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Vorarlberg: Bleibende Sympathien für Schweiz

Solidaritätsaufruf zur Hilfslfsaktion "Pro Vorarlberg" ,1921 © Vorarlberger Landesarchiv, Bregenz

Jeder zweite Vorarlberger wäre lieber Schweizer als Österreicher. Dies hat eine Umfrage im Vorfeld der Ausstellung "Kanton Übrig" ergeben. Die Ausstellung in Bregenz erinnert an 1919, als sich Vorarlberg für den Anschluss an die Schweiz ausgesprochen hatte.

In einer Umfrage des Österreichischen Rundfunks (ORF) sind die Meinungen von rund 20 Vorarlbergern zu einem Anschluss an die Schweiz zu hören.

Während für die eine Hälfte die wirtschaftlichen und kulturellen Bindungen an Österreich und die EU für den Verbleib bei Österreich sprechen, ist für die andere ein Schweizer "Kanton Vorarlberg" vorstellbar.

Die Radio-Umfrage erfolgte im Vorfeld der Ausstellung im Vorarlberger Landesmuseum, die an die Anschlussbewegung vor 90 Jahren erinnert.

"Nebelspalter" karikierte schon damals

Aus dem Archiv der Schweizerischen Satire-Zeitschrift Nebelspalter hat Chefredaktor Marco Ratschiller Karikaturen beigesteuert.

"Die Bregenzer Aussteller suchten nach Karikaturen aus dieser Zeit und wurden beim Nebelspalter fündig", sagt Ratschiller gegenüber swissinfo. "Damals diente die Satire ähnlichen Zwecken wie heute die Boulevard-Presse. Es ist deshalb erstaunlich, dass sich im Archiv nur drei Karikaturen zu diesem Thema fanden."

Denn offenbar halten die Emotionen zu dem Thema bis heute an: Dass der Ja-Anteil in der ORF-Umfrage fast ein Jahrhundert später immer noch so hoch ist, überrascht Ausstellungsmacher Stefan Graf.

Sie könnte auf den "Polit-Frust" der Bundeswahl in Österreich zurückzuführen sein, schätzt er. Oder sie könnte mit der späten österreichischen Identitätsfindung zusammenhängen.

Gelobtes Land Schweiz

Nach dem 1. Weltkrieg lag die Habsburger Monarchie in Trümmern: Der Kaiser war tot, der Krieg verloren, der Nachfolger Franz Ferdinand ermordet – das deutschsprachige "Rumpfland" Österreich ohne Ungarn, Triest, und den slawischen Ländergürtel allein gelassen und ohne nationale Identität.

So suchte damals nicht nur das Bundesland Vorarlberg eine Alternative zu "Rumpf-Österreich", wo sich viele ohnehin Deutschland anschliessen wollten. Auch Tirol und Salzburg liebäugelten mit einer Angliederung an Bayern.

Österreich galt nach dem 1. Weltkrieg vielen nicht als überlebensfähig, wirtschaftlich und ideologisch nicht, schreibt der ORF. Demgegenüber erschien die Schweiz nicht nur den Vorarlbergern als gelobtes Land mit Sicherheit und wirtschaftlicher Potenz.

Ein Vorarlberger Lehrer aus Lustenau beim Rhein, Ferdinand Riedmann, rief die Anschluss-Bewegung ins Leben. Sein Komitee warb dafür und stiess unter Vorarlbergern auf grosse Zustimmung.

Die Wirtschaftstreibenden im Land befürworteten jedoch laut ORF einen Anschluss an Deutschland und sie verspotteten Vorarlberg in Österreich als "Kanton Übrig".

"Schweizer Expansionismus"

Der neu gegründete Landtag in Vorarlberg ignorierte die Bestrebungen von Riedmann zunächst. Nach einer Unterschriften-Sammlung war das Parlament jedoch gezwungen, sich damit zu befassen: Im Mai 1919 resultierte in einer Volksabstimmung bei über 40'000 Stimmen ein 82-prozentiger Ja-Anteil zum Beitritt zur Eidgenossenschaft.

In der Schweiz sei 1919 aber die öffentliche Meinung gegen diesen Beitritt gewesen, schreibt Daniel Witzig, Chefredaktor der früheren Bündner Zeitung, in seiner Dissertation. Für einen Beitritt jedoch setzte sich der damalige Bundesrat Felix-Luis Calonder ein.

Die Alpenpässe Vorarlbergs hätten laut dem Bündner Politiker das Transitland Schweiz aufgewertet. Doch die Siegermächte des 1. Weltkriegs entschieden anders: Im Friedensvertrag von Saint Germain vom September 1919 war die territoriale Unveränderbarkeit Rumpf-Österreichs festgeschrieben worden.

Und Wien, Berlin und Rom reagierten auf den "Schweizer Expansionismus" sehr negativ.

Tessin an Italien, Genf an Frankreich

Italien, das sich im Krieg erst später der Entente gegen Deutschland und Österreich angeschlossen hatte und dafür das Südtirol versprochen erhielt, forderte die Schweiz gar auf, als Kompensation für Vorarlberg das Tessin abzutreten – Volksmeinung hin oder her.

Laut Ratschiller gab es in der Schweiz Gedanken- und Planspiele, die wirklich das Tessin als Gegenleistung für weitere Alpentransit-Wege einbringen wollten.

Doch die Vorarlberger Frage wog im allgemeinen Durcheinander nach dem Kriegsende nicht derart stark, so Ratschiller gegenüber swissinfo: Die Probleme, die die Schweiz mit Frankreich wegen Genf und dessen Hinterland auszufechten hatte, fielen stärker ins Gewicht.

Schon damals: Bundesrats-Rücktritt

Die Vorarlberg-Frage jedenfalls endete mit einem Fiasko, und Calonder musste als "Prügelknabe der internationalen Politik" als Bundesrat zurücktreten.

Ratschiller findet "diese kurze Episode in der neuen Schweizer Geschichte hoch brisant". Sie sei zu Unrecht in der Schweiz in Vergessenheit geraten, obwohl sie auf Schweizer Seite eigentlich "ausgeforscht sei".

swissinfo, Alexander Künzle

Das "Ländle"

Umgangssprachlich wird das österreichische Bundesland Vorarlberg (wie Liechtenstein) als "Ländle" bezeichnet.

Im Gegensatz zum übrigen Österreich spricht man in Vorarlberg einen alemannischen Dialekt.

Dieser ist verwandt mit dem Schweizerdeutsch, dem südbadischen Alemannisch und dem Schwäbischen.

Landeshauptstadt ist Bregenz, grösste Stadt ist Dornbirn.

Das westlichste Bundesland hat rund 370'000 Einwohner.

In der Schweiz sind die Bregenzer Festspiele ein Begriff. Auch die touristischen Ziele wie Lech und Zürs am Arlberg, Montafon, Bregenzerwald, Grosses und Kleinwalsertal sind in der Schweiz beliebt.

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Bockige Nachbarn

Die Schweiz in Ehren - doch nicht immer: Im März 2007 wehrten sich die Nachbarn östlich des Rheins vehement gegen ein neues AKW auf Schweizer Boden.

Der Vorarlberger Landeshauptmann Herbert Sausgruber forderte gar Wien auf, in Bern gegen diesen "Irrweg" zu intervenieren.

Schon 1965 waren die Vorarlberger ungehorsam: Eine Grossdemo in Feldkirch verhinderte ein Ölkraftwerk auf der Schweizer Seite.

1978 stimmten 85% der Vorarlberger gegen ein AKW-Werk in Zwentendorf.

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Bilaterale Beziehungen

Zwischen der Schweiz und Österreich gibt es über 80 bilaterale Verträge.

Die beiden Staaten kooperieren auch in der Kosovo-Friedenstruppe (KFOR) und in internationalen Gremien. Die Schweiz ist für Österreich der viertwichtigste Investor. Ende 2004 beliefen sich die schweizerischen Direktinvestitionen auf rund 4.65 Mrd. Franken.

Schweizer Firmen beschäftigen in Österreich knapp 35'000 Personen. Für die österreichische Exportwirtschaft liegt die Schweiz nach Deutschland, Italien und den USA auf Platz 4. Umgekehrt belegt die Schweiz als Lieferantin Österreichs den 5. Rang.

Europapolitisch gehen die Schweiz und Österreich unterschiedliche Wege: Österreich ist seit 1995 Mitglied der Europäischen Union (EU). Es ratifizierte als erstes Land der Union die Bilateralen Abkommen I zwischen der Schweiz und der EU. (Quelle: Eidgenössisches Departement für auswärtige Angelegenheiten)

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(swissinfo.ch)


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