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Zurückhaltender Star Einblick in die neue Gerhard-Richter-Ausstellung



Gerhard Richter: Davos, 1981 (Ausschnitt).

Gerhard Richter: Davos, 1981 (Ausschnitt).

Die Gerhard-Richter-Ausstellung in der Fondation Beyeler unterscheidet sich von anderen Richter-Schaus. Starkurator Hans-Ulrich Obrist bringt die künstlerische Schizophrenie Richters auf eine Art ans Licht, die suggeriert, diese könnte der Schlüssel seines Erfolgs sein.

Nur eine Handvoll zeitgenössischer Kunstschaffender stossen weltweit auf derart viel Aufmerksamkeit und erzielen mit ihren Werken solch schwindelerregende Preise wie der 82 Jahre alte deutsche Künstler.

Richter bricht mit seinen Werken bei Auktionen immer wieder Rekordpreise für einen lebenden Künstler. Zudem hatte neben Richter kein anderer Künstler so viele Ausstellungen im Verlauf seines Lebens.

Gepflegt und kompakt, mit einem durchsichtigen Brillengestell und einem Ausdruck kühler Distanziertheit schlenderte Richter in die Fondation Beyeler. Er stand kurz davor, sich an die Medien zu wenden, deren Vertreter wie ein Pack hungriger Wölfe nach Basel gekommen waren.

Gerhard Richter

1932 in Dresden geboren. Nach einem Studium der Wandmalerei an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden setzte er sich 1961 aus der DDR in den Westen ab.

Er zog nach Düsseldorf, wo er im Jahr darauf eine lebenslange Freundschaft mit Sigmar Polke (1941-2010) schloss, der wie Richter aus der DDR geflohen war. Heute lebt Richter in Köln.

1964 hatte Richter seine erste Einzelausstellung und schuf seine ersten auf Fotografien basierenden Bilder.

Seither wurde Richter gemäss dem jüngst veröffentlichten Artindex 2014 zum Künstler mit den meisten Ausstellungen zu Lebzeiten (1256), vor Bruce Nauman (1244) und Cindy Sherman (1006).

2011-2012: Bedeutende Retrospektive mit dem Titel "Gerhard Richter: Panorama" in der Tate Modern in London. Weitere Stationen der Retrospektive waren die Neue Nationalgalerie in Berlin und das Centre Georges Pompidou in Paris. Die Ausstellung in der Fondation Beyeler (2014) soll unvergleichlich heller sein.

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Als Beyeler-Direktor Sam Keller erklärte: "Gerhard Richter ist der einflussreichste Künstler unserer Zeit", blieb dieser höflich zurückhaltend. Und als Keller sagte, kein anderer zeitgenössischer Künstler habe eine Ausstellung weniger nötig als Richter, schauten beide zum Kurator hin.

Vor 27 Jahren hatte Hans Ulrich Obrist, der damals noch ein Teenager war, Richter zum ersten Mal getroffen. Seither steht er in einem ständigen Dialog mit dem Künstler. Obrist erklärte, dass er Richter überzeugen konnte, nach Basel zu kommen, indem er vorschlug, Themen an die Oberfläche zu bringen, die bisher noch nicht erkundet worden seien.

Obrist, der als einer der bedeutendsten Kuratoren seiner Zeit gilt, hat sich entgegen sämtlichen Erwartungen den ansteckenden Enthusiasmus eines Kindes und das schlaksige Aussehen eines Heranwachsenden bewahrt. Er spricht vier Sprachen fliessend, und wenn er spricht, macht er kaum eine Atempause.

Gegenüber swissinfo.ch erklärte Obrist, das Kuratieren sei immer eine Frage des Dialogs. "Nach langen, langen Stunden der Diskussion" hätten Richter und er sich auf die Idee geeinigt, zu illustrieren, wie Zyklen und Serien sowie ein Bewusstsein für den Raum das Werk des Künstlers durchziehen.

Das Richter-Paradox

Wenn ein Künstler derart viele Techniken und Ausdrucksformen erkundet, wie es Richter über 50 Jahre hin getan hat, wird er fast zwangsläufig für Verwirrung sorgen. Er könnte sogar belanglos erscheinen.

Immerhin geht es hier um einen Künstler, dessen Ruf auf Bildern mit übermalten Fotografien fusst, auf Monochromen, verwischten Themen und verschmierter Farbe, nicht unbedingt das, was auf Anhieb als grossartige Kunst betrachtet wird.

Doch die Rekonstruktion der Serien, die Richters Werk prägen, sowie deren gemeinsame Präsentation – einige sind zum ersten Mal zu sehen – an den luftig wirkenden Wänden des Gebäudes von Renzo Piano ergeben eine bemerkenswerte Ausstellung: Sie bringt eine Kohärenz zwischen Arbeiten ans Tageslicht, die sehr wohl auf unterschiedlichen Planeten entstanden sein könnten.

Auf die Frage, wieso er die Schau als die bisher schönste Ausstellung in der Fondation Beyeler betrachte, erklärte Keller gegenüber swissinfo.ch: "Die Ausstellung ist berührt von der Hand des Künstlers. Sie ist ebenso ein Kunstwerk wie alles andere, das Richter je geschaffen hat."

(Michèle Laird)

Eine Ausstellung wird zur Kunst

Es ist nicht so sehr die Kunst, die fasziniert (sie tut es nicht immer), als die Art und Weise, wie sie ausgestellt wird. Jeder Raum erzählt eine andere Geschichte.

"Acht Lernschwestern", aus Richters frühen Tagen mit übermalten Fotografien, entstand 1966, dem Jahr der bestialischen Morde, die dem Bild zugrunde liegen. An der gegenüberliegenden Wand hängt "Verkündigung nach Tizian" (1973), eine Abfolge, in der sich das Sujet von Mal zu Mal mehr auflöst: Trostlosigkeit und Hoffnung in einem Raum.

Der grosse 12-teilige Zyklus "Wald" (2005), eine Leihgabe des Museum of Modern Art New York, lässt ein Gefühl der Religiosität aufkommen, das an eine Kathedrale erinnert. Der Zyklus "Bach" (1992) bietet ein Gefühl von Harmonie und friedlicher Freude, während die 15 Bilder des Zyklus "18. Oktober, 1977" (auch "Baader-Meinhof-Zyklus" genannt) den Eindruck erwecken, man betrete ein Leichenschauhaus.

Rekordbrecher

Im Oktober 2012 brach ein Gemälde von Gerhard Richter von 1984 den Rekordpreis für das Werk eines lebenden Künstlers: "Abstraktes Bild (809-4)", Teil der Kunstsammlung von Eric Clapton, wurde für 34,2 Mio. Dollar verkauft.

Im Mai 2013 brach Richter seinen eigenen Rekord, als sein Gemälde "Domplatz, Mailand von 1968" bei einer Auktion für 37 Mio. Dollar verkauft wurde. Jeff Koons, dessen Werke damals bei der gleichen Auktion nicht verkauft wurden, erzielte seither einen neuen Rekord: "Balloon Dog (Orange)" wurde für 58,4 Mio. Dollar verkauft. 2012 war in der Fondation Beyeler eine grosse Koons-Ausstellung zu sehen.

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Und die Hauptgalerie trotzt der Schwerkraft: Die Präsenz einer massiven, aber ätherischen Skulptur aus Glas mit dem Titel "12 Scheiben (Reihe)" aus dem Jahr 2013 scheint den Raum zu heben.

Das Werk ist zwischen sechs grossformatigen Leinwänden des Zyklus "Cage" (2006) platziert, denen der sechsteilige, rot und orangefarbene Zyklus "Abstraktes Bild, Rhombus" (1998) gegenübergestellt ist.

Dieser entstand in Zusammenhang mit einer von Renzo Piano entworfenen Kapelle, die nie gebaut wurde. Man hat das Gefühl, als ob der Raum in den Garten hinausschweben würde. Richters Auseinandersetzung mit dem Verhältnis zwischen Kunst und Raum könnte nicht besser veranschaulicht werden.

Die wirkliche Magie der Ausstellung jedoch, jener Aspekt, der diese Schau hervorhebt, sind die kleinen figurativen Gemälde mit ihrem unwiderstehlichen Charme, welche die Zyklen und Serien aufbrechen, und für die Richter vielleicht am besten bekannt ist. Obrist nennt sie Kontrapunkte, ein Ausdruck, den er sich aus der Musik borgte, die für Richters Inspiration auch eine wichtige Rolle spielt.

Hans Ulrich Obrist

Der 1968 in Zürich geborene Hans-Ulrich Obrist ist heute Co-Direktor Ausstellungen und Programme an der Serpentine Gallery in London, gemeinsam mit Julia Peyton-Jones. Er hat schon mehr als 250 Ausstellungen kuratiert, seit er im Alter von 23 Jahren, als er noch in St. Gallen studierte, 1991 eine erste Ausstellung in seiner Küche organisiert hatte.

Naben der Jahresprogrammierung der Serpentine Gallery arbeitet er an Wochenenden an weiteren Projekten. Allein 2014 hat er bisher:

- Eine Ausstellung in Doha mit der Künstlerin Etel Adnan kuratiert

- Einen Beitrag an die Ausstellung Solaris Chronicles geleistet, als Teil der Kerngruppe der LUMA-Stiftung von Maja Hoffmann in Arles, die bald in einem neuen Gehry-Gebäude untergebracht werden soll

- Die bedeutende Gerhard-Richter-Retrospektive für die Fondation Beyeler ausgerichtet

- Den Schweizer Pavillon für die Architektur-Biennale in Venedig (7. Juni bis 23. November) kuratiert

- 14 Räume für die Art Basel kuratiert (14. – 20. Juni)

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Meister der Auflösung

"Alle Dinge von Qualität haben etwas Zeitloses", erklärte Richter in einem Interview im Zusammenhang mit seiner Ausstellung von 2011 in der Tate Modern in London. "Bilder zeigen, was nicht da ist." Verwischungen und unscharfe Konturen, Markenzeichen von Richters Werk, lassen ein Gefühl von Dringlichkeit aufkommen, als ob er versuchen würde, die Zeit aufzulösen, und den Figuren zu erlauben, zu verschwinden.

Auch sein jüngster Vorstoss in die digitale Kunst, ("Strip", 2013), basiert auf dem Prinzip der Auflösung, wie Obrist sagte. Die Pantone-Farben des früheren Werks "1024 Farben" (1973) wurden digital gestreckt.

Zusammen mit dem grossartigen Werk "4900 Farben" (2007), das einen ganzen Raum ausfüllt, stellen diese Arbeiten die Frage nach dem Status der Kunst, wenn diese nicht vom Künstler fabriziert wird. Richter hat aber keine Warhol-ähnliche Fabrik, er wird nur von zwei Assistenten und einem Studiomanager unterstützt, wie Obrist versicherte.

70% Müll

Für einen Künstler an der Spitze des Kunstmarktes ist Richter ungewohnt bissig, was Gegenwartskunst angeht. "Kunst befindet sich in einem Prozess des Umbruchs", erklärte er während der Medienkonferenz und fügte später hinzu: "An Auktionen ist 70% davon Müll."

Es gebe keine Kriterien mehr, um Meisterwerke zu bewerten, erklärte Richter. Die Massstäbe der Vergangenheit, die es möglich machten, ein Kunstwerk wie im Fall der Mona Lisa zu beurteilen, seien verschwunden.

SRF, 10vor10 vom 16.5.2014: Gerhard Richter – ein scheues Genie

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Der Punkt, den Richter macht, könnte auch auf sein eigenes Werk zutreffen, denn es wäre schwierig, eines der Gemälde in der Schau als Meisterwerk zu identifizieren, vielleicht mit Ausnahme seiner zu Ikonen gewordenen figurativen Arbeiten wie "Betty" (1988), "Reader" (1994) und "Ella" (2007), über die er oft definiert und für die er bewundert wird.

Es scheint in seinem Werk auch keine zu Grunde liegende politische Botschaft zu geben. Der RAF-Zyklus entstand erst 11 Jahre, nachdem die Gruppe Deutschland terrorisiert hatte, und es folgten keine weiteren Werke, die als politische Manifestationen interpretiert werden könnten.

Stattdessen haben seine künstlerischen Erkundungen, einige würden gar von seiner Schizophrenie sprechen, ihm seinen Platz im Pantheon der Kunsthelden gesichert. Vielleicht sind dies die neuen Massstäbe, die neuen Kriterien: Die Fähigkeit eines Künstlers, ein Spiegel seiner Zeit zu sein, der sich endlos das Potential neuer Techniken zu Eigen macht.

Richter wurde in Basel gefragt, was er von den astronomischen Summen halte, die für seine Werke ausgegeben würden. Er räumte ein, dass es angenehm sei, aber auch "schrecklich und pervers, dass solche Unsummen ausgegeben" würden – und fügte amüsiert hinzu, dass auch reiche Leute sterben: Die Bilder, die sie kaufen, könnten gut eines Tages in einem Museum landen, wo sie dann alle sehen könnten.

Hans Ulrich Obrist zu seinem Stil als Kurator

Ist die Art, wie Sie heute kuratieren, anders als früher? Hätten Sie das vor 20 Jahren so machen können?

"Ich denke, das Kuratieren folgt immer der Kunst, und das hat sich nie geändert. Ich glaube, es war Joseph Beuys, der einmal sagte, dass wir einen erweiterten Kunstbegriff haben. Und dies könnte auch zu einem erweiterten Begriff des Kuratierens führen. Für mich war es wichtig und interessant, Kunst in ihren Verzweigungen auf die Literatur, die Musik zu kuratieren. Ich bin sehr inspiriert von [Serge] Diaghilev, dem russischen Impresario und Erfinder der Ballet Russes: Nachdem er zunächst Gemäldeausstellungen kuratiert hatte, machte er mit den Ballet Russes weiter, um Komponisten wie Strawinsky, aber auch Künstler wie Picasso und grosse Tänzer und Choreographen seiner Zeit zusammenzubringen. Das ist etwas, das bei vielen meiner Ausstellungen eine Rolle spielt. Ein Ding ändert sich nie: Es geht immer um einen Dialog mit dem Künstler. Alles beginnt mit diesem Dialog."

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(Übertragung aus dem Englischen: Rita Emch), swissinfo.ch


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