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Schmuggel: Grosse Versuchung - viele Versuche

(Keystone)

Kühe nachts über die grüne Grenze treiben, Cognac im Tankwagen als Wein deklarieren, Devisenkontrollen umgehen: Bis in die 1990er-Jahre stand der Schmuggel über die Landesgrenzen in Blüte. Alfred Kaltenrieder, ehemaliger Zöllner aus dem Jura, erzählt.

Im Dezember tritt die Schweiz dem Schengenraum bei. Damit dürfen erstmals seit einem Jahrhundert Personen ohne Kontrolle die Grenze überschreiten. Doch die Güter, die sie transportieren oder mit sich tragen, unterliegen weiterhin den Bestimmungen des Warenzolls und werden an der Grenze kontrolliert.

Die Schweiz ist nicht Mitglied der EU und hat deshalb keine Zollunion mit ihren Nachbarländern, die EU-Länder sind.

Wo aber Zölle anfallen, gibt es auch die Versuchung zu schmuggeln. Sie wächst mit der Zunahme der Preisunterschiede im Vergleich zu den Nachbarländern und mit der Strenge der Einfuhrverbote.

Hochpreisinsel Schweiz

Von diesen Versuchungen kann Alfred Kaltenrieder, pensionierter Zollbeamter aus dem Waadtländer Jura, einiges erzählen. Denn seine Zeit als Zöllner war geprägt vom Schweizer Agrarprotektionismus - mit hohem Preisgefälle vor allem bei Nahrungsmitteln und Alkohol und mit Restriktionen beim Import.

Damit schützte die Politik zwar einflussreiche inländische Produzenten, bezahlen mussten dies aber die inländischen Konsumenten.

"Zu Beginn meiner Laufbahn nach dem Krieg beim Grenzübergang hinter Le Locle schmuggelten viele Leute Kaffee und Tabak nach Frankreich", so Kaltenrieder. Doch später ging es vor allem um Schmuggel in die Schweiz.

Falsch deklariert

Während er als Zöllner bei Privatfahrzeugen die Ware noch selbst im Kofferraum einsehen konnte, sei er bei grossen Waren-Transporten auf die Deklarationen angewiesen gewesen: "Und da gab es auch Falsch-Deklarationen!"

"So wurde ein Tank-Inhalt als günstiger Wein deklariert, obschon im Tank teurer Cognac lag", sagt Kaltenrieder. "Falsch deklarieren liess sich aber auch die Zeit", so der pensionierte Zöllner.

Bei einigen Früchten oder Gemüsen erlaubte die Schweiz zeitlich limitierte Import-Kontingente. Während dieser Zeitfenster durften zum Beispiel billige französische Kirschen eingeführt werden, bis die geschützten teuren einheimischen Kirschen reif waren.

"Oft waren aber die Kontingents-Daten schon abgelaufen, als die beladenen Lastwagen vor unserem Zoll vorfuhren", erzählt Kaltenrieder. "Doch in den Zolldeklarationen wurden die Fristen verlängert, in der Hoffnung, die Zöllner hätten nicht alle offiziellen Daten präsent."

Bei Leuten aus der Region und Gastarbeitern aus Iberien hat Kaltenrieder besonders auf Fleisch geachtet: "Hier bestanden gegenüber Spanien und Portugal extreme Preisgefälle. Deshalb wussten wir, wie gross die Versuchung war, privat illegal einzuführen."

"Der damals starke Franken verschärfte diese Preisunterschiede noch zusätzlich", so Kaltenrieder.

Schutz der Schweizer Kühe vor ausländischen Stieren

Auch einige Schweizer Bauern aus der Grenzregion, die zu den eigentlichen Nutzniessern des Agrarprotektionismus gehörten, unterlagen der Versuchung zu schmuggeln.

Noch in den 1970er-Jahren versuchte die Agrarbehörde in Bern die "Schweizer Kuhrasse" vor Kreuzungen mit ausländischem Vieh zu schützen.

"Doch unsere Schweizer Milchbauern unternahmen alles, um an französische Stiere zu kommen. Denn sie wussten, dass die Holstein-Rasse mehr Milch als die eigene Rasse gab."

Schweizer Milch war damals hochsubventioniert, und den Milchproduzenten riss der Geduldsfaden. Wie Viehschmuggler trieben einige nachts jeweils ihre Kühe durch den Grenzfluss Doubs oder über die grüne Grenze zu den benachbarten französischen Stieren zur illegalen Besamung.

Holstein-Vieh auf die Schlachtbank

"Einer meiner grössten Fänge in dieser Zeit war eine Herde von 23 Kühen aus Frankreich. Sie wurden nach Mitternacht bei Crassier aufgebracht. Um diese Zeit waren die Zöllner längst weg, und die Kühe kamen leise, natürlich ohne Glocken, auf der Kantonsstrasse entlang dem Grenzverlauf in die Schweiz."

"Das Vieh wurde zum Grenzposten nach Crassier gebracht, protokolliert und vom Veterinär begutachtet", erzählt Kaltenrieder. "Da sie aber als Holstein-Kühe nicht den Schweizer Rassenvorschriften entsprachen, wurden schliesslich alle geschlachtet."

Der Waren-Schmuggel in Richtung Schweiz sei seinen französischen Zöllner-Kollegen ziemlich egal gewesen, erzählt Kaltenrieder. "Das Schweizer Zollhaus befand sich fast genau an der Grenze, am Fluss, im unbewohnten Gebiet. Das Französische hingegen drei Kilometer weiter nach Frankreich hinein."

Damit befand sich der Arbeitsplatz der französischen Zöllner in einem bewohnten Dorf, was für sie und ihre Familien bequemer gewesen sei. Nur: "Zwischendrin gab es einen tiefen Wald. Die Schmuggler hatten also genug Platz, um sich zu organisieren."

Umgekehrte Situation bei den Devisen

Ging es aber um Banknoten, Gold oder Wertpapiere hörte die Nonchalance der französischen Kollegen schlagartig auf. Auf die Franzosen warteten drakonische Strafen, wenn sie als Privatpersonen ihr Vermögen über die Grenze in die Schweiz bringen wollten.

Denn für Franzosen war es verlockend, bei den hohen eigenen Inflationsraten im Franc ihr Vermögen in die Schweiz zu transferieren. Derart unkontrollierte Kapitaltransfers wurden bis in die späten 1980er-Jahre von den französischen Grenzbehörden stark geahndet.

"Den Schweizer Zöllnern wiederum bereitete dieses Vergehen weniger Probleme", so Kaltenrieder.

swissinfo, Alexander Künzle

Fakten

Alfred Kaltenrieder wurde 1924 in Moudon im Waadtland geboren.
1948 begann er die Grenzwachtschule in Liestal und trat gleichzeitig seinen ersten Posten in der Doubs-Schlucht (Gorges du Doubs) bei La Chaux-de-Fonds an.
Nachher durchlief er weitere acht Grenzposten.
Sein letzter war in Crassier bei Nyon.
Seit 1987 ist er pensioniert und lebt in einem ehemaligen Grenzwächter-Haus in La Rippe in der Nähe von Crassier, zwischen Divonne und Nyon.

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Schmuggelbilanz 2008

Die Eidgenössische Zollverwaltung (EZV) findet immer häufiger illegal eingeführte Medikamente.

Auch Lebensmittel-Schmugglern kommt sie regelmässig auf die Spur.

Insgesamt hat die EZV im Jahr 2008 175 Tonnen Waren beschlagnahmt.

Mit 23,7 (Vorjahr 23) Mrd. Franken waren die Einnahmen der EZV im Jahr 2008 so hoch wie noch nie.

Gegenüber dem Vorjahr stieg die versuchte Einfuhr illegaler Heilmittel von 366 auf 687 Fälle.

Am häufigsten wurden Muskelaufbau- und Dopingpräparate sowie Schlankheitsmittel geschmuggelt.

Bei den Lebensmitteln beschlagnahmten die Zöllner vor allem Früchte und Gemüse sowie Getreide und Fleischwaren.

In 7000 Fällen ermittelte die Zollfahndung wegen organisierten Schmuggels. Dabei geht es vor allem um die Hinterziehung von Mehrwertsteuer.

Geschmuggelt werden neben Lebensmittel auch Tiere, Spirituosen, Tabakwaren, Mineralöl oder geraubte Kulturgüter.

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Schmuggelbeispiel Mais

Ein Landwirt aus dem Kanton Jura hat laut der Zollkreisdirektion Basel illegal 420 Tonnen Mais aus Frankreich eingeführt.

Der Zoll stellte dem Mann nun im September 2008 eine Nachforderung für entgangene Einfuhrabgaben von 44'000 Franken.

Zudem sei gegen den Landwirt ein Strafverfahren eingeleitet worden. Er müsse mit einer Busse rechnen.

Den Inlandwert des illegal eingeführten Mais beziffert der Zoll auf rund 76'000 Franken.

Gemäss den Ermittlungen der Basler Zollfahndung hat der Landwirt in Frankreich Silomais gekauft, ihn mit eigenem Mais gemischt, den er jenseits der Grenze legal angebaut hatte.

Bei der Einfuhr in die Schweiz gab er aber nur den selbst angebauten Mais an, den er gemäss der im Grenzgebiet geltenden Regelung abgabefrei einführen durfte.

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