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Expo Milano 2015


Was Besucher vom Schweizer Pavillon mitnehmen


Von Christian Raaflaub, Mailand


Alles gratis? Oder hat die Ware doch einen Preis? Denn wer zu viel mitnimmt, lässt zu wenig übrig für die späteren Besucher. (swissinfo.ch)

Alles gratis? Oder hat die Ware doch einen Preis? Denn wer zu viel mitnimmt, lässt zu wenig übrig für die späteren Besucher.

(swissinfo.ch)

Der Schweizer Pavillon an der Weltausstellung in Mailand will mit inneren Werten punkten. Gelingt das? Zwei Wochen nach der Eröffnung hat swissinfo.ch mit Besucherinnen und Besuchern des Pavillons "Confooderatio Helvetica" gesprochen.

"Er verkörpert das eigentliche Prinzip der Expo", sagt ein begeisterter Marco Gallocchio aus Padua, der eben erst mit Kolleginnen und Kollegen aus dem Lift des Schweizer Pavillons kommt, einen Becher mit Wasser in der Hand. "Hier können wir wirklich den verantwortungsbewussten Konsum berühren", erklärt der Gymnasiast.

Auch Sarah aus dem zürcherischen Fehraltorf findet die Idee "cool: Es hat, solange es hat". Es gehe darum, "dass man nicht einfach mit vollen Händen zugreift, sondern an die Nächsten denkt".

Expo Milano 2015

In Mailand findet vom 1. Mai bis zum 31. Oktober 2015 die Weltausstellung statt. Über 20 Millionen Besucherinnen und Besucher werden erwartet: 75% aus Italien und 25% aus dem Ausland, davon 40% aus der Schweiz. Rund 10 Millionen Tickets wurden bereits abgesetzt.

Unter dem Motto "Den Planeten ernähren, Energie für das Leben" will die Expo Milano 2015 Themen rund um die Ernährung der Menschheit zur Sprache bringen. Rund 800 Millionen Menschen weltweit leiden an Hunger oder unter den Folgen schlechter oder zu üppiger Ernährung.

Die Teilnehmerländer sind eingeladen, ihre Kompetenzen in der Landwirtschaft, Nahrungsmittelproduktion und wissenschaftlichen Forschung darzulegen. Nachhaltige Konzepte sollen vorgestellt werden, um der Menschheit eine gesunde und quantitativ ausreichende Nahrung zu garantieren.

Barbara aus Rapperswil (Kanton St. Gallen) ist etwas enttäuscht von der Architektur. "Aber die Idee der Dinge, die man mitnehmen kann, und von denen es irgendwann keine mehr hat, finde ich super."

"Eine sehr originelle Idee der Nachhaltigkeit. Und damit der Ressourcen, die von Tag zu Tag fehlen. Ein sehr zentrales Thema in der heutigen Zeit", meint Roberto Penna aus Mailand. "Es zeigt: Alles ist endlich", sagt Atanas, ein älterer Herr aus Berlin. Nicht sehr zufrieden war er hingegen mit dem Personal, das noch etwas unorganisiert wirke.

Das mag wohl daran liegen, dass die Abläufe erst einmal eingespielt werden müssen, und der Andrang beim Schweizer Pavillon bereits in den ersten Wochen gross ist. Wie schon bei früheren Weltausstellungen wartet eine ziemlich lange Schlange auf Einlass in den Schweizer Pavillon. Auch wenn diesmal nicht auf die bekannten Klischees wie Berge, Seilbahnen und Innovationen gesetzt wurde.

Erfreulicher Start

"Die Rückmeldungen sind mehrheitlich positiv. An den Weltausstellungen gibt es immer eine Art Hitparade der attraktivsten Pavillons. Und wir sind dort dabei, weil wir einen Pavillon haben, der auch zum Thema der Expo – Ernährung und Nachhaltigkeit – beiträgt", sagt Andrea Arcidiacono, Sprecher des Schweizer Pavillons, der uns durch die "Futtersilos" führt.

"Hat es für alle?". Diese Frage prangt gross auf den 15 Meter hohen Türmen des Pavillons an der Weltausstellung vor den Toren Mailands. An den Innenwänden der vier Türme sind Lebensmittel in Kisten aufgeschichtet, der aktuelle Füllstand ist von aussen und auf der Website des Pavillons zu sehen.

Ein Lift führt in den vierten Stock des ersten Turms, wo es Kaffeeportionen in kleinen Säckchen (Die Schweiz ist seit den 1930er-Jahren ein grosser Kaffee-Exporteur) zum Mitnehmen gibt. Im zweiten Turm locken getrocknete Apfelringe (von Kleinproduzenten aus der Ostschweiz geliefert), im dritten kleine Kartonquader mit Salz aus den Schweizer Alpen, und im letzten kann schliesslich der Durst mit lokalem Trinkwasser gelöscht werden (Mitnehmen kann man den Trinkbecher).

Das Prinzip ist einfach: Der Boden der vier Türme ist eine Plattform, die je nach Verbrauch im Lauf der Expo abgesenkt wird. So soll der Konsum erlebbar gemacht werden. Bereits jetzt zeichnet sich ab, dass Apfelringe und Wasser beliebter sind als Salz und Kaffee. "Solange nicht alle vier Türme auf einem Stock geleert sind, werden wir den Boden nicht absenken", betont Arcidiacono. "Das heisst, in zwei, drei Wochen werden die Besuchenden keine Apfelringe mehr finden, sondern vielleicht noch Kaffee und Salz."

"Soziales Experiment"

Es sei also ein "dynamischer Pavillon, eine Art soziales Experiment, das wir hier in Mailand machen". Wenn aber wie erwartet 3 Millionen Besucherinnen und Besucher den Schweizer Pavillon besichtigen und sich bedienen werden, wird es nicht für alle reichen. Von den Kaffeesäckchen sind 2,5 Millionen, von den kleinen Salzquadern 2 Millionen Einheiten eingelagert. Apfelring-Portionen und Wasserbecher sind sogar noch weniger vorhanden.

Doch die Möglichkeit der Unterversorgung gehöre zum Konzept, erklärt Arcidiacono: "Wenn es nichts mehr hat, werden die Türme leer stehen. Und wir werden auch diese Leere kommunizieren. Das ist ebenfalls eine Botschaft: Die ersten Besucher haben so viel mitgenommen, dass es für die anderen nicht mehr gereicht hat. Das ist auch ein Bild der heutigen Gesellschaft, wo viele zu viel haben und andere zu wenig."

Sommaruga fordert mehr Transparenz im Rohstoffhandel

Am 18. Mai feierte Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga an der Expo in Mailand den Schweizer Nationentag mit.

Die Schweiz müsse als bedeutende Plattform für den Rohstoffhandel mehr Transparenz schaffen, forderte sie in ihrer Rede im Schweizer Pavillon.

Es sei ein schwerwiegendes Problem, dass in vielen Ländern Afrikas südlich der Sahara die Kindersterblichkeit hoch sei, obwohl diese Länder über ausserordentlich viele Rohstoffe verfügen, kritisierte Sommaruga. "Die Schweiz, aber auch unsere multinationalen Unternehmen, tragen in diesem Bereich Verantwortung."

Der Schweizer Pavillon sei sehr konkret und zeige Widersprüche in der Schweiz auf, sagte sie auf Nachfrage.
(Quelle: SDA)

Doch geht die Idee auf, dass die Besuchenden mit Bedacht zugreifen? Arcidiacono erzählt uns dazu eine Anekdote: "Wir hatten einen Fall von einem Besucher, der eine ganze Schachtel Apfelringe mitgenommen hat. Er ging mit dem Lift nach unten, wo ihn die anderen Leute anschauten und danach fragten. Es wurde ihm peinlich, und er brachte die Schachtel wieder zurück."

Auch wir kommen nun mit dem Lift aus dem Pavillon heraus, mit Apfelschnitzen und einem Wasserbecher. "Ich habe nur den Becher mitgenommen", sagt Federica aus Lecco. "Es geht um das Prinzip, dass man nicht egoistisch handeln, sondern es auch mit den Menschen um einen herum gut meinen sollte", betont die 18-Jährige.

Wenig eingepackt haben auch Wakaba Nagakura aus dem japanischen Yokohama und ihre Mutter. "Es ist wichtig, nicht zu egoistisch zu sein und nur für sich etwas mitzunehmen, sondern mit anderen zu teilen", sagt sie.

Luca Larossa aus Stuttgart hat sich bewusst zurückgehalten. "Ich habe nur beim Wasser etwas genommen. Bei den anderen Sachen, die mir nicht so wichtig waren, habe ich es einfach sein lassen."

Teil der Geschichte

Eine Dame aus Locarno und ein Mann aus Monte Carasso (Tessin) haben nur ein wenig Wasser getrunken und etwas Kaffee eingepackt. Dass der Kaffee von Nestlé stammt und dieser Lebensmittelkonzern in einem Nebenpavillon eine eigene Ausstellung zeigt, scheint hier – trotz Kritik in der Presse – niemand zu stören.

"Nestlé ist ein Teil der Schweizer Geschichte", betont Arcidiacono. Der Schweizer Pavillon beruhe auf einer öffentlich-privaten Partnerschaft. "Das Parlament zwingt uns, Drittmittel zu finden. Und die grossen Multinationalen haben erkannt, dass es eine soziale Verantwortung von Unternehmen gibt."

"Uns war nicht bewusst, dass so viel Kaffee oder Äpfel aus der Schweiz vermarktet werden", staunt die Deutsche Wiebke, die mit einer Gruppe von Kolleginnen und Kollegen aus dem Lift tritt.

Doch auch wenn es – anders als in anderen Pavillons – im schweizerischen keine Show gibt, schneidet dieser in den Augen der Besuchenden trotz seines methodischen Zugangs gut ab. "Es ist sehr schlank, keine grosse Show. Sehr puristisch", sagt der 20-jährige Sandro aus dem Zürcher Oberland. "Die Schweiz macht keine Werbung, sondern konzentriert sich auf das Thema. Es wird sicher spannend zu sehen, was zuerst leer wird."

"Viele Länder setzen einfach auf Technologien, auf Videos und wollen sich präsentieren", sagt Gymnasiast Giulio Montecchio aus Padua. Und ein Lehrer aus Brescia pflichtet ihm bei: "Andere setzen mehr auf den Tourismus."

Natürlich wird das Thema Essen im Schweizer Pavillon auch ganz handfest angegangen, mit einem Restaurant, einem Imbiss-Stand, mit Raclette und Schokolade-Ateliers sowie zahlreichen weiteren Aktionen und Veranstaltungen zu den Themen Solidarität und sparsamer Umgang mit Ressourcen, wie Arcidiacono betont.

Doch was wird aus dem Schlagwort Nachhaltigkeit nach Ende der Expo? Der Presseverantwortliche hat auch darauf eine Antwort: "Es ist vorgesehen, dass die Türme in der Schweiz als urbane Gewächshäuser weiterverwendet werden können. Ein paar Städte und eine Stiftung interessieren sich dafür." 75 Prozent des verwendeten Materials seien wieder verwertbar, sagt er. Auch die Beton-Elemente, die wie die zu verschenkenden Lebensmittel in der Schweiz vorgefertigt worden sind.

Fast bereit

Noch funktioniert nicht alles reibungslos, noch ist nicht alles bereit, einige Restaurants sind noch ohne Möbel. Auch sind einige der "Cluster" genannten Themenbereiche mit kleineren Teilnehmerländern noch im Rohbau. Doch fast alle grossen Länderpavillons haben ihren Betrieb aufgenommen.

Im Vergleich zu den beiden vorherigen Weltausstellungen 2005 in Aichi (Japan) und 2010 in Shanghai (China) ist die Expo in Mailand mit ihrer Idee der römischen Siedlungsform Castrum in Form eines Kreuzes viel übersichtlicher.

So finden sich entlang der 1,5 Kilometer langen überdachten Hauptachse Decumanus die Pavillons von rund 60 Ländern, während auf der Kreuzachse Kardo die italienischen Regionen ihre Ideen zum Thema präsentieren.

swissinfo.ch



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