Krimis, die das Leben schrieb

Mörder, Kinderschänder, Terroristen: Bücher haben in der Schweiz schon manche Übeltäter überführt oder Skandale aufgedeckt. Manchmal recherchieren Autoren und Autorinnen erfolgreicher als die Behörden.

Dieser Inhalt wurde am 29. September 2017 - 16:00 publiziert

In der Schweiz gibt es Bücher, die eine Untersuchung, ein Gerichtsverfahren oder einen politischen Entscheid ausgelöst oder gar ein Verbrechen aufgeklärt haben. Wir haben die spektakulärsten Beispiele für Sie zusammengetragen.

Mord an Urgrosstante aufgeklärt

End of insertion
Sandra Gatti fand heraus, wer ihre Urgrosstante ermordet hat. Sandra Gatti-Müller

Im Jahr 1906 wurde die 21-jährige Bauerntochter Anna Müller im Zürcher Weinland brutal ermordet: Der Täter würgte die junge Frau, schoss ihr mit einer Pistole zwei Mal in den Kopf, zertrümmerte den Schädel mit einem Stein, schlitzte den Körper auf und riss ihr die Gedärme aus dem Leib. Die Polizei sprach von einem "Lustmord" – einem Mord aus reiner Freude am Töten. Vergewaltigt wurde das Opfer nicht. Die junge Frau war bei ihrem Tod noch Jungfrau.

Damals ging man fälschlicherweise noch von einem Raubmord aus. Verein AnnaMüller

Die Behörden schlampten, der Täter wurde nie gefunden – bis über hundert Jahre später die Urgrossnichte von Anna Müller sich für den Mord zu interessieren begann. Sandra Gatti ging in Archive, sprach mit Nachkommen von Zeitzeugen und schrieb das Buch "Mörderhölzli".

Gatti gelang es, den Mord zu lösen und den mutmasslichen Mörder zu benennen – es war vermutlich der Bruder des Opfers. Dieser habe nämlich ein sexuelles Verhältnis zur gemeinsamen Mutter gepflegt, was die Schwester Anna früher oder später mitgekriegt habe. Der Bruder habe – so Gatti – verhindern wollen, dass Anna den Inzest an die grosse Glocke hänge.

Die Nachkommen des mutmasslichen Mörders gaben die Einwilligung zur Publikation mit Namen und Foto, obwohl sie selbst nicht davon ausgehen, dass er der Täter war.

Anna Müller ist das Mädchen in der vorderen Reihe (vierte von rechts). Verein AnnaMüller

Terror auf Schweizer Boden

End of insertion
Trümmerteile des Swissairflugzeugs im Wald bei Würenlingen. Keystone

Im Jahr 1970 stürzte eine Swissair-Maschine mit Kurs auf Tel Aviv bei Würenlingen im Kanton Aargau ab. An Bord war eine Bombe explodiert. Alle 47 Insassen starben. Die "Volksfront zur Befreiung Palästinas" bekannte sich zum Terroranschlag und die schweizerische Bundeskriminalpolizei identifizierte zwei mutmassliche Attentäter – doch es kam nie zu einer Verhaftung. Im Jahr 2000 wurden die Ermittlungen endgültig eingestellt.

2016 publizierte der NZZ-Journalist Marcel Gyr ein brisantes Buch mit dem Titel "Schweizer Terrorjahre – Das geheime Abkommen mit der PLO". Darin stellte er die These auf, die Schweiz habe mit der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) ein geheimes Stillhalteabkommen geschlossen, damit diese keine Terroranschläge mehr auf Schweizer Boden verübe. Gyr äusserte auch den Verdacht, dass wegen des Geheimabkommens das Strafverfahren zum Würenlingen-Attentat eingestellt worden sei. Denn trotz klarer Beweislage sei nie Anklage erhoben worden.

Externer Inhalt

Wegen der Vorwürfe des Buches leiteten die Geschäftsprüfungskommissionen des Schweizer Parlaments eine Untersuchung ein. Die eingesetzte Arbeitsgruppe befand, es habe kein Geheimabkommen gegeben. Und die Aufsichtsbehörde über die Bundesanwaltschaft kam aufgrund der Akten zum Schluss, auch beim Strafverfahren im Fall Würenlingen sei alles mit rechten Dingen zu und hergegangen.

Marcel Gyr musste viel Kritik einstecken. Trotzdem: Dieses Buch bewirkte, dass die Behörden die Sache nochmals anschauten – wenn auch nur aufgrund bestehender Akten. Gut möglich, dass weitere Recherchen dereinst noch mehr Licht ins Dunkel bringen.

Externer Inhalt

Kinderschänder war nicht für alle Morde verantwortlich

End of insertion
Werner Ferrari (links) lauscht 2007 den Ausführungen des wissenschaftlichen Experten vor Gericht, der die Beissspuren im Fall Ruth Steinmann mit der Zahnstellung eines exhumierten Tatverdächtigen vergleicht. Keystone

1980 wurde ein 12-jähriges Mädchen im aargauischen Würenlos in einen Wald gelockt, sexuell missbraucht und ermordet. In den darauffolgenden Jahren wurde die Schweiz von einer Serie von Kindermorden erschüttert. 1989 verhaftete die Polizei Werner Ferrari, einen verurteilten Kindermörder, der 1979 vorzeitig aus dem Strafvollzug entlassen worden war. Nach der Verhaftung von Ferrari riss die Serie von Kindstötungen ab.

Werner Ferrari wurde für mehrere der Kindermorde in den 1980er-Jahren verurteilt – unter anderem für den Mord an Ruth in Würenlos. Doch dann meldete sich eine Zeugin beim Journalisten Peter Holenstein und behauptete, sie habe zugeschaut, wie ihre Freundin Ruth ermordet worden sei. Und es sei nicht Ferrari gewesen.

Holenstein begann zu recherchieren. Unter anderem liess er im Jahr 2000 ein auf Ruth gefundenes Schamhaar auf eigene Kosten genetisch untersuchen und konnte nachweisen, dass es nicht Werner Ferraris Haar war. Holenstein publizierte seine Ergebnisse im Buch "Der Unfassbare".

Das Buch von Holenstein bewirkte, dass die Leiche eines anderen Mannes exhumiert und dessen Gebiss mit einer Bisswunde auf Ruths Körper verglichen wurde. Es passte. Werner Ferrari wurde infolgedessen 2007 vom Mord an Ruth freigesprochen, den er im Unterschied zu den anderen Kindsmorden stets bestritten hatte. Für Ferrari – der unbestritten mehrere Kinder getötet hat – änderte der Freispruch nichts. Das war auch nicht Holensteins Ziel. Sein Engagement galt vielmehr den Eltern des ermordeten Mädchens, die wissen wollten, wer ihre Tochter wirklich getötet hatte.

Externer Inhalt

Freispruch dank Buchautor

End of insertion
In diesem Einfamilienhaus in Kehrsatz BE wurde die Leiche der jungen Frau in einer Tiefkühltruhe gefunden. Keystone

Im Sommer 1985 machten die Eltern einer 24-jährigen Frau eine schreckliche Entdeckung: Sie fanden in der Kühltruhe im Keller des Einfamilienhauses, das die Tochter mit ihrem Ehemann B.Z. bewohnte, die tiefgefrorene Leiche ihrer Tochter –  nackt, mit einem Plastiksack um den Kopf, mit gefesselten Händen und Füssen. Die so entdeckte Tat sollte die Schweiz als "Mord in Kehrsatz" darauf noch viele Jahre lang beschäftigen.

Schnell geriet der Ehemann der Tochter unter Mordverdacht. B.Z. hatte nämlich eine aussereheliche Affäre. Zudem verhielt er sich nach dem Verschwinden seiner Frau auffällig. Doch er bestritt den Mord. 1987 wurde er in einem umstrittenen Prozess verurteilt. Einige Geschworene distanzierten sich öffentlich vom Schuldspruch und protestierten beim Kantonsparlament gegen das Verhalten der Berufsrichter.

Auch ein Journalist glaubte an die Unschuld von B.Z.: Hanspeter Born verfasste eine mehrteilige Serie mit dem Titel "Ein klarer Fall" in der Weltwoche, die 1989 schliesslich als Buch erschien. Das Buch "Mord in Kehrsatz" verkaufte sich hervorragend. 1990 publizierte Born ein zweites Buch ("Unfall in Kehrsatz") und beschuldigte darin die Eltern der jungen Frau der Tötung.

Der Journalist und Buchautor Hanspeter Born glaubte an die Unschuld von B.Z. Keystone

Die Bücher Borns sorgten für so viel Wirbel, dass das Strafverfahren 1993 wiederaufgenommen wurde. Das Gericht schloss eine Täterschaft der Eltern aus, sprach gleichzeitig aber den Ehemann der Getöteten aus Mangel an Beweisen frei. Er erhielt eine hohe Entschädigung.

Externer Inhalt

Nun trat aber eine andere Buchautorin auf den Plan: Die Anwältin Trix Ebeling behauptete im Buch "Das Ende der Tage des Zweifels", B.Z. habe seine Frau mit einem Radmutternschlüssel erschlagen. Ebeling hatte nämlich das Auto von B.Z. gekauft und dabei festgestellt, dass der Radmutternschlüssel ersetzt worden war. Eine gerichtsmedizinische Untersuchung ergab, dass dieser wahrscheinlich die Tatwaffe war. Ein Antrag auf ein drittes Verfahren wurde vom Kassationshof aber abgelehnt. Ein anderer Täter wurde nie überführt, und bis heute ist in der öffentlichen Meinung umstritten, ob es am Ende nicht doch der Ehemann war…

Übrigens: 2016 nahm der Schriftsteller Peter Beutler den Fall in einem Krimi wieder auf. Er ist der Meinung, dass eine Drittperson den Mord begangen hat – und B.Z. Bescheid wusste. Wer immer es war, er kommt ungeschoren davon: Der Mord ist inzwischen verjährt.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Webseite importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@swissinfo.ch

Diesen Artikel teilen