Navigation

Sprunglinks

Unterrubriken

Hauptfunktionen

Wenn die Bilder immer schon da sind

Fish, 2010: Ausschnitt aus einem unendlichen Bilderfluss der Webcams aus aller Welt.

Fish, 2010: Ausschnitt aus einem unendlichen Bilderfluss der Webcams aus aller Welt.

Die Fotostiftung Schweiz zeigt eine verstörende Schau des Web-Foto-Artisten Kurt Caviezel. Es handelt sich um einen Ausschnitt eines drei Millionen grossen Bilderberges, die der Schweizer in rund zehn Jahren von Webcams gesogen hat.

Caviezel eilt mit seiner Bildkamera nicht an die Schauplätze dieser Welt, um Geschehnisse zu dokumentieren oder sie abzubilden; Caviezel klickt sich von zuhause in seinem Atelier durch die weltweite Wirklichkeit der Webcams, die jede Sekunde abbilden, knipsen, Filmsequenzen erstellen und sie ebenso schnell wieder überschreiben.

Kurt Caviezel staunt selbst über die paradoxe Situation, die er im Web antrifft, wie er in einem Gespräch mit swissinfo.ch erklärt: "Je verwackelter ein Bild einer Webcam ist, desto authentischer empfinden wir dieses Bild.

Entscheidend ist jedoch, dass zwischen der Linse und dem Betrachter keine Nähe mehr besteht. Die Webcam-Linse kann auf einem Kontinent sein und der Betrachter der Webcam-Bilder auf einem anderen".

Von der Banalität zum Tiefsinn

"Global Affairs" heisst die Ausstellung, welche die Fotostiftung aus den Materialien zusammengestellt hat, die Kurt Caviezel in akribischer Kleinarbeit gesammelt hat.

Der Besucher geht in Winterthur durch schattenlose, weisse  Räume, wo die gefrorenen Web-Bilder als konzentrierte Banalität an den Wänden haften.

Der Tiefsinn und die Tiefgründigkeit der Bilder erschliesst sich dem Zuschauer nicht auf den ersten Blick; ebenso wenig die Poesie der mechanisierten Bilderwelt. "Die Webbilder haben keine Autoren mehr. Es drückt keine Person mehr ab.

Die Bilder sind entpersönlicht. Die Webcams machen auch keinen Unterschied zwischen dem Öffentlichen und dem Privaten. Sie sind fix aufgestellt; erfassen, was ihn ihrer Brennweite liegt", erklärt Caviezel.

Der Betrachter von Caviezels Webbilder schaut auf Parkplätze, Parkbänke, Gärten, Schwimmbäder, Tankstellen, Bushaltestellen, die, immer neu getaktet, belebt und verändert erscheinen, auch wenn die Position der Webcam gleich bleibt. Die Dynamik des Lebens und der laufenden Ereignisse zieht an den Webcams vorbei.

Wo die Linse nicht mehr auswählt

Ist die Schau von Caviezel eine Verherrlichung der Überwachungsmentalität, die global um sich greift? Der Künstler meint dazu: "Der konventionelle Fotograf überwacht seine Sujets auch.

Im Unterschied zu den Webcams nähert er sich ihnen und drückt dann ab. Die Nuance liegt darin, dass der Fotograf auswählt, während die Webcams passiv, als Instrument der Aufzeichnung, fungieren."

Bedrückend wird die Ausstellung "Global Affairs", wenn der Betrachter der Webcam-Bilder sich in ihnen selbst (wieder)erkennt. Caviezel hat 36 Portraits von Menschen auf verschiedenen Kontinenten geschaffen, die fixen Blickes auf Bildschirme (und aus den Bildschirmen) starren. Diese hypnotische Atmosphäre kennt wohl jeder User des Word Wide Web.

Stillleben des 21. Jahrhunderts

"Global Affairs" zeigt Stillleben des 21. Jahrhunderts. Es sind dies "Screenshots" von Autobahnkreuzungen, die sich nach jedem Zeitimpuls verändern, oder etwa ein bewachter Betonmischer, vor dem eine Möwe im unscharfen Bild der Webcam festgehalten wird.

Wohin geht der Trend? Was wird aus der Fotografie, der Komposition, dem Fotografen? Kurt Caviezel wagt einen Ausblick: "Es wird immer mehr Webcams geben. Die Überwachung durch diese automatisierte Form der Bilderwelt ist noch massiv steigerbar. Viel von der Fotografie wird ins Web abwandern. Der Trend wird zahlreichen Fotoreportern den Job kosten. Die Webcams verändern Berufsbilder und erweitern dieselben."

Aus dem Mechanischen neues Schaffen

Kurz Caviezel sammelt nicht nur Screenshots aus der Welt der Webcams. Er schafft auch neue Kompositionen daraus. Die Ausstellung "Global Affairs" hat dafür einen Dark-Room geschaffen, wo die aus dem Netz gesogenen Webcam-Bilder zu neuem Leben als Filmsequenzen erstehen.

Ist Webcam-Fotografie voyeuristisch? Kurt Caviezel winkt ab: "Die Webcam ist die Berichterstatterin. Der Betrachter schaltet sich in der Regel nicht ein. Die Menschen und Institutionen, welche Webcams aufstellen, wollen beobachtet werden, wollen sich zeigen. Es herrscht in der Regel ein Klima der Freiwilligkeit."

Ausgeklammert davon bleibt die immer massiver um sich greifende, weltweite Kultur der heimlich aufgestellten Webcams, welche Menschen und Situationen, private und öffentliche Räume überwachen, ohne dass die Betroffenen etwas davon wissen.

Autorenlose Bilder

Caviezel führt in seiner Schau "Global Affairs" eine Welt mit tausend Augen vor. Damit setzt sich die Welt automatisiert selbst ins Bild. Es ist "eine aufs Augenscheinliche getrimmte Welt", wie Caviezel schreibt, "die aufzeichnet, vermisst, abtastet und vermittelt. Webcams sind autorenlose Bildautomaten."

Hinter dem Plakativen, dem Mechanischen und dem stets Überschriebenen sieht Caviezel eine tiefere Wirklichkeit: "Ich beantworte mit meiner Fotografie auch soziale Fragen. Wie gehen wir mit dem Privaten, dem Öffentlichen und mit der Überwachung um?

Mir wird die Arbeit noch lange nicht ausgehen. Die Welt rückt zusammen, die Webcams kennen keine Landesgrenzen, ihre Linsen reichen bald überall hin."

Seit wann gibt es Webcams?

Die erste Webcam soll 1991 in einem Computerlabor der Universität Cambridge installiert worden sein, wie Milan Chlumsky in der Zeitschrift kunst:art schreibt.

Diese erste Webcam hatte den Zweck, den Füllstand einer Kaffee-Kanne anzuzeigen.

Die Vorläufer der Webcams sind allerdings fast so alt wie die Fotografie selbst.

Neu ist bei den jetzt weltweit installierten Webcams, dass sie drahtlos und zum Teil getarnt operieren.

Kurt Caviezel, geboren 1964, stammt aus Chur.

Er lebt und arbeitet als freischaffender Künstler in Zürich.

Er ist Träger des Anerkennungspreises 2010 der UBS Kulturstiftung.

Die Edition Patrick Frey hat 1999 das Werk "Red Light" von Kurt Caviezel publiziert. 

Bei der Vergabe des Manor-Kunstpreises 2002 hat die Edition Howeg "Points of View" von Kurt Caviezel veröffentlicht.

Caviezel im Internet

Verschiedene Webcam-Sequenzen von Kurt Caviezel hat der Autor der Ausstellung, thematisch geordnet, ins Netz gestellt. So die Serien DIE BADENDEN - DIE AMERIKANER - DIE SCHWEIZ ÜBER DEUTSCHLAND - BUS STOP

swissinfo.ch


Links

×