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Schweizerisch-ägyptische Begegnungen am Nil

Hugo Loetscher vor einem Porträt des ägyptischen Präsidenten Hosni Mubarak in Kairo.

(Tobias Hitsch)

Kulturelle Brücken bauen zwischen der Schweiz und Ägypten: Dies tut Pro Helvetia in Kairo. Dort traf der Schweizer Hugo Loetscher ägyptische Autoren.

Das Nilland hat eine lebendige Literatenszene. Begegnungen in der Metropole und an der Peripherie.

In der Redaktion der literarischen Wochenzeitung "Akhbar al-Adab" drängen sich an diesem Abend die Journalisten, Autorinnen und Übersetzer. Der Chefredaktor und Doyen der Kairoer Literaturszene Gamal al-Ghitani hat zur Begegnung mit dem Schweizer Schriftsteller Hugo Loetscher eingeladen. Organisiert wurde dessen Ägypten-Tour mit drei Podiumsgesprächen und weiteren Begegnungen von Pro Helvetia Kairo.

Viele der Anwesenden haben die arabische Übersetzung von Loetschers Geschichtenband "Der Buckel" gelesen und zeigen sich berührt von diesen Porträts über Randständige, Behinderte, Verletzte und Ausgegrenzte. Einer wundert sich und versteht nicht, wie es in einem so perfekt organisierten Land wie der Schweiz mit ihrem Wohlstand, gutem Bildungs- und Sozialsystem auch Gestrauchelte, Zwerge und Verrückte geben kann.

Gegen das Klischee vom Heidiland

Da hat Hugo Loetscher vieles zu erklären und zu ergänzen. Etwa dass dieses gerne kolportierte Bild vom Heidiland Schweiz mit grasenden Kühen, schneebedeckten Bergen und ordentlichen Banken nur einen Ausschnitt der Realität wiedergibt. Seine Schweiz ist eine urbane, durchmischte, mit Brüchen und Abgründen.

Loetscher gerät ins Erzählen, und die Übersetzerin kommt kaum noch mit. Während die Kellner türkischen Kaffee und Tee servieren, will einer der zuhörenden Schriftsteller wissen, inwiefern man denn in der Schweiz arabische Literatur überhaupt kenne.

"Allein in der Schweiz haben wir drei Verlage, die hauptsächlich oder in einem Fall sogar ausschliesslich arabische Literatur auf Deutsch herausgeben", entgegnet Loetscher. "Dies ermöglicht durchaus einen Einblick in die Literatur der arabischen Welt."

Gerade der Unionsverlag in Zürich kann dabei auf eine Jahrzehnte lange Tradition zurückblicken und hatte einen ausgesprochen guten Riecher, als er anfing, die Bücher des ägyptischen Romanciers Nagib Machfus zu übersetzen, bevor der 1988 den Nobelpreis gewann und weltberühmt wurde.

Auch der Basler Lenos Verlag bemüht sich seit langer Zeit um die arabische Literatur. Erst seit kurzem gibt es, ebenfalls in Basel, zudem den kleinen, aber feinen Verlag Lisan, dem das besondere Verdienst zukommt, Bücher von jungen, noch kaum bekannten arabischen Autorinnen und Autoren im deutschsprachigen Raum vorzustellen.

Das Übersetzen von einer Sprache in die andere wird immer wieder thematisiert bei diesen Begegnungen mit ägyptischen Schriftstellern. Doch während Skeptiker jede Übersetzung grundsätzlich für unzulänglich halten, gibt sich der kosmopolitische und mit vielen Sprachen vertraute Hugo Loetscher nüchtern lakonisch: "Die europäische Sprache ist die Übersetzung."

Fruchtbarer Boden für Schriftsteller

Nach einem weiteren Podiumsgespräch im "Griechischen Klub", einem Künstlertreff in Downtown Kairo, lädt Gamal al-Ghitani den Gast aus der Schweiz in seine ursprüngliche Heimat nach Oberägypten ein. Beim Abendessen unter freiem Himmel am Westufer von Luxor – es gibt gefüllte Tauben – wundert sich Hugo Loetscher, warum eigentlich so viele ägyptische Schriftsteller aus Oberägypten kommen, der Region zwischen Luxor und Sohag.

Laut Gamal al-Ghitani haben die traditionellen Werte hier noch viel Kraft und stehen so in Konflikt mit individuellen Bedürfnissen und Unabhängigkeits-Sehnsüchten von jungen Leuten. Das wirke sich literarisch produktiv aus.

Beim öffentlichen Podiumsgespräch im so genannten Kulturpalast in Luxor bestürmen die aus der Region angereisten Schriftsteller und Intellektuellen Hugo Loetscher mit Fragen zur Schweiz und ihren Besonderheiten. Im zentralistisch von Kairo aus regierten Land kommt es einer Sensation gleich, dass ein ausländischer Schriftsteller bis nach Luxor vordringt.

Begegnung trägt Früchte

Loetscher seinerseits staunt nicht schlecht, als er am folgenden Tag die neue Ausgabe von "Akhbar al-Adab" in den Händen hält und auf dem Titelbild sich selbst vor der Skyline von Kairo abgebildet sieht. Diese literarische Wochenzeitung hat eine Auflage von gut 50'000 Exemplaren und wird in der ganzen arabischen Welt gelesen.

Acht Sonderseiten mit Porträts, Interviews und Analysen zu Loetschers Werk sind darin enthalten. "Die nehme ich mit nach Hause und zeige den Schweizern, wie berühmt ich in Ägypten bin, da können die sich mal ein Beispiel nehmen", witzelt der Autor und blättert zufrieden die arabisch bedruckten Seiten um.

Noch bevor Hugo Loetscher zurück in die Schweiz fliegt, erfährt er, dass die inspirierenden Gespräche und Begegnungen am Nil auch bereits konkrete Früchte tragen. Sein Gedichtband "Es war einmal die Welt" soll demnächst ins Arabische übersetzt werden.

swissinfo, Susanne Schanda, Kairo

In Kürze

Die Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia fördert kulturelle Aktivitäten von gesamtschweizerischem Interesse. Zu ihren Aufgaben zählen u.a. Kulturaustausch und die Präsentation der Schweizer Kultur im Ausland.

Drei Schweizer Verlag spielen eine wichtige Rolle bei der Vermittlung arabischer Literatur.

Der Unionsverlag hat den ägyptischen Romancier Nagib Machfus bereits übersetzt, bevor der den Nobelpreis gewann.

Der Lenos-Verlag hat u.a. Gamal al-Ghitanis bekanntestes Buch "Seini Barakat" auf Deutsch herausgebracht.

Bei Lisan erschien dieses Jahr der soeben preisgekrönte Kurzroman "Das Auge des Katers" des jungen Ägypters Hassan Abdelmaugud.

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Fakten

Hugo Loetscher wurde 1929 in Zürich geboren und ist heute einer der bekanntesten Autoren der Schweiz.
Werkauswahl: Abwässer, Der Immune, Herbst in der Grossen Orange, Die Augen des Mandarin. Zudem Essays und Reportagen.
Gamal al-Ghitani wurde 1945 in Oberägypten geboren und wuchs in Kairo auf.
Er gilt als einer der bedeutendsten ägyptischen Autoren und ist Heraus-geber der Literaturzeitung "Akhbar al-Adab".

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