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Krieg und Frieden in luftigen Höhen

Der syrische Autor Fawwaz Haddad (rechts) mit seinem Übersetzer in der Bar Les Sources des Alpes. Jonas Ludwig Walter

Von Werner Rysers "Walliser Totentanz" um Mitternacht auf dem Gemmipass bis zum Nahost-Krieg in den Lesungen von David Grossman und Fawwaz Haddad – das Literaturfestival Leukerbad verknüpfte in seiner 20. Ausgabe das Lokale mit dem Internationalen und die Literatur mit Gesellschaft und Politik.

Dieser Inhalt wurde am 06. Juli 2015 - 16:30 publiziert
Susanne Schanda, Leukerbad

Wer im Walliser Kurort LeukerbadExterner Link auf einer Höhe von 1400 Metern aus dem Postauto stieg, sich den schroffen Felswänden von Gemmi und Torrenthorn gegenübersah und die klare Bergluft einatmete, wurde am LiteraturfestivalExterner Link unvermittelt in fremde Welten gestürzt.

Zuerst in die stürmische Geschichte Georgiens, wo der opulente Familienroman der 32-jährigen Nino Haratischwili spielt. Die in Tiflis geborene und heute in Hamburg lebende Grenzgängerin schreibt auf Deutsch und las im Garten des Hotels Regina Terme aus ihrem 1280-Seiten-Roman "Das achte Leben".

Lesung von Nino Haratischwili (links) im Garten des Hotel Regina Terme. Jonas Ludwig Walter

Hundert Jahre und eine Familiengeschichte über sechs Generationen umspannt der Roman, für den Nino Haratischwili auf ausgedehnte Recherchen, Zeitzeugen und eigene Erinnerungen aus den 1980er-Jahren zurückgegriffen hat. Kriege und Revolutionen ziehen die Familie in einen Strudel aus Leid und Verlust.

Ausbruch aus der korrumpierten Sprache der Politik

Die gesellschaftliche Relevanz von Literatur und ihre Auseinandersetzung mit politischen Krisen standen dieses Jahr im Zentrum des Festivals. Im Interview mit swissinfo.ch sagte der israelische Schriftsteller David Grossman, dass die Erfahrung von Krieg und Gewalt, gerade auch in der Propaganda-Sprache von Politikern, bei ihm eine umso grössere Dringlichkeit bewirke, seine eigene, private Grammatik und Sprache fürs Erzählen zu schaffen.

"Schriftsteller haben immer Platzangst oder Erstickungsgefühle, wenn andere ihnen ihre Sprache aufdrängen. Das treibt mich zum Schreiben, dass ich die Dinge in meinem eigenen Namen erzählen muss." Er wolle nicht mit der hermetischen, eindimensionalen Sprache der Medien kollaborieren, sondern seine Leser und Leserinnen daran erinnern, dass die Wirklichkeit so viel komplexer sei als die Politiker sie darstellten. Im politischen Konflikt im Nahen Osten seien die Fronten verhärtet, ja tief gefroren, sagte Grossman.

Der israelische Autor David Grossman (links) zusammen mit dem Schauspieler Thomas Sarbacher, der aus der deutsche Übersetzung des Texts liest, im ausgelassenen Bad der Alpentherme Leukerbad. Jonas Ludwig Walter

"Hier kommt die Literatur ins Spiel. Durch die Vielschichtigkeit der Charaktere, die unterschiedlichen Ebenen der beschriebenen Wirklichkeit und den Reichtum der Sprache erinnert Literatur daran, dass es eine andere Art gibt, im Leben zu sein, auch wenn man nicht explizit von Politik spricht." Literatur wirke befreiend, wenn sie auf Nuancen und den wahrhaften Worten bestehe.

Die politische Realität ist in Grossmans Leben und Schreiben immer präsent, und dies auf brutalste Weise. 2006 wurde sein Sohn Uri im Libanonkrieg getötet. Der Schmerz darüber liess den Autor schier verstummen. Dann schrieb er "Aus der Zeit gefallen". Am Abend las David Grossman im ausgelassenen Bad der Alpentherme aus diesem Buch. In einer lyrischen Sprache, die nah am Schweigen ist: "Wir sind hier, und er ist dort. Frau, schau mich an, nein, nicht mit diesem leeren Blick."

Schreckensvision Jihad

Eine ganz andere Vater-Sohn-Geschichte präsentierte der syrische Autor Fawwaz Haddad in der Hotelbar Les Sources des Alpes. Im Roman "Gottes blutiger Himmel" macht sich ein Vater aus Syrien auf die Suche nach seinem Sohn, der in den Jihad nach Irak gezogen ist.

2010 geschrieben, liest sich der Roman heute wie eine schreckliche Vision der Entwicklung in Syrien. Fawwaz Haddad, der inzwischen in Doha und Beirut im Exil lebt, sagte im Gespräch mit swissinfo.ch, dass der Krieg einen unheimlichen Druck auf ihn ausübe und er über nichts anderes mehr schreiben könne. "Literatur kann eine Gegenwelt schaffen, sie kann den Blick auf das Leben verändern", glaubt auch er, "aber sie kann den Krieg nicht verhindern."

Mitternacht auf der Gemmi

Das Mondlicht erhellte die Felsen hoch über Leukerbad. Die Mitternachtslesung auf der Gemmi war einer der Höhepunkte des LiteraturfestivalsExterner Link. Mit einer eindringlichen Lesung aus seinem "Walliser Totentanz" leuchtete Werner Ryser in eine von "Hauen und Stechen" geprägte Zeit im ausgehenden Mittelalter. Der historische Roman erzählt in einer Art literarischer Geschichtsschreibung von unten vom Schicksal der kleinen Leute im Kanton Wallis, der um 1500 Schauplatz der Machtkämpfe um Europa war.

Der Wechselwirkung von Literatur und Gesellschaft widmete sich auch die Diskussionsreihe "Perspektiven". In der von Stefan Zweifel auf Tempo moderierten Podiumsdiskussion "Krise und Kultur" wurden der "strukturellen Verantwortungslosigkeit" der Banken die kreativen Inseln der Literatur gegenüber gestellt.

Das weckte den Widerspruch von Lukas Bärfuss, der vorerst dem Podium eine Therapie der Langsamkeit empfahl und sich dann von der Insel-Metaphorik distanzierte: "Ich will mich mit meinem Schreiben nicht abgrenzen, sondern in Korrespondenz treten mit der Welt, ich suche den Austausch. Wir sind Teil des Systems und müssen dieses von Innen bekämpfen."

Während diese Diskussion immer wieder den Boden zu verlieren drohte, holte später der junge ukrainische Autor Serhij Zhadan das Publikum mit seiner Lesung aus dem Roman "Die Erfindung des Jazz im Donbass" auf ein schäbiges Fussballfeld in einer Industriebrache der Ostukraine runter. Ein Feuerwerk der Sprache, das begeisterte, und zugleich eine stupende Metapher für den Machtkampf in der Ukraine. Eine gewitztere Verbindung von Literatur und Politik und ein stärkerer Kontrast zum beschaulichen Kurort LeukerbadExterner Link sind kaum vorstellbar.

Weltoffenes Festival mit besonderen Lesebühnen

Das 20. Internationale Literaturfestival Leukerbad, das vom 3. bis 5. Juli 2015 stattfand, hat mit 3500 Eintritten einen neuen Besucherrekord erreicht. 38 Autorinnen und Autoren lasen und diskutierten in der stimmungsvollen Umgebung des Badeorts, sei es im ausgelassenen Thermalbad, auf einer Wanderung durch die Dalaschlucht, auf 2300 Metern Höhe auf dem Gemmipass oder in einer Hotelbar.

In einer Übersetzungswerkstatt in Zusammenarbeit mit dem Literarischen Colloquium Berlin stellte sich der Schweizer Autor Peter Stamm mit seinen jüngsten Werken Übersetzern aus aller Welt.

1996 gründete der Buchhändler und Verleger Ricco Bilger aus Leukerbad das Festival, nachdem er den Coiffeursalon seiner Eltern zur Buchhandlung umfunktioniert hatte. Dank der Teilnahme grosser internationaler Schriftsteller wie Salman Rushdie und Jonathan Safran Foer gewann das Festival an Bedeutung und gilt heute als wichtiger Knotenpunkt im europäischen Literaturnetzwerk.

Seit neun Jahren sind die Literaturvermittler Hans Ruprecht und Anna Kulp für das Programm verantwortlich. Veranstalter ist der gemeinnützige Verein "Internationales Literaturfestival Leukerbad", unterstützt von Leukerbad Tourismus, den Hoteliers und weiteren Partnern.

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