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Literaturtage Schreiben über den Krieg, oder: Wie der Schmerz zur Sprache kommt

Die Solothurner Literaturtage widmeten sich dieses Jahr dem Thema "Konflikt.Stoff". Was das Erzählen von Krieg und Folter bewirken kann, wurde an einem Podiumsgespräch diskutiert: "Kriege erzählen. Leiden verarbeiten?"

Die in Bremen geborene Schweizer Schriftstellerin Hanna Johansen, rechts neben Moderatorin Bernadette Conrad, liest an den 37. Solothurner Literaturtagen.

(Keystone)

Literatur hat schon immer versucht, Unsagbares zur Sprache zu bringen, in Gedichten ebenso wie in Romanen. Doch wie kann das gelingen, mit welchen Mitteln? Wer in der Literatur Krieg und Folter darstellt, setzt sich leicht dem Verdacht aus, voyeuristisch zu sein. Für den Schriftsteller Sherko Fatah ist klar: "Kriegerische Gewalterfahrung soll in der Erinnerung aufbewahrt werden, denn sie ist eine Realität. Aber bei der detaillierten Beschreibung von Gewalttaten setze ich Grenzen."

Solothurner Literaturtage

Die Solothurner Literaturtageexterner Link fanden vom 15.-17. Mai statt und standen dieses Jahr unter dem Thema "Konflikt.Stoff". Über 70 Autorinnen und Autoren aus sechs Ländern präsentierten ihre neusten Werke.

Die Veranstaltungen waren gut besucht, 12 davon ausverkauft; insgesamt besuchten mehr als 15'000 Personen die diesjährigen Literaturtage.

Die nächsten Solothurner Literaturtage finden vom 6.-8. Mai 2016 statt.

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Der deutsche Autor mit irakischen Wurzeln hat sich das Herkunftsland seines Vaters zur literarischen Weltlandschaft gemacht, zu der er einen besonderen Zugang hat. "Der Krieg ist kein Wunschthema von mir, aber Gewalt gehört zu dieser Welt", sagt er am Podiumsgespräch in Solothurn.

"Erzählen ist kontrolliertes Wiedererleben"

Aus einer völlig anderen Perspektive beleuchtet der Arzt Thomas Maier das Thema. Er hat als Leiter des Ambulatoriums für Folter- und Kriegsopfer am Universitätsspital Zürich während mehrerer Jahre Kriegsversehrte und Folteropfer behandelt. Dabei hat er immer wieder beobachtet, dass Gewaltopfer ihre Erfahrungen am liebsten löschen würden, so wie man am Computer die Festplatte löscht.

"Aber das ist nicht möglich. Wer es schafft, das erlebte Schreckliche zu erzählen, ein Narrativ daraus zu machen, profitiert davon", sagt Maier: "Erzählen ist kontrolliertes Wiedererleben." Es gehe darum, das Erlebte als Teil der Biografie einzuordnen und als vergangen anzusehen. Die Therapie bedeute für die Betroffenen ein Wechselbad der Gefühle. "Menschen mit langjähriger Kriegserfahrung haben mir auch schon gesagt: 'Der Krieg ist meine Heimat'. Weil diese Erfahrungen eine enorme emotionale Intensität haben, ist es sehr schwierig, davon überhaupt wieder loszukommen."

Hani Abbas Zeichnungen am Rande des Todes

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Die Arbeit mit Kriegs- und Folteropfern sei äusserst beklemmend, und sie habe ihn verändert, gesteht Maier. Deshalb wolle er keine Gewaltfilme sehen, und auch Bücher, die um Krieg und Folter kreisen, möchte er lieber nicht zu nahe an sich herankommen lassen. Dennoch hätten Romane wie diejenigen von Sherko Fatah eine wichtige Funktion, indem sie unsere Wahrnehmung und unser Mitgefühl aktivieren. "Wir wollen das nicht hören, aber wir müssen es hören. Denn wir wissen, dass diese ungeheuerlichen Gräueltaten in der Welt geschehen."

Der Moderator des Gesprächs, Hans Ulrich Probst, fragt Sherko Fatah, der regelmässig für Recherchen in den Irak reist, warum er keine Reportagen schreibe, sondern Romane. "Weil meine Form der Roman ist und weil ich mit der Schilderung von Figuren und ihren Gefühlen eine grössere Tiefe erreiche. Ich individualisiere das Geschehen und beschreibe die Gewalt als eine ständige Bedrohung, die nur in Momenten als konkretes Ereignis ausbricht", antwortet der Autor.

In seinem jüngsten Roman "Der letzte Ort", aus dem er in Solothurn vorlas, wird ein deutscher Entwicklungshelfer zusammen mit seinem Dolmetscher im Irak entführt. Drastische Gewaltschilderungen gibt es keine. Jedoch wird die erlittene Gewalt indirekt dargestellt, in ihrer Wirkung auf den Protagonisten. So wird beim Lesen die Angst spürbar, die durch das Ausgeliefertsein und die permanente Unsicherheit entsteht.

Fatah und Meier

Sherko Fatah wurde 1964 als Sohn einer Deutschen und eines irakischen Kurden in Ostberlin geboren. Er studierte Philosophie und Kunstgeschichte. 2001 erschien sein erster Roman, "Im Grenzland", eine Schmugglergeschichte.

Weitere Romane sind "Das dunkle Schiff" (2008), "Das weisse Land" (2012) und "Der letzte Ort" (2014). Dieses Jahr erhielt der Autor den Chamisso-Preis der Robert-Bosch-Stiftung und den Grossen Kunstpreis Berlin der Akademie der Künste.

Thomas Maier ist Chefarzt bei den St. Gallischen Kantonalen Psychiatrischen Diensten in Wil. Davor war er während mehrerer Jahre Leiter des Ambulatoriums für Folter- und Kriegsopfer am Universitätsspital Zürich, wo er Kriegsversehrte und Folteropfer aus verschiedenen Ländern behandelte.

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Metaphern für den Schmerz

Im anschliessenden Gespräch mit swissinfo.ch präzisiert Sherko Fatah, dass er beim Schreiben eines Romans nach Metaphern suche und andeute statt detailliert beschreibe, um die Imagination der Leser zu nutzen: "Die Gewalt ist alltäglich und banal. Dafür muss ich Bilder finden." Für ihn persönlich wirke das Erzählen nicht heilend. "Schreiben ist anstrengend. Aber für die kollektive Auseinandersetzung kann literarisch inszenierte Gewalt durchaus heilende Wirkung haben."

Seine irakisch-deutsche Herkunft ist für den in Berlin geborenen Autor literarisches Kapital. Das Aufeinandertreffen eines Deutschen und eines irakischen Übersetzers sowie die Entwicklung ihrer Beziehung in der Grenzsituation der Entführung ist das eigentliche Thema in "Der letzte Ort". Der Roman spielt schmerzhaft nah an einer Realität, in der IS-Milizen mit Entführungen und Enthauptungen Angst und Schrecken verbreiten.

Auch Sherko Fatah setzt sich mit der Frage auseinander, wodurch der IS für junge, in Europa aufgewachsene Muslime so attraktiv ist. Er vermutet: "Nicht alle Menschen sind friedliebend. Für manche jungen Leute sind Abenteuer und Krieg anziehend. Sie wollen den Ernst des Lebens spüren. Wenn man sich die Biografien dieser Jungen ansieht, merkt man, dass ihnen etwas fehlt, dass sie irgendwo Anschluss suchen, wo sie sich heimisch fühlen."

Fatah wird nachdenklich und erzählt dann, was er im Irak oft von seinen Freunden und Verwandten gefragt werde: "Was läuft eigentlich mit der Integration in Europa schief, wenn so viele junge Muslime nach Irak und Syrien zurückkommen, um hier Menschen umzubringen?" Eine einfache Antwort darauf gibt es nicht. Vielleicht lässt sich auch hier mit literarischen Mitteln tiefer schürfen.

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