Direkt zum Inhalt springen
Your browser is out of date. It has known security flaws and may not display all features of this websites. Learn how to update your browser[Schliessen]

Burka-Gesetz im Tessin


Arabische Touristinnen passen sich an, die Tessiner Hoteliers atmen auf


Von Gerhard Lob, Tessin


 Weitere Sprachen: 4  Sprachen: 4
Die Polizei büsst die Konvertitin und Frauenbeauftragte des Islamischen Zentralrats, Nora Illi, weil sie einen Gesichtsschleier trägt. (Keystone/Ti-Press)

Die Polizei büsst die Konvertitin und Frauenbeauftragte des Islamischen Zentralrats, Nora Illi, weil sie einen Gesichtsschleier trägt.

(Keystone/Ti-Press)

Das Tessin ist der bisher einzige Kanton der Schweiz, der ein Verbot der Gesichtsverhüllung kennt. Seit einem Monat ist das so genannte "Anti-Burka-Gesetz" in Kraft. Die betroffenen arabischen Touristinnen passen sich an. Bisher wurden nur zwei Bussen verteilt, wobei eine absichtlich provoziert war. Die Tessiner Hoteliers atmen auf.

Auf 1. Juli ist im Tessin das umstrittene Gesetz in Kraft getreten, welches eine vollständige Gesichtsverhüllung untersagt. Bisher wurden erst zwei Bussen wegen Verstosses gegen das so genannte "Anti-Burka-Gesetz" verteilt, wie von den Gemeindepolizeien zu erfahren ist. In Chiasso wurde jüngst eine Frau in unmittelbarer Nähe zum Grenzübergang mit 100 Franken gebüsst.

In Locarno wurde gleich am 1. Juli die Schweizer Konvertitin Nora Illi gebüsst, die eigens ins Tessin gereist war, um gegen das Gesetz zu protestieren und die Busse so gezielt provozierte. In Lugano hat die Polizei gemäss Stadtrat Michele Bertini sechs Mal eingegriffen, ohne aber Bussen auszusprechen. "Eine Frau kam mit ihrer Familie von Mailand für einen Tagesausflug und wusste einfach nichts von dem Verbot", sagt Vizekommandant Franco Macchi. Sie habe sich entschuldigt und den Schleier abgenommen.

Zur Information der betroffenen Touristengruppe wurde ein zweisprachiger Informationsflyer auf Englisch und Arabisch erstellt, der die Verfassungs- und Gesetzesgrundlage für das Verschleierungsverbot erklärt. Aufgelistet sind auch die möglichen Bussen, die von 100 bis 1000 Franken reichen und im Wiederholungsfall sogar 10‘000 Franken erreichen können.

Touristiker atmen auf

Hotels, Geschäfte und Gaststätten erhielten diesen Flyer, der von Hotelleriesuisse Ticino miterarbeitet und unterstützt wurde. Das Info-Blatt soll nicht einfach flächendeckend an arabische Touristen verteilt werden, sondern nur an verschleierte Frauen beziehungsweise deren Ehemänner.

Gross waren die Ängste in der Tourismusbranche, dass diese Norm insbesondere Touristen aus dem arabischen Raum vergraulen könnte. Der Präsident von Hotelleriesuisse Ticino, Lorenzo Pianezzi, berichtete vor dem 1. Juli von ersten Stornierungen von arabischen Gästen. Das Verschleierungsverbot stelle eine zusätzliche Belastung für die bereits kriselnde Tourismusbranche der Südschweiz dar.

Tagesschau vom 26.06.2016

Einige Wochen später scheinen sich diese Befürchtungen aber nicht zu bewahrheiten. "Die Araber sind da - es gibt Reservationen. Das Gesetz hat offenbar doch nicht so abschreckend gewirkt", hielt Pianezzi mittlerweile fest. Man gehe 2016 gegenüber dem Vorjahr jetzt sogar von einer Zunahme von rund 20 Prozent an Touristen aus dem arabischen Raum aus, sagte Pianezzi, zugleich Direktor des Hotels Walter am Seeufer von Lugano.

Gäste passen sich an

Tatsächlich sind bisher aus dem Hotelgewerbe keine grösseren Klagen zu hören. Im luxuriösen Fünf-Stern-Hotel Splendide Royal am Seeufer von Lugano, wo nach eigenen Angaben momentan 90 Prozent der Kundschaft arabischer Herkunft sind, konnte kein Rückgang festgestellt werden. "Es gab Stornierungen, doch das gab es auch vor einem Jahr", heisst es auf Anfrage. Über die Motive der Annullierungen wisse man nichts.

Die Klientel hat sich offenbar auf die neuen Dispositionen eingestellt. Die saudi-arabische Botschaft hatte beispielsweise auf das im Tessin geltende Gesetz hingewiesen. "Die Botschaft erinnert ihre ehrenwerten Bürger an die Notwendigkeit, die Schweizer Vorschriften zu beachten und zu respektieren, um allfällige Probleme zu vermeiden", hiess es in einer Mitteilung. Im Hotel Splendide Royal musste bisher nur eine einzige Kundin auf das Verschleierungsverbot hingewiesen werden. "Sie hat sich problemlos daran gehalten", heisst es.

Der Tessiner Justiz- und Innenminister Norman Gobbi zog in der Tageszeitung "Blick" denn auch eine erste positive Bilanz: "Die arabischen Touristen sind intelligenter als viele Gegner des Burkaverbots." Sie würden sich mehrheitlich anpassen. Die Polizei war ihrerseits angewiesen worden, das Gesetz in sanfter Manier umzusetzen.

Zuwachs arabischer Gäste in der Schweiz

Von 2000 bis 2015 sind die Übernachtungen arabischer Gäste in der Schweiz von 189'000 auf gut 929'000 um mehr als 390 Prozent gestiegen. Und der massive Wachstumstrend geht weiter, wie die aktuellen Daten von Hotelleriesuisse zeigen. Im vergangenen Mai übernachteten noch einmal 22,4 Prozent mehr arabische Gäste in der Schweiz als im gleichen Vorjahresmonat.

Spitzenreiter bei den Gästen aus dem arabischen Raum ist die Region Genf, wo rund jeder Dritte nächtigt. Sehr beliebt sind zudem Interlaken und das Berner Oberland.

Atemschutzmaske statt Schleier

In der Schweizer Miniaturlandschaft Swissminiatur in Melide, die traditionell gerne von arabischen Gästen besucht wird, gab es nur einen einzigen Fall. "Dann haben wir den Ehemann darauf aufmerksam gemacht, dass die Ehefrau den Schleier lüften muss", sagt Dominique Vuigner, Senior-Chef von Swissminiatur.

Man habe extra einen ägyptischen Mitarbeiter angestellt, der fehlbare Gäste auf die im Kanton Tessin geltenden Dispositionen in arabischer Sprache informieren könne. Die arabische Kundschaft sei sehr wichtig und nehme zu, so Vuigner, insbesondere weil Länder wie Frankreich wegen der Terrorgefahr zunehmend gemieden würden.

Interessant ist, dass einige Frauen ihren Schleier zwar wegnehmen, sich dann aber eine Atemschutzmaske überziehen, so wie es häufig in asiatischen Ländern zu sehen ist, oder die Augenpartie mit riesigen Sonnenbrillen abdecken. Ob damit gegen das Gesetz verstossen wird, ist noch nicht klar, insbesondere wenn etwa Gesundheitsgründe für das Tragen einer Maske herangezogen werden.

Zunehmende , aber eher geringe Bedeutung

Auch wenn die Tourismusbranche erst einmal aufatmet: Ein gewisser Teil der arabischen Kundschaft dürfte ausgeblieben sein. Eine Polizistin in Mendrisio meint jedenfalls feststellen zu können, dass wesentlich weniger Araber zu sehen seien als früher. Im beliebten Outlet-Center Foxtown in Mendrisio kann man sich noch nicht zur Frage äussern, ob der Anteil der arabischen Klientel rückläufig ist. Wie lokale Medien berichten, liefen dort aber weiterhin vollverschleierte Frauen durch die Geschäfte.

Ticino Turismo hat seinerseits schon vor Inkrafttreten des Gesetzes erklärt, dass die Bedeutung des Verhüllungsverbots für die Tourismusbranche nicht überschätzt werden dürfe. Mit rund 45'000 Übernachtungen im Jahr 2015 entspreche der Anteil der Gäste aus den Golf-Staaten gerade mal 2,1 Prozent des Gesamtvolumens. Und nur ein kleiner Teil dieser Gäste trage Burka oder Nikab.

Initiative für landesweites Verbot

Das "Egerkinger Komitee" um den Solothurner SVP-Nationalrat Walter Wobmann, das schon mit dem Bauverbot für Minarette erfolgreich war, will nach dem Vorbild des Kantons Tessin landesweit ein Gesichtsverhüllungsverbot festschreiben. Für dieses Anliegen wurde im März 2016 die eidgenössische Volksinitiative "Ja zum Verhüllungsverbot" www.verhuellungsverbot.ch lanciert.

Die Bundeskanzlei hat die Initiative vorgeprüft und für gültig befunden. Die Initianten haben bis am 15. September 2017 Zeit, die für das Zustandekommen der Initiative nötigen 100'000 gültigen Unterschriften zu sammeln. Im Falle eines landesweiten Verbots wäre natürlich auch die Stadt Genf betroffen, die als Standort für internationale Organisationen wenig erbaut ist von dieser Perspektive.

Auch Tourismusregionen wie das Berner Oberland, insbesondere Interlaken, wo viele arabische Touristen logieren, zeigen sich wenig erfreut über ein allfälliges Burkaverbot.

Urheberrecht

Alle Rechte vorbehalten. Die Inhalte des Web-Angebots von swissinfo.ch sind urheberrechtlich geschützt. Sie dürfen nur zum Eigengebrauch benützt werden. Jede darüber hinausgehende Verwendung der Inhalte des Web-Angebots, insbesondere die Verbreitung, Veränderung, Übertragung, Speicherung und Kopie darf nur mit schriftlicher Zustimmung von swissinfo.ch erfolgen. Bei Interesse an einer solchen Verwendung schicken Sie uns bitte ein Mail an contact@swissinfo.ch.

Über die Nutzung zum Eigengebrauch hinaus ist es einzig gestattet, den Hyperlink zu einem spezifischen Inhalt zu verwenden und auf einer eigenen Website oder einer Website von Dritten zu platzieren. Das Einbetten von Inhalten des Web-Angebots von swissinfo.ch ist nur unverändert und nur in werbefreiem Umfeld erlaubt. Auf alle Software, Verzeichnisse, Daten und deren Inhalte des Web-Angebots von swissinfo.ch, die ausdrücklich zum Herunterladen zur Verfügung gestellt werden, wird eine einfache, nicht ausschliessliche und nicht übertragbare Lizenz erteilt, die sich auf das Herunterladen und Speichern auf den persönlichen Geräten beschränkt. Sämtliche weitergehende Rechte verbleiben bei swissinfo.ch. So sind insbesondere der Verkauf und jegliche kommerzielle Nutzung unzulässig.

×