kürze

Der Verein "Viva la Vacca" findet Höfe für "pensionierte" Kühe, deren Besitzer sie nicht schlachten lassen wollen.

Sponsoren zahlen für den Unterhalt der alten Kühe.

Derzeit geniessen 12 Kühe auf drei Höfen in der Ostschweiz einen geruhsamen Lebensabend.

Der Unterhalt einer "pensionierten" Kuh kostet 200 Franken im Monat.

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