Sex, Geld, Macht und Blut: Der Stern-Prozess

Während 10 Tagen ist der Genfer Palais de Justice Bühne des Stern-Prozesses. Keystone

Vor vier Jahren wurde der prominente französische Bankier Edouard Stern tot in seiner Genfer Luxuswohnung aufgefunden. Jetzt wird über Cécile B. gerichtet: Die Geliebte von Stern hatte gestanden, den Bankier im Affekt erschossen zu haben.

Dieser Inhalt wurde am 10. Juni 2009 - 15:32 publiziert

Diese ausserordentliche Story hat alle Ingredienzen für einen Krimi-Bestseller: Ein erfolgreicher Bankier aus einer französischen Financiers-Dynastie und seine Geliebte, Cécile B.

Bereits existieren zwei Bücher über die Untersuchungen, ein Roman, ein Bühnenstück, sowie ein Kinofilm.

Am 1. März 2005 fanden Sterns Mitarbeiter die Leiche ihres Chefs in einem Penthouse der Stadt. Der 50-Jährige war gefesselt, er trug ein fleischfarbenes Sado-Maso-Outfit und hatte zwei Kugeln im Kopf sowie weitere zwei im Körper - abgefeuert aus einer Handfeuerwaffe.

Die Polizei ermittelte zunächst in Richtung einer möglichen Beteiligung der Russenmafia. Grund: Stern hatte gerade einige Deals in Osteuropa untergebracht, und es war bekannt, dass er in Finanzgeschäften nicht unzimperlich war.

Doch es dauerte nicht lange, bis die Polizei eine Verdächtige fand: Cécile B., Sterns Geliebte. Zwei Wochen nach der Tat wurde sie verhaftet. Während den Untersuchungen gab sie zu, ihn erschossen zu haben. Drei Feuerwaffen wurden daraufhin bei Montreux aus dem Genfersee gefischt.

Gut vernetzter Bankier

Stern war ein hochfliegender Financier. Freundschaftlich verkehrte er mit Frankreichs politischer und Business-Elite, inklusive Nicolas Sarkozy. Sein Vermögen belief sich auf über 900 Mio. Franken - entstanden durch eine Serie von brillanten Finanzgeschäften.

Als 22-Jähriger war Stern 1977 in die Familienbank eingestiegen, der Bank Stern in Paris. Bald übernahm er die Kontrolle des Hauses, das er 1985 abstiess.

Später stiess er zur Private Investment Bank Lazard. Dort wurde er als Nachfolger seines Schwiegervaters und Verwaltungsrats-Vorsitzenden Michel David-Weill gehandelt.

Doch 1997 verliess er Lazard, anscheinend im Streit mit seinen Bank-Partnern und seinem Schwiegervater, und eröffnete seine eigene Private Equity Firma, Investment Real Returns Capital (IRR) in Genf.

2001 traf er Cécile B., eine 14 Jahre jüngere Künstlerin, an einer Dinner-Party bei gemeinsamen Freunden. Cécile malte, gestaltete Skulpturen und schrieb poetische Texte. Sie wurden ein Liebespaar, doch blieb Cécile B. verheiratet, und zwar mit einem in der Schweiz lebenden Therapeuten.

Laut ihrem Anwalt lud Stern sie mit seinem Business Jet in exotische Destinationen und zu Jagd-Ferien nach Afrika ein.

"Ihre Beziehung war leidenschaftlich und ausschweifend", sagt Marc Bonnant, der Anwalt der Familie Stern, gegenüber swissinfo.ch.

Bis ans Limit

Obschon ein Geständnis vorliegt, bleiben die Motive weiterhin unklar. Die Verteidigung von Cécile B. hält fest, dass die Frau aus Leidenschaft eine Beziehungstat beging, ausgelöst durch Sterns "moralische Bedrohung" in den Jahren 2001 bis 2004.

Ihr Anwalt Pascal Maurer sagt, das Tötungsdelikt sei eine Folge der "schwierigen Liebesbeziehung, psychologischer Manipulationen und Bedrohungen, die mit der Zeit bei Cécile B. zu einer Depression und Seelennot führten".

In den letzten Monaten ihrer Beziehung stritten die beiden über ein Heiratsversprechen und über eine Million, die Stern zwar auf das Bankkonto seiner Geliebten transferierte, dann aber wieder einfror.

"Stern brachte Cécile B. bis ans Limit. Zuerst versprach er ihr Ehe und Unabhängigkeit. Um dann das Geld wiederum zurückzuziehen, ohne dafür einen Grund anzugeben", wie Maurer gegenüber swissinfo.ch sagt.

Ihre Verteidiger sagen, dass der französische Financier zwar ein äusserst geistreicher, intelligenter und kultivierter Mensch gewesen sei, der aber anderseits schwierig in seinen Beziehungen war. Wahrscheinlich wegen seiner unglücklichen Kindheit, gezeichnet von Macht, Geld und Streben nach Herrschaft.

"Cécile B. hat wohl eingesehen, dass Stern mit ihr ein Spielchen ohne Ende trieb, dass er sie eigentlich aber nie heiraten wollte", sagt Maurer.

Am verhängnisvollen Abend des 28. Februar 2005 soll Stern angeblich mitten im Geschlechtsverkehr mit ihr gestöhnt haben: "Eine Million Dollar ist zu viel Geld für eine Hure." Darauf habe sie ihn erschossen.

Manipulative Person

Doch laut den Anwälten der Familie Stern sei Cécile B. eine manipulative Person, die es vor allem auf das Vermögen des Bankiers abgesehen haben soll.

Vor Gericht beschrieb Bonnant Anfang Jahr die (jetzt) 40-Jährige als ein geldgieriges "Flittchen", die die Phantasie des 50-jährigen Stern anheizte.

Stern sei ihr verfallen gewesen, der "kleinen Blonden aus den Aussenbezirken... mit ihrem abartigen Sex".

Was den Streit um die Million Dollar betrifft, so soll Stern Cécile B. schliesslich ausbezahlt haben, da sie ihm versicherte, die Summe sei rein symbolisch - ein Zeichen der Liebe. Sie würden ja eh heiraten und dann würde er sein Geld zurück erhalten. Da sie dies aber nicht tat, sei Stern ärgerlich geworden und habe das Geld blockiert - so sein Anwalt.

"Als sie am 28. Februar von der Bank Bescheid erhielt, begab sie sich nach Genf und brachte ihn um. Wenn das eine aus Leidenschaft begangene Untat sein soll, dann ist das Gesetz kein Gesetz mehr", meint Bonnant.

Untat aus Leidenschaft?

In den kommenden Tagen wird das Gericht 40 Zeugen vernehmen und die betreffenden Anwälte anhören. Es wird versuchen, zu entscheiden, wer in dieser oft sehr bewegten Beziehung wen manipuliert hat.

Die Schweizerische Gesetzgebung versteht unter einer aus Leidenschaft begangenen Untat einen Akt, der unter starken Emotionen oder in starker Bedrängnis begangen wird, und wo die Umstände entschuldbar sind.

"Das Gericht wird deshalb zu untersuchen haben, ob unter den gleichen Umständen auch Leute wie Sie oder ich in dieser Situation zu so einer Untat fähig sein würden", sagt Bonnant.

Simon Bradley, Genf, swissinfo.ch und Agenturen
(Übertragung aus dem Englischen: Alexander Künzle)

Edouard Stern

Geb. 1954 in Paris. Abschluss des Studiums an der Ecole Supérieure des Sciences Economiques et Commerciales in Paris.

1977 Eintritt mit 22 Jahren in die Private Investment Bank Stern. Edouard Stern übernahm sofort die Kontrolle der familieneigenen Bank.

1983 Heirat mit Beatrice David-Weill. Drei Kinder. Später geschieden.

Als früherer Senior Director der französischen Privatbank Lazard war er vorgesehen als Nachfolger seines Schwiegervaters, Michel David-Weill, für den Posten des Verwaltungsrats-Präsidenten.

Aber Stern verliess 1997 die Bank Lazard, nachdem es laut Berichten zu Auseinandersetzungen mit anderen Partnern und seinem Schwiegervater gekommen war.

Später gründete er seine eigene Investment Firma, IRR Capital. 2003 reichte er eine Klage gegen den französischen Konzern Rhodia und dessen Führung in Frankreich ein, die eine polizeiliche Untersuchung auslöste. 2004 erhob er erneut zwei Anklagen gegen Rhodia-Führer.

Am 1. März 2005 wurde Stern erschossen in seiner Genfer Wohnung aufgefunden.

Sterns Vermögen wurde auf 600 Mio. Euro (909,7 Mio. Franken) geschätzt. Er galt als Nr. 38 unter den reichsten Franzosen.

Er sammelte Waffen, war Jäger, Judoka-Schwarzgurt und liebte zeitgenössische Kunst.

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Cécile B.

Geb. am 20. März 1969 in Conflans-Sainte-Honorine, im Nordwesten von Paris. 1998 Heirat mit einem in der Schweiz lebenden Therapeuten.

Cécile B.'s Vater arbeitete in der Werbebranche, ihre Mutter war Lehrerin für behinderte Studenten. Cécile B. ist autodidaktische Kunstmalerin und Bildhauerin.

Cécile B. lernte Edouard Stern 2001 an einer Party eines gemeinsamen Freundes in Paris kennen. Sie begannen eine Beziehung.

Am 15. März 2005 wurde sie in der Wohnung ihres Ehemannes in Clarens bei Montreux in der Schweiz verhaftet und des Mordes angeklagt, nachdem sie gestanden hatte, Stern getötet zu haben.

Cécile B. sass die letzten vier Jahre im Genfer Gefängnis Champ Dollon ein. Im April 2008 machte die unter schweren Depressionen leidende Frau einen Suizidversuch. Sie verbrachte auch einige Zeit in der Psychiatrischen Klinik Belle-Idée.

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