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Mehr Power für die europäische Wissenschaft

Nobelpreisträger Rolf Zinkernagel will den Forschungsstandort Europa stärken.

(Keystone)

Der Schweizer Nobelpreis-Träger Rolf Zinkernagel ist Mitglied des neuen Europäischen Forschungsrates. Er sprach mit swissinfo über seine Ziele.

Das Gremium hat von der Europäischen Union den Auftrag, Wissenschaftsprojekte zu fördern und unterstützen, um den Rückstand auf die USA aufzuholen.

Der Europäische Wissenschaftsrat (ERC) nimmt seine Arbeit am 1. Januar 2007 auf. Zinkernagel, Professor für experimentelle Pathologie und Immunologie an der Universität Zürich, erklärt, ein Hauptziel des Rates werde es sein, "die besten Vorschläge" für wissenschaftliche Forschung aufzuspüren und deren Finanzierung zu unterstützen.

swissinfo: Was sind die Ziele des neuen Europäischen Forschungsrats?

Rolf Zinkernagel: Der ERC verfolgt zwei Ziele. Erstens ist man der Ansicht, dass es wichtig ist, das eher entwicklungspolitische Wissenschaftsprogramm der EU dem wissenschaftlich ausgerichteten, wettbewerbsorientierten Modell der USA anzugleichen. Dort wird über 50% der wissenschaftlichen Forschung betrieben.

Zweitens ist es für die EU wichtig, einen Rat mit einem umfangreichen Budget zu schaffen, in dem wissenschaftliche Kriterien an erster Stelle stehen, wenn es um Finanzierung von Forschung geht.

Insbesondere soll ein Forum geschaffen werden, um das Beste aus der europäischen Wissenschaft zu unterstützen, und zwar zusätzlich zu den nationalen Programmen.

swissinfo: Welche praktischen Massnahmen werden Sie zur Erreichung dieser Ziele ergreifen?

R.Z.: Vergleichen wir zum Beispiel Bereiche, in denen die wettbewerbsorientierte Wissenschaft Erfolg hat, mit der Kunst. Man kann einem Künstler nicht befehlen, ein Bild der blauen Periode zu malen – das funktioniert nicht.

Man muss Künstler finden, die man als die Besten Europas einschätzt, sie unterstützen und hoffen, dass sie mit dieser Unterstützung noch besser werden.

Wir sollten die bestmögliche Wissenschaft in Europa evaluieren und unterstützen.

swissinfo: Wie weit liegt Europa in der Wissenschaft hinter den USA?

R.Z.: Europa steht recht gut da, doch die wettbewerbsorientierte Wissenschaft sowie Wissenschaftsprojekte, die von der Forschung initiiert werden, sind noch immer sehr auf die nationalen Ebenen beschränkt. Es geht um die Frage, wie Europa die Wissenschaft als globales Geschäft angehen soll.

Die Abwanderung europäischer Wissenschafter in die USA ist insofern ein Problem, als der Wettbewerb zu einem attraktiven Aspekt des Lebens werden sollte. Das funktioniert in den USA besser als hier in Europa. Unsere Arbeitsgesetze sind weniger flexibel als die amerikanischen. Das ist schlecht für die Wissenschaft. Die Anstellungsmöglichkeiten müssen flexibel sein.

In der Wissenschaft ist die Attraktivität der Sandkastenspiele der wichtigste Aspekt. Da hat Europa ausgezeichnete Möglichkeiten. Der Abwanderung können wir nur entgegenwirken, wenn Europa attraktive Forschungseinrichtungen sowie Kultur- und Lebensbedingungen bietet. Diese müssen attraktiver sein diejenigen der Städte der USA.

Die wichtigste politische Frage ist, ob die EU nicht nur die angewandte, sondern auch die Grundlagenforschung fördern soll. Die beste Wissenschaft muss nicht unbedingt auf Anwendung basieren, sondern auch auf Neugier – indem wichtige Fragen gestellt werden. Die EU bewirkte bisher in diesem Bereich nichts Wesentliches.

swissinfo: Wie hoch muss das Budget des ERC sein, damit er effizient arbeiten kann?

R.Z.: Mein Traum wären 30 Milliarden Euro pro Jahr, was zur Zeit eine Illusion ist. In jüngster Zeit wurde von drei Milliarden Euro jährlich gesprochen, aber auch das wurde schon halbiert, weil andere wichtige Probleme anstehen.

Ich denke, drei Milliarden Euro wären angemessen für den Anfang, und dann muss man sehen, wie es sich entwickelt.

swissinfo: Besteht die Gefahr, dass sich die Politik in die Wissenschaft einmischt?

R.Z.: Das wurde in allen Ländern versucht. Wenn die Politik anfängt, zu definieren, was erforscht werden soll, führt das in die Katastrophe.

Wenn Politiker die Wissenschaft subventionieren, müssen sie eine Gesamtsumme beschliessen und die Wissenschafter den Wettbewerb organisieren lassen. Obwohl diese nicht immer gute Entscheide treffen, sind sie aufgrund ihrer Ausbildung besser gerüstet, vernünftige Annahmen zu machen.

swissinfo: Was trägt die Schweiz zur europäischen Wissenschaft bei?

R.Z.: In den letzten zwei Jahren entsprach der Beitrag der Schweiz jenen der EU-Mitgliedsländer. Was die Wissenschaft angeht, ist die Schweiz keine Aussenseiterin. Unsere nationale Wissenschaft ist auf den freien Wettbewerb ausgerichtet.

Im ERC können wir als Schweizer einen guten Beitrag leisten, indem wir mithelfen, das Ziel zu erreichen, für das Beste aus der Wissenschaft unter Kontrolle von Wissenschafterinnen und Wissenschaftern ein gutes Budget auszuhandeln.

swissinfo-Interview: Matthew Allen in Zürich
(Übersetzung aus dem Englischen: Charlotte Egger)

Fakten

Der Europäische Forschungsrat wird seine Arbeit am 1. Januar 2007 aufnehmen, mit dem Ziel, die Wissenschaft in der EU zu fördern und zu unterstützen.
Rolf Zinkernagel wurde in den 22-köpfigen Wissenschaftsrat gewählt, der den ERC leiten wird.
Professor Zinkernagel erhielt 1996 den Nobelpreis für Physiologie und Medizin, zusammen mit Professor Peter Doherty "für die Entdeckungen, wie das Immunsystem virusinfizierte Zellen erkennt" ("for their discoveris concerning the specificity of the cell mediated immune defence").

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