CS wegen bulgarischem "Kokain-König" im Visier der Bundesanwaltschaft

Die Credit Suisse war nicht bereit, zu den Fragen der Journalisten Stellung zu nehmen. Keystone / Alessandro Della Bella


Seit 2013 wird die Credit Suisse (CS) von der Bundesanwaltschaft in einem Geldwäschereifall um den bulgarischen "Kokskönig" Evelin Banev strafrechtlich verfolgt. Dies zeigt die Recherche von Gotham City* in schweizerischen und italienischen Gerichtsdokumenten. Die mutmassliche Verstrickung der zweitgrössten Bank des Landes in den Fall war bisher unbekannt.

Dieser Inhalt wurde am 15. Juli 2019 - 15:00 publiziert
Federico Franchini, Gotham City*

Das am 1. Februar 2008 von der Bundesanwaltschaft eröffnete Verfahren wurde von den Medien jahrelang nicht beachtet. Im Jahr 2014 wurde in einem Artikel der Westschweizer Zeitung Le Courrier auf die Existenz des Schweizer Netzwerks von Evelin Banev , alias "Brendo", hingewiesen, das in mehreren europäischen Ländern im Verdacht steht, an der Spitze einer grossen kriminellen Organisation zu stehen, die am Kokainhandel beteiligt ist.

Ebenfalls 2014 bezeichnete der Journalist und Schriftsteller Roberto Saviano Evelin Banev als "eine sehr wichtige Figur" der italienischen Mafiabanden, "eine Figur, die das Schicksal des bulgarischen Staates in seinen Händen hielt".

Schwerwiegende Geldwäscherei

Trotz der grossen Bedeutung dieses Drogenhandels-Falles wurde die Rolle der Credit Suisse nie öffentlich gemacht.

Auf Anfrage von Gotham Citiy bestätigte die Bundesanwaltschaft am 1. Juli 2019, dass die Untersuchung des Netzes von Evelin Banev im November 2013 auf die Credit Suisse AG wegen Verdachts auf mangelhafte Einhaltung der Sorgfaltspflicht im Zusammenhang mit schwerwiegender Geldwäscherei "erweitert wurde".

Alles begann 2007/2008. Die bulgarischen Behörden werfen Banev und dessen mutmasslichen Komplizen vor, ein Drogenhandelsnetz zu betreiben und ihre Aktivitäten über Finanz- und Immobilienstrukturen zu verschleiern. Sofia bittet die Schweiz um Rechtshilfe.

Die Bundesanwaltschaft beginnt sich für die Netzwerke des Unternehmens zu interessieren. Die Hypothese der Ermittler: Geld aus dem Handel mit mehreren Tonnen Kokain könnte in Immobilien in Bulgarien, Spanien und der Schweiz, insbesondere in Montreux und Genf, reinvestiert worden sein.

Im Februar 2008 leiten die Schweizer Behörden eine Untersuchung ein und sperren eine Reihe von Bankkonten, die im Namen von Unternehmen eröffnet wurden, die von Evelin Banev und dessen ehemaligem Partner, Konstantin Dishliev, kontrolliert wurden, der 2005 in Bulgarien ermordet wurde.

In der Schweiz verliess sich der Clan angeblich auf einen Vertrauensmann, einen Spezialisten für Finanzstrukturen im Dienst der Geldwäscherei. Insgesamt werden derzeit zehn Personen von der Bundesanwaltschaft verfolgt.

*Gotham City

Gotham City wurde 2017 von den Enthüllungs-Journalisten Marie Maurisse und François Pilet gegründet und ist ein Newsletter zum Thema Wirtschaftskriminalität. Die Recherche-Plattform berichtet für ihre Abonnenten jede Woche über Betrugsfälle, Korruption und Geldwäscherei im Zusammenhang mit dem Finanzplatz Schweiz, und zwar auf der Grundlage von Gerichtsdokumenten mit öffentlichem Zugang. Jeden Monat wählt Gotham City einen seiner Artikel aus, ergänzt diesen und bietet den Lesern von swissinfo.ch freien Zugang.

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Entführung

Seit 2008 interessiert sich auch Italien für "Brendo" und dessen Organisation. Die Zeitungen sprechen von einer Allianz zwischen den Clans der kalabrischen Ndrangheta und der bulgarischen Mafia. Schliesslich wird Evelin Banev in Bulgarien verhaftet. Im März 2013 wird seine Tochter in Sofia entführt: eine klare Botschaft an den Drogenhändler, vor den italienischen Gerichten, die seine Auslieferung fordern, zu schweigen.

"Brendo" wird vom Mailänder Gericht verurteilt und zu 20 Jahren Gefängnis verurteilt. 2015 hebt das Kassationsgericht das Urteil auf, bevor dieses 2016 vom Mailänder Berufungsgericht bestätigt wird.

In diesem Urteil des Kassationsgerichts erscheint der Name Credit Suisse. Um die finanziellen Beziehungen aufzuzeigen zwischen Evelin Banev und Matey Boev, der als dessen rechte Hand galt, erwähnen die italienischen Richter eine Durchsuchung durch die Schweizer Behörden in den Büros der Bank in Zürich.

In einer Schublade der Vermögensverwalterin XY entdecken die Schweizer Ermittler die Auszüge eines Kontos der von Boev und dessen Frau kontrollierten Firma Gill Holding Finance SA. XY, eine ehemalige bulgarische Profi-Tennisspielerin, ist heute unabhängige Beraterin. Sie leitet mehrere Unternehmen, die direkt mit Evelin Banev verbunden sind.

Zahlungen zwischen diesen Unternehmen wurden gegenüber der Bank mit Beraterverträgen begründet. Für die italienische Justiz lassen sich diese "Finanzströme zwischen einflussreichen Drogenhändlern" nicht konkret rechtfertigen und dienen ausschliesslich der Geldwäscherei.

Bankpolitik wird überprüft

Im April 2009 erweitert die Bundesanwaltschaft das Strafverfahren auf eine Managerin, die bei Credit Suisse für bulgarische Kunden zuständig ist. Aus deren Aussagen, die in einem Urteil zitiert werden, geht hervor, dass die Bankangestellte über die Verstrickung einiger ihrer Kunden – darunter Evelin Banev und Konstantin Dishliev – in diesem Strafrechtsfall, insbesondere wegen Geldwäscherei und Drogenhandels, informiert war.

Laut dem Urteil des Bundesstrafgerichts hat die Vermögensverwalterin ihre Vorgesetzten regelmässig informiert, aber sie wurde von diesen nie aufgefordert, ihre Aktivitäten mit den betreffenden Kunden einzustellen. Schlimmer noch: "Die Ermordung von Dishliev im Mai 2005 und dessen Mutter im Frühjahr 2007, unter bisher wenig aufgeklärten Umständen (....), hat die Bank nicht dazu veranlasst, ihre Politik gegenüber diesen Kunden zu überprüfen; beispielsweise wurde keine Meldung an die MROS [Meldestelle für Finanzintermediäre, N.d.R.] gemacht."

Mehr als zehn Jahre nach Einleitung der Untersuchung und sechs Jahre nach der Ausweitung auf die Credit Suisse ist das Verfahren immer noch nicht abgeschlossen. Die Bundesanwaltschaft macht darauf aufmerksam, dass für die Bank sowie die zehn in die Untersuchung einbezogenen Personen die Unschuldsvermutung gelte.

Zu den Fragen von Gotham City wollte sich die Credit Suisse nicht äussern.

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