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Trinken wie ein Schweizer

Festlicher Anlass um 1910: Kaffee wird erst Ende des 19. Jahrhunderts in allen Gesellschaftsschichten getrunken.

Das Schweizer Landesmuseum im Château de Prangins feiert sein 10 Jahre-Jubiläum mit einer Ausstellung zum Thema Trinken vom Ancien Régime bis heute. Die Ausstellung zeigt: Unser Kulturleben spiegelt sich auch in der Geschichte der Getränke.

Heute gilt, dass ein Erwachsener rund 1,5 Liter Flüssigkeit pro Tag zu sich nehmen sollte. Diese Angabe freut natürlich die Mineralwasserindustrie, und es ist nicht von der Hand zu weisen, dass sie an der Grösse dieser Zahl nicht ganz unbeteiligt ist.

Natürlich käme es heute kaum jemandem in den Sinn zu denken, diese anderthalb Liter seien in Form von Wein zu sich zu nehmen. Ein alter Eidgenosse allerdings hätte genau das gedacht.

Dies zeigt das Landesmuseum in Prangins in seiner Ausstellung "À la vôtre – Zum Wohl – Salute!". Die Trinkgewohnheiten und Sitten waren Ausdruck der jeweiligen Zeiten und ändern mit diesen.

Sie sei legendär gewesen, die Liebe der Schweizer (und hier fehlt die weibliche Form bewusst) zum Trinken, sagt Isabelle Chappuis, die Verantwortliche für Vermittlung, bei der Führung durch die Ausstellung.

Wasser und Milch – kein Hit

"Im 16. Jahrhundert gab es die Redewendung 'Trinken wie ein Schweizer'", sagt Chappuis. Dabei habe niemand an Wasser oder Milch gedacht.

Wasser hatte zu dieser Zeit einen schlechten Ruf, war oft verschmutzt und deshalb für zahlreiche Krankheiten, ja Seuchen, verantwortlich.

Wasser konnte kaum gelagert werden und faulte. Die Brunnen waren oft schlecht oder konnten gar vergiftet werden. Dazu kam, dass Wasser keinen Nährwert hatte. Trotz des grossen Misstrauens blieb Wasser mangels Alternativen für viele Leute unentbehrliches Alltagsgetränk.

Abgesehen vom Nährwert galt vieles davon auch für die Milch. Zwar war sie in Gebieten der Milchwirtschaft gängiges Getränk. Sonst aber wurde sie selten getrunken. Roh getrunken, konnte sie Träger von Krankheiten sein und sie war – vor allem im Sommer – kaum zu lagern.

Die Zeit von Milch und Wasser als Massengetränk war noch nicht reif.

Wein der Renner

Der Mensch im Ancien Régime - also vor 1800 - trank Wein. Das mutet heute seltsam an, die Ausstellung in Prangins zeigt ausführlich wie und warum.

"Bis ins 19. Jahrhundert wurden rund 8 dl Wein pro Tag und Person getrunken", sagt Isabelle Chappuis. Dabei habe es sich nicht um Qualitätstropfen heutiger Prägung gehandelt. "Der Wein hatte weniger Alkoholprozente und war recht sauer." Gelagert wurde er in Fässern. Die Weinflasche kam erst im 18. Jahrhundert auf, als sie mit Kork und Wachs verschlossen werden konnte.

Wer damals in der Schweiz etwas feierte – öffentlich oder privat - tat es mit Wein. Dabei waren die Frauen vom geselligen Getue (das oft in Zünften oder andern Männervereinen stattfand) praktisch ausgeschlossen.

Tourismus, Kühlschrank und Herr Schweppe

Ab Anfang 19. Jahrhundert ändert sich das gesellschaftliche Leben und das Trinkverhalten. Die Eisenbahn fährt. Das Feudalsystem wird vom kapitalistischen Markt abgelöst. Diesen Veränderungen und den Auswirkungen auf das Trinkverhalten widmet sich die Ausstellung ausführlich.

Der Tourismus entdeckt die knackigen Sennen und Älpler. Fortan wird die Milch der Alpen Inbegriff von Natur und Gesundheit.

Als gar noch der Kühlschrank erfunden wurde und das Pasteurisieren (Louis Pasteur lebte von 1825 – 1895) wurden Milch und Wasser (Mineralwasser genannt) salonfähig.

Einen wesentlichen Beitrag zum Siegeszug des Mineralwassers leistete übrigens auch ein gewisser Jean Jacob Schweppe. Schweppe – Deutscher und Uhrmacher - erfindet bereits 1783 in Genf ein Verfahren, wie Wasser mit Kohlensäure versetzt werden kann.

Kaffee, Tee und Bier

Milch (ergänzt mit Ovomaltine) wurde in der Schweiz zum gesunden Nationalgetränk erklärt. Kaffee erreichte alle Gesellschaftsschichten. Tee und Schokoladegetränke werden in den Salons der Wohlhabenden genossen.

Das heute allgegenwärtige Bier geriet bis in die Neuzeit fast in Vergessenheit. Es liess sich schlecht konservieren und im Sommer war es für die Herstellung zu warm. Erst die industrielle Kühlung verhalf dem Bier zu seinem Siegeszug.

Die Ausstellung über das Trinken in der Schweiz geht auch auf die Schattenseiten des starken Alkoholkonsums ein. Das 19. Jahrhundert bezeichnet sie als "Jahrhundert des Alkohols". Denn nebst Wein kam damals auch der hochprozentigere Branntwein (Schnaps) auf.

Und wo stehen wir heute?

Alkohol wird nicht mehr als Stärkungsmittel im Sport angesehen und ist von dort verbannt worden. Alkoholfreie Getränke werden mit Gesundheit, Jugendlichkeit und Glück in Verbindung gebracht.

Der motorisierte Strassenverkehr und die 0,5 Promille-Grenze verbannen den Alkohol per Gesetz auf die Strafbank. Doch alkoholfrei sind wir deshalb nicht geworden. Der gute Tropfen steht neben der neuen Form des Saufens, dem Botellon.

swissinfo, Urs Maurer

Die Ausstellung

"À la vôtre – Zum Wohl – Salute" die Geschichte über das Trinken in der Schweiz ist bis zum 19. April 2009 im Landesmuseum Schloss Prangins zu sehen.

Anhand von rund 200 Kunstwerken und Alltagsobjekten aus über zwanzig öffentlichen Institutionen und Privatsammlungen zeigt die Ausstellung die Geschichte über das Trinken in der Schweiz.

Dazu die wichtigsten Etappen in der Biographie der verschiedenen Getränke.

Dabei geht es nicht nur um die Getränke selbst – Wasser, Wein, Schnaps, Milch und Mineralwasser – sondern auch um die Orte des Ausschankes und die Art des Genusses.

Aber auch die Probleme – von der Reblaus bis zum Alkoholismus und dem Absinthverbot – werden thematisiert.

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Zahlen im Vergleich

An der 700-Jahrfeier der Stadt Bern 1891 wurden verkauft:
490 Halbliterflaschen Mineralwasser
43'000 Liter Wein
40'000 Liter Bier

Am Paléo-Rockfestival in Nyon 2008 wurden verkauft:
136'000 Liter Mineralwasser
30'000 Liter Wein
190'000 Liter Bier

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