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Schweizer Firma sterilisiert Millionen Ampullen für Covid-Impfstoff

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Der Schweizer Chemie- und Pharmakonzern Lonza steht im Scheinwerferlicht, seit er im grossen Stil mit der Produktion des Covid-19-Impfstoffs von Moderna angefangen hat. Aber auch weniger bekannte Schweizer Akteure spielen eine entscheidende Rolle in der komplexen Kette der internationalen Impfaktion. Darunter Medistri.

Dieser Inhalt wurde am 20. Januar 2021 - 15:00 publiziert

Domdidier zählt kaum etwas mehr als 3000 Seelen. Das Dorf liegt zwischen Avenches, der ehemaligen Hauptstadt römisch Helvetiens, und dem Militärflugplatz Payerne, Hauptstützpunkt der Schweizer Luftwaffe.

Seine Industriezone aber gleicht eher einer Kleinstadt: Fabriken, Lagerhallen und Transportunternehmen haben in nur wenigen Jahren die Flächen besetzt, die früher für den Anbau von Kartoffeln oder Rüben genutzt wurden.

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Die nah gelegene Autobahn, 2001 eröffnet, und die Bemühungen der Wirtschaftsförderung des Kantons Freiburg haben zahlreiche Unternehmen angelockt. Darunter auch Medistri, ein Familienunternehmen, das sich auf das Sterilisieren medizinischer und pharmazeutischer Geräte mit Gas spezialisiert hat.

"Die Produkte, die wir sterilisieren, werden per Lastwagen aus der Schweiz und europäischen Nachbarländern angeliefert. Zudem befindet sich unser Gaslieferant gleich auf der anderen Strassenseite. Dieser Standort ist deshalb ideal", sagt Shoko Nilforoushan, Gründerin und Direktorin von Medistri.

Geschwindigkeit und Flexibilität

Die Iranerin kam mit 19 Jahren nach Lausanne, um an einer internationalen Schule zu studieren. Sie spezialisierte sich in der Schweiz und den USA auf Industriedesign. Dann führte sie ihre Karriere in die pharmazeutische Industrie.

2006 gründete sie Medistri. "Wir brauchten zwei Jahre, um alle erforderlichen Zertifizierungen und Qualifikationen zu erhalten. Im medizinisch-pharmazeutischen Bereich ist das ein sehr langwieriger Prozess."

"Wir sind natürlich teurer als unsere europäischen Konkurrenten, aber viel flexibler und schneller. Für medizinische Unternehmen, die selber extrem lange Fertigungsprozesse haben, ist das ein entscheidender Faktor."

Shoko Nilforoushan, Gründerin und Direktorin Medistri

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Mit einem Startkapital von 2,5 Millionen Franken hat sich Medistri ständig weiterentwickelt. Heute arbeiten über 65 Angestellte für das Unternehmen, und es hat kürzlich 8 Millionen Franken investiert, um seine Kapazitäten zu verdoppeln.

Trotz hoher Betriebskosten und des starken Frankens hat es das Freiburger Unternehmen geschafft, sich eine Nische in einem Markt zu ergattern, der bereits von grossen multinationalen Unternehmen besetzt ist.

"Wir sind natürlich teurer als unsere europäischen Konkurrenten, aber viel flexibler und schneller. Für medizinische Unternehmen, die selber extrem lange Fertigungsprozesse haben, ist das ein entscheidender Faktor", sagt Nilforoushan.

220 Millionen Ampullen sterilisieren

Medistri gehörte bisher zu den unbekannten kleinen und mittelgrossen Unternehmen (KMU) im Schweizer Medtech-Sektor. Mit dem Beginn der gross angelegten Covid-Impfkampagnen auf der ganzen Welt ist es nun ins Scheinwerferlicht geraten.

Die Maschinen laufen 24 Stunden an sieben Tagen die Woche, damit Millionen von Ampullen sterilisiert werden können. In europäischen Abfüllzentren werden sie anschliessend mit Covid-19-Impfstoffen befüllt.

2021 soll das Unternehmen insgesamt fast 220 Millionen Ampullen aus Glas sterilisieren. Bereits letztes Jahr haben drei der fünf Hauptlieferanten für Glasampullen ihre Aufträge bei Medistri verdoppelt. "Wir sind die einzige Firma in der Schweiz, die solche Mengen sterilisieren kann", sagt Nilforoushan.

Familienunternehmen

Die Sterilisation macht gut die Hälfte der Geschäftsaktivitäten von Medistri aus. Das Unternehmen verfügt aber auch über ein durch die Heilmittel-Behörde Swissmedic zertifiziertes Labor. Dort werden Biokompatibilitäts-Prüfungen und Qualitätskontrollen von Medizinprodukten und deren Verpackungen durchgeführt.

Trotz Übernahmeofferten von verschiedenen Seiten bleibt die Firma bisher fest im Freiburgischen verankert. "Wir haben dieses Unternehmen nicht geschaffen, um es zu verkaufen, wir wollen es in den Händen der Familie behalten", versichert Nilforoushan.

2010 hat sich Ali Nilforoushan mit seiner Schwester zusammengetan, um die Finanzen zu verwalten. Shoko Nilforoushans Sohn, Sean Ghafourian, ist für die Marketingentwicklung der Firma zuständig.

An Ideen für die Zukunft mangelt es der Familie nicht. So hat sie bereits Grundstücke gekauft, die an das 6500 Quadratmeter grosse Gelände des Unternehmens angrenzen – für eventuelle Erweiterungen.

"Eine Zeit lang dachten wir über eine Erweiterung in Osteuropa nach. Aber schliesslich haben wir uns entschlossen, uns mit der Entwicklung von Laboraktivitäten mit hoher Wertschöpfung auf die Schweiz zu konzentrieren", sagt Ali Nilforoushan.

Drohende Unterversorgung

Falls nötig, hat Medistri erklärt, könne man die Kapazitäten rasch um 20 Prozent erhöhen. Gegenwärtig allerdings gibt es eher Bedenken über die Kapazitäten bei den Glasampullen-Herstellern: Diese stehen vor einer beispiellosen industriellen Herausforderung.

Es wird geschätzt, dass 2021 wohl einige Dutzend Milliarden zusätzliche Ampullen nötig sein werden, um den Covid-Impfstoff unter die Menschen zu bringen. Dies zusätzlich zu den 25 Milliarden Einheiten, die pro Jahr üblicherweise für Medikamente oder Impfstoffe verwendet werden. "Einige Rohstoffe fehlen, und zwischen den Nationen tobt ein Wettbewerb um die kostbaren Ampullen", sagt Shoko Nilforoushan.

Die drohende Unterversorgung könnte nun dazu führen, dass auch Mehrfachdosis-Ampullen oder hybride Ampullen aus Glas und Plastik zum Einsatz kommen. Egal, welche Art künftig benutzt werden wird, die Ampullen werden zweifelsohne ihren Weg durch das kleine Freiburger Dorf Domdidier nehmen.

(Übertragung aus dem Französischen: Christian Raaflaub)

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