Schweizer Unternehmer auf Warteposition im Libanon

Das imposante, neue Zentrum von Beirut: Der Schein trügt, das Land leidet unter hohen Staatsschulden. swissinfo.ch

Der Nahost-Konflikt betrifft nicht nur Israel und die Palästinenser-Gebiete. Er destabilisiert die ganze Region. Ein Land, das stark unter der Krise leidet, ist Libanon. Investoren und Touristen bleiben aus. Es fehlt an Vertrauen. Die Schweiz gehört zu den wichtigsten Handelspartnern des Landes. Doch Schweizer Unternehmer äussern sich zwiespältig.

Dieser Inhalt wurde am 20. Juni 2001 - 10:13 publiziert

Der Libanon war einst die "Schweiz des Nahen Ostens". Heute durchlebt das Paradies an der Levante schwierige Zeiten. Der Bürgerkrieg (1975 bis 1990) ist zu Ende, das Land jedoch steckt in einer grossen Wirtschaftskrise. Die Staatsschuld beträgt rund 26 Mrd. USDollar und wird bis Ende Jahr wohl auf 30 angestiegen sein. Das macht fast 150 Prozent des Bruttoinlandproduktes aus.

Die Regierung plant deshalb Reformen. Der Staatsbetrieb soll entschlackt und von Grund auf neu organisiert werden. Die Zauberformel heisst: Stellenabbau und Privatisierung. Libanon ist dabei vor allem auf ausländische Unterstützung angewiesen und benötigt ausländische Investoren. Diese - das zeigen auch Schweizer Beispiele - sind allerdings infolge der unsicheren geopolitischen Lage, aber auch wegen mangelndem Vertrauen in die libanesische Polit- und Wirtschaftselite sehr vorsichtig.

Der Schweizer Rolf Sommer, Vertreter des lichtensteinischen Unternehmens Hilti, sagt: "Grundlegende Dinge wie Wasser und Strom sind keine Selbstverständlichkeit." Die Leute, so Sommer, seien zwar sehr gut ausgebildet, aber ihre Mentalität entspräche nicht der West-Europäischen. "Man improvisiert anstatt zu organisieren."

Suche nach Lösungen

Die grösste ausländische Industrie-Investition im Libanon ist die "Société des Ciments Libanais" (SCL), deren Hauptaktionär das Schweizer Zementimperium Holcim (ehemals Holderbank) ist. Dominique Drouet, Generaldirektor der SCL, bestätigt, dass der Bürgerkrieg zu einer "Absenz von Regeln" geführt habe.

Die Existenz der SCL war lange Zeit in Frage gestellt. Die Nachfrage nach Zement war nach 1998 kritisch gesunken, eine Lösung war gefragt. Man beschloss in einen neuen Brennofen zu investieren, die Anzahl Mitarbeiter stark zu reduzieren, Zement in Zukunft auch zu exportieren sowie libanesische Fachleute im Ausland zu rekrutieren.

Rund 12 Mio. Libanesinnen und Libanesen - fast vier Mal so viele wie im Libanon - leben fern der Heimat. Viele unter ihnen sind hervorragend ausgebildet, sprechen fliessend Arabisch, Französisch und Englisch und sind sowohl mit der Kultur des Orients als auch mit den Sitten des Westens vertraut.

Der Rekonvaleszenzplan der SCL scheint erfolgreich. Der aktuelle Umsatz gibt Anlass zu Optimismus. Drouet ist darüber sehr erfreut, denn er glaubt trotz der Schwierigkeiten an das wirtschaftliche Potential des kleinen Landes: "Der Libanon ist wohl das interessanteste und leidenschaftlichste Land im Mittleren Osten." Es sei eine ideale Plattform, um mit den anderen Ländern der Region Geschäfte zu machen. "Viele arabische Länder sind extrem geschlossen und traditionell. Nichts davon findet sich im Libanon", sagt Drouet.

Der Eckpfeiler der Wirtschaft

Libanons Wirtschaft basiert vor allem auf Dienstleistung wie Tourismus und Finanzen. Als Finanzplatz hat Beirut eine lange Tradition, die die Stadt wiederaufleben lassen möchte. Darauf spekuliert die Schweizer Grossbank Credit Suisse. Alain Ucari, Senior Representative der CS in Beirut, ist überzeugt, dass Beirut gute Chancen hat, wieder ein bedeutender Finanzplatz zu werden. Allerdings: "Es braucht eine adequate Gesetzgebung und vor allem Frieden in der Region."

Auch der Tourismus leidet stark unter dem Nahost-Konflikt. Vor dem Bürgerkrieg reisten mehr als 2 Mio. Touristinnen und Touristen in den Libanon und sorgten für 20 Prozent des Volkseinkommens. Heutzutage sind nur wenige Besucher aus den arabischen Nachbarländern und einige westliche Geschäftsleute zu sehen. Dabei ist die Lage ungefährlich und die touristische Infrastruktur in Beirut erstklassig.

"Die Restaurants und Hotels können sich spielend mit jenen in Paris oder London vergleichen lassen", erklärt der Schweizer Reto Grass, der das Viersterne-Hotel "Commodore" leitet. Gerade die Hauptstadt hat in letzter Zeit ihre touristische Infrastruktur stark verbessert. Allein im letzten Jahr wurden mehr als 1'000 neue Luxuszimmer gezählt. Und noch mehr sind im Bau - so zum Beispiel ein Resort-Hotel von der Mövenpick-Gruppe.

Werben um Vertrauen

Im Oktober findet in Beirut der "Sommet de la Francophonie" statt. Es ist das neunte Mal, dass sich die frankophonen Länder treffen, und das erste Mal, dass sie dies in einem arabischen Land tun. Staatsoberhäupter, darunter auch Bundespräsident Moritz Leuenberger, sowie hohe Wirtschaftsvertreter aus über 50 Nationen werden an der Levante erwartet. Es wird um Kultur gehen, aber auch um die Intensivierung von Wirtschaftsbeziehungen. Libanon erwartet viel von diesem Anlass und wirbt mit aller Kraft um Vertrauen. Denn der Zedernstaat möchte zurück auf die internationale Landkarte.

Carole Gürtler, Beirut

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