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Vom Roma-Ghetto auf die Bühne in Gstaad

Haben keine Verständigungsprobleme: Saaner und Roma Kinder am Menuhin Festival in Gstaad.

Ein Fest mit Zigeunermusik bildete den fulminanten Abschluss der Themenwoche "Tout le monde du violon" am Menuhin Festival. Zuvor zeigten Saaner und Roma-Kinder auf dem Gstaader Dorfplatz, was sie in einem gemeinsamen Workshop gelernt hatten.

Dritter Probentag im Kirchgemeindehaus Gstaad. Über zwanzig Kinder aus der Region Saanen sind schon bereit, als die slowakische Roma-Sängerin und Organisatorin Ida Kelarova mit ihrer Truppe eintrifft.

Während die Musiker ihre Instrumente aufstellen, trommelt Kelarova mit ihrer tiefen, heiseren Stimme die gemischte Gruppe zusammen: "Stellt euch im Halbkreis auf, in höchstens zwei Reihen, Roma und Saaner Kinder gut untereinander verteilt."

Stimme für Rechte der Roma

Die Musikerin und Roma-Aktivistin gilt als eine der wichtigsten Stimmen für Freiheit und Rechte der Roma in Osteuropa. Um Kindern aus den Ghettos slowakischer und tschechischer Roma-Siedlungen eine sinnvolle Beschäftigung zu ermöglichen, hat sie mehrere Sing- und Tanzgruppen für Jugendliche zwischen 9 und 18 Jahren gegründet.

Eine Gruppe junger Sängerinnen und Sänger hat sie nun ans Menuhin Festival nach Gstaad gebracht. Sogar ein knapp 2-jähriger Knirps gibt eine kurze Tanzeinlage. In ihren Erklärungen wechselt Kelarova fliessend zwischen Tschechisch, ihrem Roma-Dialekt und Englisch.

Für die Einheimischen übersetzt die Lehrerin Margrith Gimmel, die für die Kinderprogramme am Menuhin Festival verantwortlich ist. Sie klärt die Saaner Kinder auch über die schwierige Lage der Roma auf und verweist auf die aktuelle Kampagne von Amnesty International gegen die Ausgrenzung der Roma-Kinder in der Slowakei.

Babylonisches Sprachengewirr

Trotz unterschiedlichen Sprachen haben die Kinder keine Verständigungsprobleme: "Wir sprechen mit Händen und Füssen", sagt die 13-jährige Fabienne aus der Gemeinde Turbach, die vor dieser Begegnung die Roma und ihre Kultur nicht kannte. Sie, die sonst beim Singen von ihrem Vater auf dem Schwyzerörgeli begleitet wird, geniesst es, für einmal mit fremden Kindern Texte zu singen, die sie nicht versteht.

Auch der 11-jährige Lukas aus Feutersoey bei Gstaad, der sich kurz vor dem Auftritt das Handgelenk gebrochen hat und nun den Arm in der Schlinge trägt, wusste nichts von den Problemen der Roma, etwa dass sie kaum Zugang zu einer regulären Schulbildung haben. "Obwohl mir die Schule manchmal stinkt, finde ich sie grundsätzlich gut und wichtig", sagt Lukas.

Valerie aus Gstaad, auch sie 11-jährig, hat durch ihre serbische Freundin bereits vorher Zigeunermusik gehört. "Ich liebe es, zu singen, zu tanzen und öffentlich aufzutreten, besonders toll ist das mit dieser Musik." Dazu hat sie in diesem Workshop mit anschliessendem Konzert reichlich Gelegenheit.

Solotalent Anitschka

Zum Auftakt lässt Kelarova die Jugendlichen ein rasantes, fröhliches Lied singen, das die Luft im Kirchgemeindesaal zum Vibrieren bringt. Die Roma geben Tempo und Rhythmus vor, die Saaner singen den Roma-Text ab Blatt mit, noch etwas zögerlich die einen, die anderen voller Inbrunst.

Dann tritt ein kleines Mädchen in Jeans, Turnschuhen und einem bedruckten lila T-Shirt aus dem Kreis heraus und beginnt allein zu singen. Ohne musikalische Begleitung, zuerst leise, melancholisch, dann mit immer stärkerem Ausdruck singt sie tief bewegt von Sehnsucht und Trauer, als hätte sie bereits ein langes, schmerzvolles Leben hinter sich.

"Die kleine Anitschka kommt aus einer slowakischen Roma-Siedlung und ist erst 9 Jahre alt, ein grosses Talent", sagt Katerina Kelarova gegenüber swissinfo.ch.

Die Schwiegertochter von Ida Kelarova arbeitet selbst seit zehn Jahren in der Truppe mit, obwohl sie selbst keine Roma ist. Sie verfolgt die Proben mit einem Baby im Tragetuch, ihre 6-jährige Tochter singt und tanzt bereits mit.

Die Kinder seien zum ersten Mal im Ausland und kämen aus dem Staunen nicht heraus: "Bei einem Spaziergang durch Gstaad wunderten sie sich, dass alles so ruhig ist und niemand lacht oder zumindest lächelt", erzählt Kelarova. Tatsächlich ernten die Kinder, teils in bunte Zigeunerkostüme gekleidet, erstaunte und befremdete Blicke, als sie nach der Probe schwatzend und lachend vom Kirchgemeindehaus zum Dorfplatz ziehen.

Ein Tauber mit sieben Sprachen

Der älteste der Truppe ist der 19-jährige Roma Michal. Er ist taub, kann die anderen nur mit Hörgerät und Lippenlesen verstehen, spricht aber sieben Sprachen. Locker vermittelt er zwischen den Saaner und den Roma-Kindern.

"Wir haben keine politischen Botschaften in unseren Liedern", verneint Michal die entsprechende Frage und erläutert: "Gefühle sind die Basis unserer Musik, und diese ist Teil des Alltags. Wir singen von Liebe, Glück, Trauer und Sehnsucht. Viele der traditionellen Lieder handeln von der Geschichte der Roma."

Dass die Schweizer Kinder Texte singen, die sie nicht verstehen, sieht Michal nicht als Problem, denn er weiss: "Sie können die Musik fühlen."

Susanne Schanda, Gstaad, swissinfo.ch

Menuhin und die Zigeunermusik

Das 54. Menuhin-Festival Gstaad fand vom 16. Juli bis 5. September 2010 statt.

Der Violinist, Dirigent und Humanist Yehudi Menuhin (1916-1999) liess sich mit seiner Familie zu Beginn der 1950er-Jahre in Gstaad nieder.

Das Festival entstand 1957 aus der Idee Menuhins, Künstlerkollegen aus aller Welt einzuladen und zusammen zu musizieren.

Yehudi Menuhin fühlte sich den Sinti und Roma eng verbunden. In einer Rede vor der Unesco bezeichnete er sie einst als "unverdientes Geschenk an unsere Zivilisation".

Der deutsche Geiger Volker Biesenbender, einst Schüler und Freund Menuhins, hat für das diesjährige Festival eine Themenwoche mit Zigeunermusik zusammengestellt: "Tout le monde du violon".

Im Zentrum des Programms steht die slowakische Roma-Sängerin Ida Kelarova, die sich mit Musik dafür einsetzt, dass die Roma-Kinder in der Slowakei aus ihrem Ghetto herauskommen. Ans Festival bringt sie eine Gruppe Jugendlicher mit, die zusammen mit Kindern und Jugendlichen aus Saanen musizieren und auftreten.

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Proteste in Frankreich

In Frankreich haben am Wochenende Zehntausende Menschen gegen die massenhafte Abschiebung von Roma protestiert. Sie warfen Präsident Nicolas Sarkozy vor, aus politischem Kalkül Vorurteile gegen Minderheiten zu schüren.

Menschenrechtsaktivisten, Gewerkschaften, linke Parteien und auch Roma-Gruppen beteiligten sich an den Protestaktionen.

In mindestens 135 Städten in Frankreich wurde demonstriert, auch in anderen europäischen Ländern fanden Proteste vor den französischen Botschaften statt.

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The citizens' meeting

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1968 in der Schweiz