Schweizer Kollateralschaden nach türkischer Symbolpolitik

In Istanbul feierten Menschen den Entscheid der Türkei, dass das 1500 Jahre alte Unesco-Weltkulturerbe Hagia Sophia in eine Moschee umgewandelt werden kann. Keystone / Erdem Sahin

Der türkische Präsident Erdogan lässt die Hagia Sophia in Istanbul zu einer Moschee umwandeln. Von diesem Entscheid ist auch das Schweizer Unternehmen Sicpa betroffen.

Dieser Inhalt wurde am 17. Juli 2020 - 12:30 publiziert

Die ikonische Hagia Sophia spiegelte stets die Herrschaftsstrukturen am Bosporus: Zuerst Krönungskirche der Byzantiner, dann Hauptmoschee unter den Osmanen, zuletzt ein für alle zugängliches Museum einer laizistisch geprägten Türkei.

Unter der religiös-nationalistischen Regierung Recep Tayyip Erdogans kommt nun die Rückwandlung in eine Moschee. Ein symbolisch aufgeladener Schritt, der zahlreiche Reaktionen in- und ausserhalb der Türkei ausgelöst hat.

Die Umwandlung hat auch finanzielle Auswirkungen: Die Hagia Sophia ist eine der zentralen Sehenswürdigkeiten von Istanbul. Während 86 Jahren diente sie als Museum. Im Jahr 2019 verzeichnete sie 3,7 Millionen Besucherinnen und Besucher und war damit das am meisten besuchte Museum des Landes – mit Eintrittspreisen von zehn Franken aufwärts ein einträgliches Geschäft.

Diese Einnahmen fallen nun weg: Die Ayasofia-Moschee, wie sie in der Türkei heisst, soll künftig für alle kostenlos zugänglich sein. Davon betroffen ist auch die Schweizer Firma Sicpa.

Diese hat das System zur Herstellung und den Verkauf der Eintrittskarten entwickelt. Die Firma mit Sitz in Lausanne setzte sich 2018 bei einer Ausschreibung des Ministeriums für Kultur und Tourismus durch. Seither kommt ihr Produkt in 69 Museen und Kulturstätten in der Türkei zum Einsatz.

Verschwiegenheit als Firmenmotto

Die Unternehmenseinheit in der Türkei gehört zum Mutterkonzern Sicpa. In der Schweiz ist die Firma vor allem für ihre Spezialdruckfarben bekannt, die für die Herstellung von Banknoten eingesetzt werden. So werden die im letzten Jahr erschienenen, neuen 100-Franken-Noten mit Sicherheitsfarben von Sicpa produziert.

Externer Inhalt

Das Unternehmen stellt die Farben für über 170 Währungen her, darunter für den US-Dollar und den Euro. Damit ist es in seiner Branche weltweit führend. Und zu höchster Geheimhaltung gezwungen: Die Kunden von Sicpa – die Notenbanken – verpflichten die Firma, bei diesem sensitiven Thema keine Details zu Geschäftsbeziehungen oder ihrer Produkte öffentlich zu machen.

Daneben ist das Unternehmen in weiteren Bereichen tätig, so etwa für integrierte Sicherheitslösungen, um Wertdokumente vor Fälschungen und Betrug zu schützen. Eine Spezialisierung besteht zudem bei der Sicherung von Steuereinnahmen: Indem Lieferketten kontrolliert und rückverfolgt werden können, können Produkte wie Tabak, Alkoholika oder Pharmaprodukte, die grosse Steuererträge generieren, besser nachverfolgt werden – und Fälschungen und Schmuggelware identifiziert werden.

"Hände weg von der Hagia Sophia", hiess es an einer Demonstration in Italien. Im Bild mit Italien-Maske auch Lega-Generalsekretär Matteo Salvini. Copyright 2020 The Associated Press. All Rights Reserved

Zusammen mit Hochschulen, Behörden und weiteren Unternehmen aus der Genfersee-Region lanciert Sicpa zudem das "Trust Valley". Genf und die Waadt wollen damit ein Kompetenzzentrum für Sicherheit in der Informations- und Kommunikationstechnik schaffen.

Genannt wurde Sicpa zudem kürzlich in Zusammenhang mit einem Corona-Immunitätsausweis. Gemäss Vorschlag könnten Genesene einen Covid-Ausweis in Form eines QR-Codes erhalten, der auf Blockchain basiert und somit nicht manipulierbar ist.

Weltweit tätig

Der Betriebsausfall des grössten Museums der Türkei wird auch monetäre Auswirkungen für Sicpa haben. In türkischen Medien wird davon ausgegangen, dass das Unternehmen dafür entschädigt werde, da die Vertragslaufzeit noch mindestens sieben Jahre gedauert hätte.

Auf Nachfrage liess Sicpa verlauten, man arbeite im "Geiste einer langfristigen Partnerschaft" mit Regierungsinstitutionen und kommentiere im Allgemeinen nicht deren souveräne Entscheidungen.

Eine enge Zusammenarbeit des Unternehmens mit Regierungen liegt in der Natur der Sache: Das Drucken von Banknoten, die korrekte Erhebung von Steuerdaten, die Ausstellung von Dokumenten – das sind alles Angelegenheiten der öffentlichen Hand.

Die Nähe zu den Herrschenden birgt jedoch auch Risiken. So wurde das Unternehmen – oder manche seiner Untereinheiten – in Vergangenheit immer wieder dafür kritisiert, insbesondere in Entwicklungsländern die nötige Distanz zu korrupten Eliten nicht eingehalten zu haben.

In Vergangenheit geriet die Firma unter Korruptionsverdacht. Vor Kurzem wurde bekannt, dass das Unternehmen den früheren IWF-Direktor Dominique Strauss-Kahn verpflichtet hat: Dieser geht auf Kundenakquise für das welsche Unternehmen in Westafrika, wo er bestens vernetzt ist.

So oder so: Sicpa wickelt seine Geschäfte höchst diskret ab. Das Unternehmen beschäftigt rund 3000 Mitarbeitende und ist in dritter Generation in der Hand der Familie Amon. Geschäftszahlen werden keine publiziert, jedoch wird davon ausgegangen, dass der Umsatz zwischen einer bis 1,5 Milliarden Franken jährlich liegt.

Diesen Artikel teilen