Kurzarbeit – das Schweizer Heilmittel gegen das Coronavirus?

Shopping-Paradies? Die Gassen der Stadt Luzern sehen aktuell nicht danach aus. Normalerweise flanieren hier viele kaufkräftige Touristen aus China. Keystone / Urs Flueeler

In der Krise um faule Hypotheken im Jahr 2009 war Kurzarbeit ein probates Mittel gewesen. Mit dem Eintreffen des neuen Coronavirus in der Schweiz erlebt das staatliche Programm zur Abfederung von Krisen ein Comeback. Besonders herausgefordert ist der Jurabogen als Cluster für die Herstellung von Uhren "Swiss Made".

Alain Meyer

Von Grenchen im Kanton Solothurn bis nach Saignelégier in den Freibergen des Kantons Jura: Hier, in der Heimat der Schweizer Uhrmacherkunst, haben sich die Menschen zuerst etwas Zeit gelassen, bevor sie sich auf den langen, mühsamen und administrativ hindernisvollen Weg Richtung Kurzarbeit begeben.

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Das Ziel der Massnahme: die verheerenden Auswirkungen des Coronavirus auf die regionale Wirtschaft so schnell wie möglich zu bekämpfen. Obwohl mehrere Uhrenhersteller ernsthaft erwägen, für die Belegschaft Kurzarbeit einzuführen, wagt es niemand, dies offen zuzugeben. Dabei müssen die Uhrenfirmen nicht nur auf den Einbruch der Nachfrage aus China und Hongkong reagieren, sondern auch auf die kurzfristigen Absagen der Uhrenmessen Genf und Baselworld.

"Die ersten Anträge auf kürzere Arbeitszeiten sind in den letzten Tagen vor allem im Kanton Jura, aber auch in Neuenburg aufgetaucht", bestätigt Raphaël Thiémard, Leiter des Bereichs Uhren und Mikromechanik der Gewerkschaft Unia, gegenüber swissinfo.ch.

Der Kanton Jura unterscheidet sich von anderen Standorten der Uhrenindustrie, weil die Firmen inkl. den Zulieferern dort eher klein sind. Und Kleine sind nun einmal anfälliger für Marktschwankungen als die Branchenprimusse.

"Der Wegfall ihrer Präsentation auf der Baselworld ist für kleinere Unternehmen eine noch grössere Belastung. Grosse Akteure wie Rolex, Swatch oder Richemont dagegen können leichter eigene Marketing-Events entwickeln", sagt Unia-Vertreter Thiémard.

Leiharbeiter als Puffer

Schon vor Ausbruch der jetzigen Krise haben die Uhrenfirmen kaum mehr neue Mitarbeiter eingestellt. Denn schon bevor das Coronavirus nicht nur Menschen, sondern auch die Weltwirtschaft infizierte, hatte die traditionelle Schweizer Industriebranche bereits zu kämpfen. Dies vor allem gegen die Auswirkungen der politischen Krise in Hongkong, dem führenden Exportmarkt für Schweizer Uhren.

Firmen müssen Kurzarbeit beantragen

In Zeiten der Wirtschaftskrise, wenn ein Unternehmen mit einem starken Auftragsrückgang konfrontiert ist, kann es im Einvernehmen mit den betroffenen Mitarbeitenden vorübergehend die Arbeitszeit reduzieren. Dazu braucht es das grüne Licht der kantonalen Behörden.

Liegt dieses vor, erhalten die Mitarbeitenden eine Entschädigung von 80% des Einkommensverlusts. Wenn der Arbeitgeber beispielsweise die Beschäftigungsquote von 100% auf 50% reduziert, zahlt das Unternehmen diese 50%, und die Arbeitslosenversicherung übernimmt 80% der ausgefallenen 50%. Die Mitarbeitenden arbeiten jetzt nur noch 50%, erhalten aber 90% ihres ursprünglichen Gehalts.

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"Wir erleben die manchmal brutale Beendigung von Zeitverträgen", sagt Thiémard beunruhigt. Mit begrenzten Arbeitsverträgen werden in Zeiten grosser Nachfrage Mitarbeiter eingestellt, die den Unternehmen helfen, ihre vollen Auftragsbücher abzuarbeiten.

Für Thiémard waren die so genannten Zeitarbeiter für die Uhrenfirmen im Jura ein willkommener Puffer, um bei Restrukturierungen die Einführung eines Sozialplans sowie Entlassungen zu vermeiden. Für das Image der Branche sei das nicht gerade vorteilhaft.

"Seien wir ehrlich: Die Uhrenindustrie in der Schweiz läuft trotz der jüngsten Ereignisse weiterhin gut", sagt der Gewerkschafter. Der Rückgriff auf Kurzarbeit könnte dem wichtigen Sektor mit fast 60'000 Beschäftigten helfen, sie und ihr Knowhow langfristig zu sichern.

Das Staatssekretariat für Wirtschaft des Bundes (Seco) hat am Mittwoch die Frist für Arbeitgeber zur Ankündigung für Kurzarbeit auf zehn Tage gesenkt. Dies bestätigte Boris Zürcher, Chef der Direktion für Arbeit beim Seco. Die Lockerung der Richtlinien soll den dringendsten Fällen Linderung verschaffen.

Grosse Hoffnungen

Pierre-Alain Berret, Direktor der Industrie- und Handelskammer des Kantons Jura, möchte noch "schnellere und wirksamere" Massnahmen, um der Wirtschaft seines Kantons in der jetzigen Lage unter die Arme zu greifen. "Einige Unternehmen haben in den letzten Monaten bereits unter einem gebremsten Wachstum gelitten. 


Aber die Coronavirus-Krise steht in keinem Verhältnis dazu, denn ihre Auswirkungen werden sehr stark sein. Alles hängt davon ab, wie lange die Krise dauern wird", sagt Berret. Sein Chef, der jurassische Wirtschaftsminister Jacques Gerber, bestätigt, dass Anfragen von 18 Unternehmen vorliegen, die Kurzarbeit einführen wollen.

Dasselbe gilt für den Berner Jura, das Herz der Schweizer Mikrotechnik-Industrie. Zwischen Januar und Februar dieses Jahres, d.h. vor dem Ausbruch des Virus in der Schweiz, hatten dort bereits etwa 15 Unternehmen solche Massnahmen beantragt. Im Vorjahr waren es insgesamt 40 Firmen gewesen.

In Biel, einer Industriestadt mit mehr als 55'000 Einwohnerinnen und Einwohnern am Fusse des Jurabogens, wurden im gleichen Zeitraum bereits 13 Bewerbungen eingereicht, gegenüber 22 für das gesamte Jahr 2019. Es ist dies ein Indiz dafür, dass sich der Beginn einer Rezession abzeichnet.

Am Freitag gibt die Volkswirtschaftsdirektion des Kantons Bern die Zahlen der seit dem 28. Februar beim Kanton eingereichten Gesuche auf Kurzarbeit bekannt, d.h. jener Gesuche, die direkt mit dem Coronavirus in Verbindung stehen. Es besteht aber kaum ein Zweifel, dass die Statistiken explodieren werden. 

Unternehmen in der Gastronomie und im Einzelhandel des Kantons profitieren Berichten zufolge bereits von der Kurzarbeit im Zusammenhang mit der Verbreitung des Virus.

Grosse Welle erwartet

Auf nationaler Ebene datieren die letzten Zahlen zur Einführung von Kurzarbeit von November 2019, also weit vor der Ankunft von Covid-19. Nach Angaben des Seco hatten zu diesem Zeitpunkt bereits rund 170 Unternehmen im Land von dieser Regelung Gebrauch gemacht. Zur selben Zeit im Vorjahr waren es nur rund 60 gewesen. 

Im November 2019 leisteten 3650 Menschen Kurzarbeit. Diese Zahl hat sich zwischen Oktober und November 2010 verdoppelt (+106%), während im November 2018 nur 900 Personen in dieses Programm aufgenommen wurden.

Fachleute gehen davon aus, dass sich der Trend in den kommenden Wochen verstärken wird. Gemäss der jüngsten Prognose des BAK-Wirtschaftsinstituts in Basel wird das Wachstum in der Schweiz in diesem Jahr voraussichtlich um 0,3% bis 0,4% zurückgehen, was einem Ertragsausfall von knapp 2,5 Milliarden Franken entsprechen würde. 

Alexis Körber, Analyst bei BAK, sagte diese Woche zu unseren Kollegen bei SRF, dass "Kurzarbeit ein geeignetes Instrument ist, um die Wirtschaft am Laufen zu halten".

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