Sucharbeiten dauern an - USA beraten über Vergeltung

Mitglieder der Nationalgarde patrouillieren in der Nähe des eingestürzten World Trade Centers. Keystone

Die USA bereiten sich auf eine militärische Vergeltung. Im Visier scheint vor allem Afghanistan zu sein, wo Osama bin Laden vermutet wird. Die in Kabul herrschenden Taliban drohten nach Medienberichten im Fall eines Angriffs mit Rache. UNO und IKRK ziehen weiteres Personal aus Afghanistan ab. An den Stätten der Anschläge gehen derweil die Such- und Rettungsarbeiten weiter. Noch immer werden Tausende von Menschen vermisst.

Dieser Inhalt wurde am 14. September 2001 - 18:44 publiziert

Der amerikanische Senat hat US-Präsident George W. Bush ermächtigt, gegen die Verantwortlichen für die Terroranschläge vom Dienstag Gewalt anzuwenden. Der Entscheid fiel am Freitag mit 98 Stimmen, es gab keine Gegenstimme. Der offizielle Entscheid im Repräsentantenhaus wird für Samstag erwartet.

Nach dem Parlaments-Entscheid hat Bush für Vergeltungsaktionen, freie Hand, "die notwendige und angemessene Gewalt" anzuwenden.

Senat und Abgeordnetenhaus bewilligten in Washington zudem 40 Mrd. Dollar für den Kampf gegen den internationalen Terrorismus und den Wiederaufbau zerstörter
Einrichtungen.

Der Präsident gab die Genehmigung, bis zu 50 000 Reservisten einzuberufen, teilte ein Sprecher des Weißen Hauses mit.

"Konkrete Aktionen"

Wie aus ranghohen US-Regierungskreisen verlautete, baten die USA die Regierung in Islamabad um Erlaubnis, den Luftraum Pakistans für die Verfolgung von "Terroristen in Afghanistan" nutzen zu können. Dort soll sich der radikal-islamische Fundamentalist Osama bin Laden versteckt halten. Nach bisherigen Erkenntnissen betrachten die USA diesen als einen der Drahtzieher hinter den Anschlägen vom Dienstag.

Pakistan wurde aufgefordert, die Grenzen nach Afghanistan zu schliessen und die Finanzhilfe für Terrorgruppen einzustellen. Zeitungsberichten zufolge unterbreitete Washington der Regierung in Islamabad eine Liste mit "konkreten Aktionen" gegen die mutmasslichen Hintermänner der Anschläge.

Amerikanische Militär-Strategen beraten über eine umfassende Vergeltung. Geplant ist eine länger andauernde Militäraktion. "Es wird ein Feldzug und keine einzelne Aktion", erklärte Vize-Verteidigungsminister Paul Wolfowitz.

Am Donnerstag hatte Pakistans Präsident Pervez Musharraf Washington die volle Unterstützung seines Landes bei der Fahndung nach den Tätern und ihren Hinetrmännern zugesichert. Bei der Frage der Unterstützung eines möglichen Vergeltungsschlags hat sich Islamabad allerdings Bedenkzeit ausbedungen.

Taliban drohen

Die afghanische Taliban-Miliz drohte derweil offenbar mit "Rache" im Fall eines möglichen US-Angriffes. Sie sei "bereit, jeden Preis zu zahlen, um sich zu verteidigen", sagte ein Sprecher von Taliban-Führer Mullah Mohammed Omar.

"Wir werden alle Mittel nutzen, um Rache zu üben", sagte der Taliban-Sprecher der Nachrichtenagentur AFP per Satellitentelefon aus der Taliban-Hochburg Kandahar im Süden des Landes.

Omar rechne mit einem weitaus grösseren Angriff als 1998, als die USA erstmals Luftangriffe auf Afghanistan flogen, sagte der Sprecher weiter. "Dieses Mal wollen sie das ganze System und die Regierung auslöschen. Sie haben nach einem Vorwand gesucht, jetzt haben sie einen gefunden."

"Osama hat keine Piloten"

Die international nicht anerkannte Taliban-Regierung bezeichnet Bin Laden als unschuldig und lehnt seine Auslieferung an die USA strikt ab. Taliban-Führer Omar hat Schuldzuweisungen der USA nach den Terrorangriffen vom Dienstag scharf kritisiert. Es sei völlig ungerechtfertigt und haltlos, Osama Bin Laden mit den Anschlägen in New York und Washington in Zusammenhang zu bringen, erklärte Omar in einem Schreiben, das am Freitag vom afghanischen Botschafter in Pakistan verlesen wurde.

Die Art der Anschläge zeige, dass Bin Laden nicht dafür verantwortlich sei, "weil Osama keine Piloten hat". Eine Auslieferung Bin Ladens an die USA wäre allenfalls nach einem langwierigen Verfahren möglich, sagte der afghanische Botschafter in Islamabad, Abdul Salam Zaeef. Voraussetzung sei die Vorlage klarer Beweismittel seitens der amerikanischen Behörden. "Bisher haben die Amerikaner deswegen keinen Kontakt mit uns aufgenommen", sagte der Diplomat. "Unsere Position ist sehr klar. Wir haben die Angriffe verurteilt."

In Erwartung eines amerikanischen Vergeltungsangriffs verliessen am Freitag weitere Ausländer und Mitarbeiter internationaler Hilfsorganisationen das Land.

Ermittlungen und Budget

In den USA laufen derweil die Ermittlungen und die Suche nach weiteren Opfern der Anschläge auf Hochtouren weiter. Die USA wollen 40 Mrd. Dollar (über 60 Mrd. Franken) für die Bewältigung der Schäden in New York und Washington sowie für neue Anti-Terror-Einheiten freigeben. Darauf einigten sich US-Präsident George W. Bush und Vertreter des Kongresses am Freitag. Die Hälfte der Summe soll sofort zur Verfügung stehen, die Verwendung der andern Hälfte muss noch gesetzlich geregelt werden.

Währenddessen liefen die Ermittlungen zu den Tätern und ihren Hintermännern auf Hochtouren: Zehn Personen, die am Donnerstag (Ortszeit) auf den New Yorker Flughägen John-F.-Kennedy und LaGuardia festgenommen wurden, sind wieder auf freiem Fuss. Nur eine Person werde noch weiter befragt, gab Bürgermeister Rudolph Giuliani am Freitag bekannt gab.

Nach den Festnahmen auf den beiden Flughäfen war Angst aufgekommen, dass der Terrorwelle eine zweite folgen könnte. Die Alarmbereitschaft wurde wieder erhöht, die drei Flughäfen in New York wieder geschlossen. Über New York und Washington patrouillieren weiter Kampf-Flugzeuge.

Flugschreiber beim Pentagon gefunden

Drei Tage nach den Terror-Angriffen wurde der Flugdaten-Schreiber der ins Pentagon gerasten Passagier-Maschine gefunden. Unter den Trümmern befand sich auch das Aufzeichnungsgerät für die Gespräche im Cockpit. Die Ermittler erhoffen sich aus der Auswertung der "Black Boxes" weitere Hinweise auf das Umfeld der Täter. Auch der Flugdaten-Schreiber der bei Pittsburgh abgestürzten Maschine wurde gefunden.

In New York erschwerte ein schweres Gewitter die Rettungs- und Bergungs-Arbeiten am World Trade Center. Bis Freitagmorgen wurden 160 Tote geborgen. Noch immer werden in der Stadt nach offiziellen Listen noch immer mehr als 4'500 Menschen vermisst. In den Trümmern des Pentagons werden noch 190 gesucht, darunter die Insassen des Flugzeugs, welches in das Gebäude gerast war.

Zehntausende von Bewohnern und Bewohnerinnen konnten immer noch nicht in das abgesperrte Gebiet südlich der 14. Strasse in Manhattan zurückkehren. Das Kulturleben, das seit den Anschlägen in New York fast völlig zum Erliegen gekommen war, ist am Donnerstag teilweise wieder aufgenommen worden. An Broadway-Theatern gab es wieder Vorstellungen, in Kinos liefen Fime.

Weltweite Trauer - Schweigeminuten

US-Präsident Bush rief den Freitag zum "nationalen Tag des Gebetes und der Erinnerung" aus. Die Schweiz schloss sich dem von der EU ausgerufenen "Tag der Trauer" mit drei Schweigeminuten um 12.00 Uhr an: Kein Zug verliess den Bahnhof, TV- und Radioprogramme wurden unterbrochen. In einigen Kantonen gab es spezielle Aktionen , so in Basel, wo die Feuerwehren ihren verstorbenen Berufskollegen gedachten.

swissinfo und Agenturen

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