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Schweizer Sensor spürt Atombomben-Tests auf

Künftig nicht mehr im Geheimen möglich: Atomtest in Nevada, USA.

(DOD, Tests in Nevada)

In den Schweizer Alpen steht seit kurzem eine Messstation, die Atomwaffentests rund um den Globus "hören" kann. Sie soll mithelfen, die weitere Ausbreitung von Atomwaffen zu verhindern.

Um die Atombombe ist eine neue Debatte entbrannt. Iran und Nordkorea stehen unter Verdacht, die Bombe zu besitzen.

Es gibt die verschiedensten Erscheinungen, die als Zeichen für Atomtests gedeutet werden können. Dazu gehören starke Druckwellen in der Luft, die Zunahme radioaktiver Teilchen in der Luft oder Druckwellen in den Ozeanen sowie seismische Wellen in der festen Erde.

Ein internationales Überwachungsnetz von 321 Stationen unterschiedlichster Art erfasst und speichert ständig solche Daten - rund um den ganzen Erdball, um Tests mit Nuklearwaffen ausfindig zu machen.

Dieses Überwachungsnetz wird auf der Grundlage des Vertrags über ein umfassendes Verbot von Atomwaffenversuchen (Comprehensive Test Ban Treaty/CTBT) erstellt und betrieben. Der Vertrag wurde 1996 auf einer Sondersitzung der UNO-Generalversammlung bei drei Gegenstimmen (Indien, Libyen und Bhutan) angenommen. Bern unterzeichnete das Übereinkommen noch im selben Jahr. Die Ratifikation erfolgte 1999.

Seismograph in Beton

Seit diesem Oktober gibt es auch in der Schweiz eine Erfassungspunkt des CTBT-Netzes, sie liegt im abgelegenen Dischmatal bei Davos im Kanton Graubünden. Im Fachjargon heisst dieser Punkt Davox. Es handelt sich um einen durch einen Betonbehälter geschützten Seismographen, der Beben auf der Erdoberfläche erfassen kann.

Der optimale Standort

"Wir haben drei Jahre lang gesucht, um den optimalen Standort für Davox aufzuspüren", sagt Urs Kradolfer. Der Wissenschafter ist beim Schweizerischen Erdbebendienst (SED) an der ETH Zürich für nukleare Überwachung verantwortlich.

Laut Kradolfer handelt es sich um ein ideales Gebiet: kaum bewohnt und ruhig – ein Ort fast ohne natürliche Erschütterungen und weit weg vom Meer. Der Seismograph Davox ist so in der Lage, seine "Fühler" weiter auszustrecken als die anderen europäischen Messstationen.

"Wenn die Intensität mehr als 5 Grad Magnitude erreicht, können wir jedes Beben – egal an welchem Ort auf der Welt - erfassen", betont Urs Kradolfer.

Erschütterungen mit feinen Unterschieden

Unter technologischen Gesichtspunkten unterscheidet sich Davox nicht von den anderen 30 seismischen Stationen in der Schweiz, die allesamt Daten über die Erderschütterung an das SED liefern.

Der entscheidende Unterschied liegt darin, dass die Messstation im Dischmatal die einzige Station ist, welche ihre Daten über Satellit an die Zentrale des internationalen Überwachungsdienstes von CTBT in Wien sendet.

Meldung nach New York

Dort werden die aus der ganzen Welt erhaltenen Daten analysiert. Falls der Verdacht auf eine Verletzung des Vertrags über das Verbot von Atomwaffenversuchen besteht, wird unmittelbar der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen (UNO) informiert.

Aber wie lässt sich ein Erdbeben seismologisch von einem Nukleartest unterscheiden? "Ein normales Erdbeben bleibt für mindestens 10 Sekunden auf einer einheitlichen Magnitudestärke stabil. Ausserdem gibt es mehrere Nachbeben", sagt Urs Kradolfer.

Bei einer Atomexplosion entlädt sich hingegen eine riesige Energiemenge auf einen Schlag. Das Beben nimmt danach konstant ab. Experten können die beiden Phänomene daher klar auseinanderhalten.

Das Ende des Atomzeitalters?

Das internationale Überwachungssystem (IMS) ist folglich in der Lage, Atomexplosionen zweifelsfrei zu erkennen. Und dies ganz unabhängig vom Explosionsort.

Wird es dank dieses Systems keine Atomwaffenversuche mehr geben? "Leider nein", sagt Jean-Daniel Praz, Leiter des Zentrums für Politik und Internationale Sicherheit im Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA). "Einerseits gibt es Staaten wie die USA und China, die den Vertrag noch nicht ratifiziert haben, andererseits haben Staaten wie Nordkorea, Indien und Pakistan den Vertrag überhaupt nicht unterzeichnet."

Ausserdem fahren einige Staaten damit fort oder stehen unter dem Verdacht, an eigenen Atomprogrammen zu arbeiten. Dies gilt beispielsweise für den Iran.

Seit 1998 sind keine wirklichen Atomwaffentests mehr erfolgt. Doch einige Staaten (darunter die USA) haben die Versuche durch Simulationen am Computer oder im Labor ersetzt. Diese können natürlich nicht vom Internationalen Überwachungsnetz erfasst werden.

Vor Abkehr von virtuellen Tests?

Gemäss Jean-Daniel Praz haben diese "virtuellen Atomtests" keine lange Überlebenschance, vor allem dann nicht, wenn die Logik der teilweisen atomaren Wiederaufrüstung nicht durchbrochen wird. "Wenn neue Nuklearwaffen entwickelt werden, wird man sie eines Tages auch ausprobieren", prophezeit Praz.

Nur der Druck der internationalen Staatengemeinschaft auf gewisse Länder, den Vertrag zu ratifizieren und einzuhalten, kann laut Praz den Griff zu Atomwaffen langfristig bremsen: "Anderenfalls ist die Bahn frei..."

swissinfo, Marzio Pescia
(Übertragung aus dem Italienischen: Gerhard Lob)

Fakten

Zwischen 1945 und 1988 haben die USA weltweit die grösste Anzahl von Nukleartests durchgeführt: 1039.
Es folgen die Sowjetunion (718), Frankreich (198), China und Grossbritannien (45), Indien (3) und Pakistan (2).

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In Kürze

Der Vertrag über ein umfassendes Verbot von Atomwaffenversuchen (Comprehensive Test Ban Treaty/CTBT) will jede Art von Nuklearversuchen und – explosionen bannen (auch die Simulationen!).

Auf Grundlage des Vertrags wird ein internationales Überwachungsnetz (IMS) von Seismographen aufgebaut, das Atomtest erkennen kann. Seit Oktober liefert eine Messstation (Davox) in der Schweiz via Satellit Daten an die Zentrale des IMS in Wien.

Die letzten Atombombenversuche gehen auf das Jahr 1998 zurück. Sie wurden von Indien und Pakistan ausgeführt, die letzen beiden Länder, die die A-Bombe offiziell entwickelt haben.

Andere Atommächte sind: USA, Russland, China, Frankreich, Grossbritannien.

Auch Israel verfügt über die Atombombe, hat dies aber nie offiziell zugegeben. Südafrika war ebenfalls im Besitz einer Atombombe, hat diese aber zerstört.

Ende der 60er Jahre wurden die Verhandlungen gegen die Ausbreitung atomarer Waffen abgeschlossen. Die fünf damaligen Atommächte USA, UdSSR, China, Frankreich, Grossbritannien zwangen die Unterzeichnerstaaten, keine eigenen Atomwaffen zu entwickeln und verpflichteten sich selbst im Gegenzug zur Abrüstung.

Doch hielten sie diese Verpflichtung jahrelang nicht ein. Staaten wie Indien, Pakistan oder Israel entwickelten daher ihre eigenen A-Bomben. Der Atomwaffensperrvertrag läuft demnächst aus und muss 2005 neu verhandelt werden.

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