Paul Nizon wird 70

Der Schweizer Schriftsteller Paul Nizon wird am Sonntag (19.12.) 70 Jahre alt. Die Schweizer Heimat ist ihm als Schriftsteller zu eng geworden. Deshalb hat er 1977 seinen Wohn- und Lebensort in die Metropole Paris verlegt.

Dieser Inhalt wurde am 18. Dezember 1999 - 16:32 publiziert

Die Schweizer Heimat ist ihm als Schriftsteller zu eng geworden. Deshalb hat er 1977 seinen Wohn- und Lebensort in die Metropole Paris verlegt. Am 19. Dezember feiert der literarische Flaneur Paul Nizon seinen 70. Geburtstag.

Die kleinen Orte in der engen Schweiz boten Paul Nizon zu wenig Leben. Deshalb stand für ihn schon früh fest, diese Enge "wegzulassen, nicht einmal zu bekämpfen, sondern zu fliehen".

Nizon wurde kein Sucher im eigenen Lande wie andere Autoren seiner Generation, sondern ein Botschafter aus der grossen Stadtwelt. So einfach freilich ist das Leben auch da nicht.

Bewährung in Paris

Im Roman "Das Jahr der Liebe" (1981) hat er den Zwiespalt zwischen der Abgeschiedenheit in einer Zimmer-Zelle und dem pulsierenden Treiben auf der Strasse ausgetragen.

"Das Jahr der Liebe" ist das vielleicht schillerndste Buch von Paul Nizon, geschrieben in einer Gefahrenzone zwischen Dasein und Flucht. Es hat eine Prosa begründet, die sich aus den Erfahrungen der Pariser Emigration nährt.

Nizon zeigt sich als Flaneur in der idealisierten Stadt der Liebe. Der Roman markiert zugleich den Abschluss einer Schaffensphase, in der der promovierte Kunstgeschichtler und- kritiker Nizon durch seinen

"Diskurs in der Enge"

ins Gerede geraten war. Diese 1970 erschienene Aufsatzsammlung, in der er das von Karl Schmid bereits diagnostizierte "Unbehagen im Kleinstaat" nochmals akzentuierte, hat bis heute beinahe sprichwörtliche Resonanz behalten.

Echtes künstlerisches Talent müsse in der Schweiz verdorren, weil es auf diesem Holzboden nicht gedeihen könne, lautet kurz gerafft seine griffige These. Weil das landesübliche Mittelmass alles Hervorragende zurechtstutze, bleibe nur die Emigration aus dieser weltarmen Engnis.

Bereits sieben Jahre zuvor hatte Nizon dieser Ansicht literarisch Ausdruck verliehen in seinem Reise- und Fluchtprotokoll "Canto" (1963). In "Nur diese Schreibpassion in den Fingern", entdeckt der Erzähler den Rausch der Worte. "Weder Lebens- noch Schreibthema, bloss matière, die ich schreibend befestigen muss, damit etwas stehe, auf dem ich stehen kann."

Am Schreiben gehen

Flucht- und Schreibthematik haben sich fortan in seinen Büchern miteinander verknüpft, so im Reiseprotokoll "Untertauchen" (1972) und tragisch verschärft im Roman "Stolz" (1975). "Sprache als Reise, Reise als Sprache, um das Leben zu gewinnen». Während die Reise für Iwan Stolz aber mit dem Kältetod endet, hat der Autor "am Schreiben gehen" gelernt, wie Nizon 1985 seine Poetikvorlesung überschrieben hat.

Leidenschaft für das Leben

Darin steckt der Preis der Wort- und Lebenssucht, die in «etwas wie Dichten und Beten» aufgehen soll. Eine Leidenschaft treibt Nizon an, die nie ans Ziel gelangt. "Nahe daran und nie habhaft", hiess es schon in "Canto": "Kann es nicht einnehmen, kann sich nicht abwenden, kann nicht herein, nicht heraus."

So bleibt der Flaneur-Dichter in Bewegung in einer Zeit, die ihm allmählich abhanden zu kommen droht. Auch Baudelaire wäre es heutzutage wohl nicht ganz geheuer.

Biografische Stichworte

Paul Nizon wurde am 19. 12. 1929 in Bern geboren. Sein Vater war ein russischer Emigrant, die Mutter Bernerin. Nizon studierte Kunstgeschichte, Archäologie und Literaturgeschichte in Bern und München. 1957 promovierte er über van Gogh.

Nach einer Museumsassistenz in Bern und der Arbeit als leitender Kunstkritiker bei der "Neuen Zürcher Zeitung" (1961) ist er seit 1962 freier Schriftsteller. Seit 1977 lebt er in Paris.

Nizon erhielt unter anderen folgende Auszeichnungen: Conrad- Ferdinand Meyer-Preis (1972), Preis der Schweizerischen Schillerstiftung (1982), Deutscher Kritikerpreis für Literatur (1982), Prix France Culture Étrangère (1988), Chevalier dans l'Ordre des Arts et des Lettres (1988), Preise von Kanton und Stadt Zürich (1989, 1992) und Stadt Bern (1989, 1994), Marie-Luise Kaschnitz-Preis 1990, Erich Fried-Preis 1996 und einen Preis des Deutschen Literaturfonds (1997).

SRI und Agenturen

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