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Landwirtschaft Weniger Hunger dank Pestiziden?

Mann bringt Pestizide auf Feld aus

99% aller Todesfälle durch Pestizide geschehen in Entwicklungsländern.

(Keystone)

Beim Einsatz von Pestiziden in Entwicklungsländern scheiden sich die Geister. Was die einen für eine Gefährdung von Mensch und Natur und rücksichtslosen Profit halten, ist für die anderen unumgänglich, um Hunger und Mangelernährung zu bekämpfen.

Wie gefährlich Pestizide tatsächlich sind, darüber ist sich die Wissenschaft nicht einig. Exemplarisch dafür steht der Streit um das Herbizid Glyphosat in der Europäische Union (EU). Aus Sicht der einen ist es krebserregend, aus Sicht der anderen nicht.

Politische Diskussionen lösten auch die Fusionen grosser Chemiekonzerne wie die Übernahme der Schweizer Syngenta durch die staatliche Chemchina aus. Umwelt- und Entwicklungsorganisationen sprachen von einer "Bedrohung für die Welternährung und die demokratische Gestaltung der Landwirtschaft".

Eine Welt

Dieser Artikel ist im Magazin "Eine Welt" erschienen. Herausgeberin ist die Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza).

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Die EU aber hat der Übernahme zugestimmt – allerdings unter Auflagen, um eine allzu starke Konzentration im Markt und eine Schwächung des Wettbewerbs zu vermeiden. Gemäss Schätzungen der Welternährungs-Organisation (FAO) geht es beim Verkauf von Pestiziden global um einen Markt von rund 500 Milliarden US-Dollar pro Jahr.

Pestizide haben es offensichtlich in sich, sowohl wirtschaftlich wie politisch. Es geht um drei Konfliktlinien. Erstens: Pestizide bergen Risiken für Mensch und Umwelt – die Frage ist, wie hoch diese sind. Zweitens: Pestizide bergen Chancen, denn sie erhöhen die Qualität und Erträge der Ernten. Und drittens: Die Entwicklungsländer sind von diesem Dilemma ganz besonders betroffen.

Rund 70 Prozent aller Vergiftungen und fast alle Todesfälle, die auf Pestizide zurückgehen, ereignen sich gemäss Schätzungen des Pestizid-Aktions-Netzwerks (PAN) in Entwicklungsländern. Doch dort sind auch Hunger und Mangelernährung stark verbreitet.

Fehlender Schutz und Rechtsvollzug

Der Umgang mit Pestiziden ist anspruchsvoll. Die Risiken hängen von der eingesetzten Menge, aber auch von der Giftigkeit der einzelnen Pestizide ab. Und vom "Pestizid-Management", davon also, ob Bäuerinnen und Bauern die Pflanzenschutzmittel in richtiger Dosierung, zum richtigen Zeitpunkt und mit dem richtigen Schutz (Gesichtsmasken, Handschuhe, etc.) ausbringen. Und ob sie die Chemikalien richtig lagern und leere Behälter richtig entsorgen.

Diese Summe von Risikofaktoren stellt gerade die Entwicklungsländer vor besondere Herausforderungen. Denn ein korrekter Einsatz von Pestiziden setzt Wissen und Ausbildung voraus. Für die Umweltschutz-Organisation Greenpeace ist genau dies oft nicht gegeben, weil viele Arbeiterinnen und Arbeiter Analphabeten sind, die Hinweise zur Anwendung der Produkte nicht lesen können oder ohne Schutz arbeiten.

"Längerfristig müssen wir den Einsatz von Pestiziden und künstlichem Dünger deutlich reduzieren, oder am besten ganz davon wegkommen. Aber: Ohne Einsatz von Pestiziden und Kunstdünger fallen die Ernten im Durchschnitt um 20 bis 30 Prozent tiefer aus."

Simon Zbinden, Deza

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Studien zeigen, dass in Westafrika nur zwei Prozent der Bauern Schutzkleider tragen. PAN schätzt, dass weltweit etwa 500'000 Tonnen an Pestiziden unsachgemäss gelagert werden. Vieles scheint also nicht so zu sein, wie es sein sollte.

Der Problematik ist sich auch Syngenta bewusst. Der korrekte Einsatz der Produkte, sagt Regina Ammann, Leiterin Public Affairs, sei die wichtigste Aufgabe der rund 30'000 Trainerinnen und Trainer, die Syngenta weltweit zur Unterstützung der Bäuerinnen und Bauern einsetze.

Syngenta verfolge – als Beitrag zur Agenda 2030 – unter anderem das Ziel, bis 2020 weltweit 20 Millionen Bäuerinnen und Bauern in den Themen Arbeitssicherheit und Umgang mit Pestiziden auszubilden. Dieses Ziel sei heute bereits erreicht – zurzeit würden jährlich etwa sieben Millionen Menschen geschult. Zugleich erinnert Ammann daran, dass Pflanzenschutzmittel langwierige Zulassungsprozesse durchlaufen und zu den am besten geprüften Chemikalien gehören.

Doch gilt dies auch für Entwicklungsländer? Simon Zbinden, Co-Leiter des Globalprogramms Ernährung der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza), relativiert: "Formal gibt es Behörden, Zulassungen und Standards. Doch daneben gibt es auch Schwarzmärkte und unkontrollierte Aktivitäten in Hinterhöfen. Ein Vollzug des Rechts fehlt häufig."

Unter Abwägung aller Aspekte kommt Christine Badertscher vom Schweizer Hilfswerk Swissaid deshalb zum Schluss: "Wir beurteilen den Einsatz von Pestiziden in Entwicklungsländern grundsätzlich kritisch." Das Konzept der Agroökologie, das auf Pestizide verzichtet und zum Beispiel organische statt künstliche Dünger nutzt, schneide langfristig besser ab.

Wie mehr produzieren?

Welchen Einfluss haben Pestizide auf die Menge und Qualität der Ernte von Getreide, Obst und Gemüse? Die Wirkung der Pestizide, so das Urteil von Swissaid, sei eher kurzfristig. Längerfristig erhöhe eine ökologische Landwirtschaft die Bodenfruchtbarkeit und die natürlichen Abwehrkräfte der Pflanzen. Auch die Einkommen der Bäuerinnen und Bauern liegen höher, wenn nicht viel in Pestizide und Dünger investiert werden müsse.

Wie hier in Sri Lanka tragen nicht alle Personen Schutzkleidung, wenn sie Pestizide versprühen.

(Keystone)

Simon Zbinden von der Deza spricht ebenfalls den Zeithorizont an: "Längerfristig müssen wir den Einsatz von Pestiziden und künstlichem Dünger deutlich reduzieren, oder am besten ganz davon wegkommen. Aber: Ohne Einsatz von Pestiziden und Kunstdünger fallen die Ernten im Durchschnitt um 20 bis 30 Prozent tiefer aus."

Von solchen Grössenordnungen gehen auch die Bio-Landwirtschaft oder das Forschungsinstitut für biologischen Landbau in Frick (Kanton Aargau) aus. Zbinden: "Wenn wir diese tieferen Erträge auf die Welt umlegen und den aktuellen Fleischkonsum und Food-Waste in der Rechnung drin lassen, so entstehen klar ein Mangel und höhere Preise für Nahrungsmittel." Womit sich die Negativ-Spirale weiterdrehen würde.

Rotterdamer Konvention

Die Zulassung von Pestiziden ist national geregelt. Die Rotterdamer Konvention der Vereinten Nationen (in Kraft seit 2004) verfolgt das Ziel, über bestimmte gefährliche Chemikalien und Pflanzenschutzmittel zu informieren.

Als Anhang führt die Konvention eine Liste dieser Produkte. Für den internationalen Handel mit diesen Produkten bestehen Bedingungen. So müssen die 159 Vertragsstaaten entscheiden, ob und unter welchen Bedingungen sie die Produkte importieren wollen.

Verbote oder Restriktionen sind zu melden. Die exportierenden Vertragsstaaten müssen sicherstellen, dass sich ihre Exporteure an diese Regelungen halten.

Gemäss Angaben von Syngenta befindet sich derzeit weder Paraquat noch ein anderes Produkt des Schweizer Konzerns auf der Liste. Völlig ungeschützt versprühen Inder Pflanzenschutzmittel: Fast alle Todesfälle, die auf Pestizide zurückgehen, ereignen sich in Entwicklungsländern.

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Denn wenn Ernten und Produktivität pro Quadratmeter sinken, wächst der Druck auf mehr landwirtschaftliche Fläche und die Abholzung der Wälder, was wiederum ökologisch klar unerwünscht ist.

Dies sieht auch Regina Ammann von Syngenta so: "Im Jahr 1950 musste ein Hektar Boden zwei Menschen ernähren. Bis 2030 muss er fünf ernähren. Wenn wir unseren Planeten in Zukunft ernähren wollen, ohne mehr Land, Wasser oder Hilfsstoffe einzusetzen, brauchen wir mehr Technologie und Know-how – und das gilt für alle Anbaumethoden, denn überall werden Mittel zum Schutz der Ernte eingesetzt."

Zur Agrartechnologie nach Lesart von Syngenta gehören auch Pflanzenschutz und Saatgut, das widerstandsfähiger ist und beispielsweise weniger Wasser braucht. "Derzeit verlassen jeden Tag etwa 180'000 Menschen ihre Äcker in Richtung Stadt – auch weil Feldarbeit ohne Technologien harte Knochenarbeit ist und ein geringes Einkommen bringt", sagt Ammann. Und betont: "Für Kleinbauern in den Entwicklungsländern ist eine Missernte nicht nur eine Enttäuschung, sondern lebensbedrohend."

Hier verboten, dort verkauft

In Europa nicht mehr registriert, aber in Entwicklungsländern im Verkauf: Ein Beispiel dafür ist das Herbizid Paraquat, das auch Syngenta produziert. Die Organisation Public Eye wirft Syngenta vor, es sei unredlich, das in Europa nicht mehr zugelassene Produkt in den Entwicklungsländern zu verkaufen. Syngenta maximiere so den Profit auf Kosten der dortigen Bäuerinnen und Bauern und der Natur.

Syngenta hält dem entgegen, es komme oft vor, dass ein Pflanzenschutzmittel in einem Land registriert, in einem anderen aber nicht registriert sei, so etwa aufgrund unterschiedlicher agronomischer oder klimatischer Bedingungen. So sei Paraquat in den USA, Australien und Japan, wo sehr strenge Vorgaben bestünden, ebenso zugelassen wie in vielen weiteren Ländern (siehe Kästchen zur Rotterdamer Konvention).

Fest steht: Wenn es um den Einsatz von Pestiziden in Entwicklungsländern geht, gibt es offensichtlich nicht nur eine Wahrheit. Die Diskussionen, so viel ist sicher, dürften noch lange weitergehen.

Pestizide auch in der Schweiz ein Thema

Das Thema Pestizide wird in den nächsten Jahren die politische Agenda der Schweiz mitbestimmen.

Am 25. Mai wurde bei der Bundeskanzlei eine Volksinitiative eingereicht. Diese fordert ein Verbot des Einsatzes synthetischer Pestizide in der Schweiz und der Einfuhr von Lebensmitteln, die solche enthalten.

Bereits am 18. Januar wurde die Volksinitiative "Für sauberes Trinkwasser und gesunde Nahrung – Keine Subventionen für den Pestizid- und den prophylaktischen Antibiotika-Einsatz" eingereicht.

Beide Volksinitiativen kommen voraussichtlich innerhalb der nächsten zwei Jahre an die Urnen.

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