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Multikulturelle Schweiz im Ancien Régime

Vor Hunderten von Jahren gingen die Schweizer einiges unverkrampfter mit anderen Sprachen um als heute. Selbst das einfache Volk war mehrsprachig.

Dieser Inhalt wurde am 22. Juli 2002 - 11:08 publiziert

Der lange Kampf um das Überleben des Rätoromanischen oder der Streit um die Einführung von Frühenglisch in der Schule seit vergangenem Jahr zeigen, dass sich die Schweiz schwer tut mit ihrer Mehrsprachigkeit. Das war nicht immer so.

Die alte Eidgenossenschaft des 15. bis 19. Jahrhunderts war geprägt von verschiedenen Wirtschaftsräumen, Regierungs- und Rechtssystemen und Kulturtraditionen.

Norbert Furrer, Historiker und Linguist an den Universitäten von Lausanne und Bern, kommt in seiner soeben erschienenen Studie "Die Vierzigsprachige Schweiz" zum Schluss, dass die "Gesellschaft des Ancien Régime möglicherweise multikultureller" war als die heutige.

Ausdruck dieser Vielfalt war ein aussergewöhnlicher sprachlicher Reichtum. Innerhalb eines Gebietes existierten klassische Sprachen, in Normen und Regeln gefasste Hochsprachen und zahlreiche Dialekte, lokale oder regionale Idiome nebeneinander.

Sprachhierarchie

Zuoberst in der Hierarchie standen Latein, Griechisch und Hebräisch. Es folgten die Kanzleisprachen, Mundarten sowie schliesslich Minderheiten- oder Sondersprachen wie Jenisch.

Wer der Elite angehörte, war der klassischen Sprachen mächtig. In der gebildeten Mittelschicht wurde neben der zu Hause erlernten Mundart die Schriftsprache gesprochen. Das einfache Volk sprach meist so, wie ihm der Schnabel gewachsen war.

Keine Fixierung aufs Heimatdorf

Die Menschen der auf Handel ausgerichteten vorindustriellen Gesellschaft reisten aber viel und kamen dabei regelmässig in Kontakt mit anderen Idiomen - etwa auf Märkten und Messen, in Gasthöfen oder an Wallfahrtsorten.

Das Bild des Bauern, der nie aus dem Heimatdorf wegkam, ist falsch. Gerade das einfache Volk bewegte sich aus Notwendigkeit zwischen den Sprachgemeinschaften hin und her und ging neugierig auf das Fremde zu.

Polizeisteckbriefe als Quellen

970 Polizeisteckbriefe aus der Zeit von 1728 bis 1849 belegen Furrers These. Über 80 Prozent der Gesuchten waren zweisprachig. 133 Personen waren dreisprachig, 18 viersprachig und 13 fünf- oder mehrsprachig.

Der 33-jährige Kaminfeger Paul Pancaldi aus Ascona etwa wurde gesucht mit dem Signalement "mittelmässiger Mund, an der oberen Lippe ein Merkmal, geht etwas gebogen und spricht italienisch, deutsch, polnisch und böhmisch".

Korbmacher Peter Nicolet aus Murten, 23 Jahre alt, 5 Schuh 11 Zoll hoch, sprach "französisch, deutsch, holländisch, italienisch und das Freyburger Patois".

"Grobtönige Aussprache, Luzernerdialekt und französisch"

Elisabeth Byland aus dem aargauischen Muri war "trunksüchtigen Aussehens und zog Mannsbildern nach". Die Näherin hatte eine "grobtönige, schnelle Aussprache, sonst höflich, spricht den Luzernerdialekt und gut französisch".

Dass die Menschen unverkrampft mit Sprachen umgingen, zeigt sich auch im selbstverständlichen Gebrauch von fremdsprachigen Ausdrücken. Erschien es angemessen, wechselte man die Sprache - in gehobenen Kreisen ziemte es sich, Lateinisch oder Französisch zu parlieren.

Gemäss Furrer hatten die Menschen einen ausgeprägten Hang zum genussvollen Wechseln von einer Sprache in die andere innerhalb einer Aussage. Und dabei zeigten sie weder Respekt vor Regeln noch hatten sie Angst, ihre Sprache zu verhunzen.

Uniformisierung ab 19. Jahrhundert

Dieser Umgang mit der Sprache dauerte bis ins 19. Jahrhundert: In Schule, Armee und Bürokratie der neu gebildeten Nationalstaaten wurde die Uniformisierung vorangetrieben. Die Nationalsprache wurde Ausdrucksmittel der nationalen Ideologie.

In der Schweiz etablierten sich von den Schriftidiomen Französisch und Italienisch neben der vormaligen Staatssprache Deutsch als "Nationalsprachen". Zugleich verschwanden in der französischen Schweiz bis ins 20. Jahrhundert fast alle Mundarten.

In der italienischen Schweiz glichen sich die Dialekte dem Westlombardischen an. Selbst Schweizerdeutsch schien keine Zukunft mehr zu haben. Alemannisch und Lombardisch aber erstarkten angesichts der totalitären und nationalistischen Bedrohungen aus Norden und Süden. 1938 schliesslich wurde Rätoromanisch zur vierten Landessprache.

swissinfo und Petra Stöhr (sda)

Furrer Norbert, Die vierzigsprachige Schweiz. Sprachkontakte und Mehrsprachigkeit in der vorindustriellen Gesellschaft (15. bis 19. Jahrhundert). 2 Bände. Chronos-Verlag, 2002.

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