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"Suizid ist ein Problem, das uns alle betrifft"

Jährlich gibt es in der Schweiz zwischen 10'000 und 15'000 Suizidversuche. Keystone

In der Schweiz fordern Suizide mehr Tote als Strassenunfälle, Aids und Drogen zusammengezählt. Wer sind die Personen, die ihrem Leben selbst ein Ende setzen wollen, und wie kann man ihnen helfen? Wir haben mit zwei Experten des Westschweizer Beobachtungszentrums für Suizidversuche gesprochen.

Dieser Inhalt wurde am 10. September 2017 - 11:00 publiziert
Luigi Jorio, Neuenburg, swissinfo.ch

"Take a minute, change a life". Das ist das Motto des Welttags der Suizidprävention 2017 (10. September), der dieses Jahr daran erinnern will, dass schon eine kleine Geste eine Extremtat verhindern kann. Das Thema Suizid ist komplex, unangenehm, häufig ein Tabu. Aber es ist wichtig, darüber zu sprechen, betonen der Psychiater Stéphane Saillant und der Leiter Pflege Yves Dorogi (siehe Box).

Stéphane Saillant ist Chefarzt ad Interim der psychiatrischen Abteilung für Erwachsene am Zentrum für Psychiatrie in Neuenburg. Er ist Mitglied der Westschweizer Gruppe für Suizidprävention.

Yves Dorogi ist Leiter Pflege am Universitätsspital Lausanne (CHUV). Er ist Mitglied der Westschweizer Gruppe für Suizidprävention.

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swissinfo.ch: Suizide sind in der Schweiz relativ gut dokumentiert. Durchschnittlich gibt es tausend Fälle pro Jahr. Wie sieht es bei den Suizidversuchen aus?

Yves Dorogi: Da gibt es deutlich weniger Informationen. Wir wissen aber, dass die Gesundheitsdienste zwischen 10'000 und 15'000 Suizidversuche pro Jahr behandeln. In der Realität sind die Suizidversuche noch viel zahlreicher. Die Zahl der jungen Leute, die von einem Suizidversuch berichten, ist höher als man allgemein denkt (eines von fünf Mädchen beziehungsweise einer von 10 Knaben im Alter von 15 Jahren).

Wer sind die Personen, die sich das Leben zu nehmen versuchen?

Stéphane Saillant: Die Personengruppen, die sich das Leben nehmen, sind nicht unbedingt die gleichen, wie die, die einen Versuch unternehmen. Bei der ersten Gruppe haben wir eine Mehrheit von Männern, in der zweiten gibt es mehr Frauen. Das ist eine einfache Feststellung, und die Gründe für diesen Unterschied können vielfältig sein. Männer tendieren dazu, gewalttätige Methoden zu verwenden, beispielsweise Schusswaffen oder sich Erhängen. Frauen wenden sich häufiger an die psychiatrischen Notfalldienste, was die Statistiken auch verfälschen könnte. Es handelt sich um Hypothesen. Sicher ist hingegen, dass Suizidversuche der grösste Risikofaktor für vollendeten Suizid sind.

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swissinfo.ch: Gibt es Altersklassen, die besonders gefährdet sind?

Stéphane Saillant: Nein. Suizide gibt es in allen Altersklassen, auch wenn es Perioden im Leben gibt, in denen die Leute häufiger Suizid begehen oder es versuchen. Ich denke da an die Adoleszenz und an das hohe Alter. Jugendliche haben häufig Suizidgedanken, schreiten aber nicht unbedingt zur Tat.

swissinfo.ch: Liegt jedem Suizid eine psychische Störung zugrunde?

Yves Dorogi: Studien zeigen, dass die ausserordentlich grosse Mehrheit der Suizidenten an einer psychischen Krankheit litt. Aber das ist nicht der einzige Grund. Ein Suizid ist etwas komplexes und die Ursachen sind vielfältig.

Stéphane Saillant: Es gibt nicht die eine Ursache für Suizid. Man bringt sich nicht einzig wegen eines Tumors, einer Entlassung oder Trennung vom Partner um. Es kommen meist mehrere Faktoren zusammen, die nur noch den Suizid als Ausweg erscheinen lassen.

swissinfo.ch: Wie kommt man von Suizidgedanken zur tatsächlichen Umsetzung?

Yves Dorogi: Bei der Mehrheit der Fälle handelt es sich um einen mehr oder weniger langen Prozess. Am Anfang steht vielleicht der passive Suizidgedanke, im Zusammenhang mit einem Ereignis im Leben einer Person. Wenn die Widrigkeiten fortbestehen, beginnt man intensiver daran zu denken, und man überlegt sich ein Szenario. Man beginnt langsam, die Absicht umzusetzen.

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swissinfo.ch: Was sind die effizientesten Präventionsmassnahmen?

Yves Dorogi: Die Beschränkung des Zugangs zu tödlichen Mitteln wie Schusswaffen oder Orte, wo man Suizid begehen kann, wie Brücken oder Abgründe. Wichtig ist auch der Zugang zu Hilfe und die Ausbildung der Personen an der Front – Sozialarbeiter, Ärzte, Krankenpfleger, Lehrer, Polizisten, Feuerwehrleute… - so dass sie Warnsignale erkennen und wissen, wie zu helfen ist.

swissinfo.ch: Was wird hingegen gemieden?

Stéphane Saillant: Es wird empfohlen, in den Medien nicht herabsetzend oder sensationslüstern über Suizid zu berichten. Die Medien spielen in dieser Hinsicht eine wichtige Rolle, wie auch die Weltgesundheitsorganisation feststellt. Man sollte den so genannten Werther-Effekt vermeiden [von Goethes Werk "Die Leiden des jungen Werthers"], oder das Phänomen, dass die Nachricht eines Suizids eine Kette weiterer Suizide auslöst. Es trifft jedoch auch das Gegenteil zu: Wenn man über Prävention spricht und die Erfahrungen teilt, hat man möglicherweise einen Einfluss auf jemanden, der über Suizid nachdenkt. Den Leuten Hoffnung zu geben, ist hilfreich.

Leider gibt es nicht genügend finanzielle Mittel. Man investiert viel mehr in Präventionskampagnen der Strassenunfälle, obwohl diese nur einen Viertel der Todesfälle im Vergleich zu jenen durch Suizid ausmachen.

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swissinfo.ch: Wurde das Thema vernachlässigt?

Stéphane Saillant: Das Thema Suizidversuche hat in der Vergangenheit wenig Interesse der wissenschaftlichen Forschung geweckt, auch weil es nicht einfach ist, Leute zu finden, die einen Suizidversuch unternommen haben. Aber wir wissen, dass die interdisziplinäre Arbeit wichtig ist, weil Suizid ein Problem ist, das uns alle betrifft.

Yves Dorogi: Suizid ist im Allgemeinen ein schwieriges Thema. Es ist ein Tabu, das mit vielen Vorurteilen verbunden ist. Man hat beispielsweise Mühe zu akzeptieren, dass es auch Suizide bei Kindern und Jugendlichen gibt. Und doch wissen wir, dass bei den Todesfällen von Kindern unter 10 Jahren durch "Unfall" auch Suizide dabei sind.

Brauchen Sie Hilfe?

Auf der Website von Ipsilon oder unter den Gratistelefonnummern 143 (Erwachsene) und 147 (Jugendliche) finden Sie Hilfe.

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swissinfo.ch: Im Dezember 2016 wurde das Westschweizer Beobachtungszentrum für Suizidversuche gegründet, eine Novität in der Schweiz. Was kann man über die erste Zeit sagen?

Stéphane Saillant: Der Vorteil ist, dass wir dort präsent sind, wo man die Personen hinbringt, die sich das Leben nehmen wollten, also bei den Notfallstationen. Mit einem Formular werden Angaben gesammelt, um die Person und ihre Tat in einen Kontext zu bringen: Alter, Geschlecht, Nationalität, Uhrzeit des Suizidversuchs, frühere Suizidversuche… Damit wollen wir die Dynamik des Suizidprozesses besser verstehen.

In den ersten sechs Monaten haben wir etwa 400 Fälle an drei Orten (Lausanne, Neuenburg und La Chaux-de-Fonds) dokumentiert. Noch ist es aber zu früh, um Schlüsse zu ziehen.

Einen Viertel weniger Suizide bis 2030

Das Westschweizer Beobachtungszentrum der Suizidversuche wurde im Dezember 2016 gegründet und sammelt Daten der Notaufnahmen von Spitälern in der französischsprachigen Schweiz. Ziel ist, das Phänomen quantifizieren und untersuchen zu können, um Prävention und Hilfe zu verbessern. Das Projekt entstand im Rahmen des Aktionsplans Suizidprävention des Bundes. Ziel des Aktionsplans ist die Reduzierung der nicht assistierten Suizide (2014 waren es 1028) um 25% bis 2030. Konkret will man über Suizidalität informieren und sensibilisieren, Hilfe anbieten, die schnell und einfach zugänglich ist, Suizidalität frühzeitig erkennen und frühzeitig intervenieren, suizidale Handlungen durch einen erschwerten Zugang zu tödlichen Mitteln und Methoden erschweren, Hinterbliebene unterstützen sowie Forschung fördern.

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