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Theater als Schutzwall gegen West-Werte

Karge Bühne und universale Werte: "Kereez".

(swissinfo.ch)

Kirgisistan hat heute keine wirkliche Kulturpolitik. So bezahlt das Theater einen hohen Tribut an die Unabhängigkeit des Landes

Um die Jahrtausende alte Kultur zu bewahren, bringt der Theatermacher Nurlan Asanbekov die kirgisischen Epen auf die Bühne - mit Schweizer Hilfe.

"Oft frage ich mich, warum uns die Schweizer Entwicklungshilfe finanziell unterstützt." Diese Aussage verwirrt, zumal sie von Nurlan Asanbekov kommt, der von den Zuwendungen der Schweiz profitiert. Der Direktor des Theaters "Sakhna" gibt die Antwort selber: "Ganz sicher ist es, weil die Schweiz als multikulturelles Land offen ist für andere Kulturen."

Der Theatersaal befindet sich in einem typisch realsozialistischen Gebäude in einem Aussenbezirk der kirgisischen Hauptstadt Bischkek. Die Schauspieler ziehen ihre weissen Kostüme aus, während sich ihr Direktor den Journalisten widmet.

Asanbekov beklagt die Resignation, in welche die Kulturproduktion gefallen ist, seit die Sowjetunion zerfallen und Kirgisistan unabhängig geworden ist.

"Zu Sowjet-Zeiten suchte sich die Regierung Fachleute aus, die sie weiterbildete und finanziell unterstützte. Heute ist die Qualifikation der Spezialisten deutlich tiefer, und die ganze Kunstszene ist in eine fast totale Gleichgültigkeit gefallen."

Abdanken des Staates

Der Staat hat sich, vollauf beschäftigt mit anderen Prioritäten, ganz aus der Kulturpolitik zurückgezogen. Die Kultur steht nicht mehr auf der Liste der Umsorgten, und die Zuwendungen an Kulturschaffende sind kümmerlich.

So ist beispielsweise Asanbekov gegenwärtig der einzige kirgisische Intendant, der – ausgebildet in Moskau – in Bischkek geblieben ist. Statt den Verlockungen einer Karriere im Ausland nachzugeben, folgt er einer Mission: Er will ein Theater schaffen, das die Legenden und Erzählungen der Vergangenheit wieder aufleben lässt.

So will er verhindern, dass das tausendjährige kirgisische Kulturgut, das in den Epen enthalten ist, in Vergessenheit gerät. "Heute übernehmen die Jugendlichen das Schlimmste der westlichen Kultur", sagt Asanbekov. "Es liegt mir daran, den kommenden Generationen gewisse Werte weiterzugeben."

Alte Geschichten und Werte als Erziehung

Die Themen der kirgisischen Epen sind universeller Art: Es geht um Liebe, Tod, Krieg oder den Respekt gegenüber der Natur, wie im Stück "Kereez", dem neuesten Werk Asanbekovs.

In dessen Schlüsselszene realisiert der Jäger, der um des Ruhmes willen alle Tiere ausgerottet hat, dass nun sein ganzer Stamm verhungern muss.

Zwischen die Spielszenen sind mehrere traditionelle Lieder eingestreut. Die junge kirgisische Schauspielerin Mereem Belekova begleitet diese auf ihrer Komuz, dem traditionellen, dreisaitigen Instrument, das einer Balaleika gleicht. Mit einem einfachen, kargen Bühnenbild – die Geschichte könnte irgendwo auf der Welt spielen – will dieses Epos auf das notwendige Gleichgewicht zwischen Mensch und Natur hinweisen.

Sicher, mehrere Nichtregierungs-Organisationen verteidigen heute dieselben Werte. Aber hier bezieht sich diese Botschaft auf das eigene kulturelle Erbe. Ein wichtiger Unterschied, um die jungen Leute zu motivieren, sich mehr mit ihrer eigenen Kultur zu beschäftigen und deren Reichtum wieder zu entdecken.

Weil ein solches Ziel in der offiziellen Regierungspolitik fehlt, nennt der Theatermann Asanbekov sein Schaffen "Erziehung durch Theater".

Schweizer Unterstützung hält Theater am Leben

Aus diesen Gründen hat die Schweizer Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) denn auch Asanbekovs Projekt mit 4100 Dollar (5160 Franken) unterstützt. Dieser Beitrag löse selbstverständlich nicht alle Probleme, sagt Asanbekov. Aber: "Die Schweizer Zuwendungen halten uns am Leben."

Kürzlich hat die UNESCO, die Unterorganisation für Erziehung, Wissenschaft und Kultur der Vereinten Nationen, die Truppe engagiert, um den Kindern eines Dorfes ein Stück vorzuspielen. Laut den Schauspielern war es ein voller Erfolg.

Die Aussagen der 20-jährigen Belekova lassen hoffen. "Ich erklärte es immer und immer wieder, aber es half nichts. Meine Freunde und Bekannte verstanden einfach nicht, was ich mache", erzählt sie. "Aber seit sie mich das erste Mal auf der Bühne gesehen haben, bitten sie mich immer wieder, auf der Komuz etwas vorzuspielen."

swissinfo, Jean-Didier Revoin und Marzio Pescia, Bischkek
(Übertragen aus dem Französischen von Philippe Kropf)

In Kürze

Seit der Unabhängigkeit des Landes hat es keinen Ersatz für die sowjetische Kulturpolitik gegeben.

Die Budgets sind sehr klein geworden und Kunstschaffende kämpfen ums Überleben.

Theaterdirektor Nurlan Asanbekov bringt traditionelle Epen auf die Bühne, damit sie nicht in Vergessenheit geraten.

Die Ausstattung der Bühne ist sehr karg, damit die Epen überall, auch auf dem Lande, aufgeführt werden können.

Die DEZA unterstützt das Projekt als Beitrag zur Förderung des kirgisischen Kulturerbes.

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