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Andrang von Illegalen an der Südgrenze

Im Januar 2008 versuchte eine ukrainische Familie, über die Berge in die Schweiz zu gelangen und ist dabei fast erfroren. Keystone

Der Einwanderungs-Druck an den Rändern der EU wirkt sich auch an der Grenze des Kantons Tessin aus. Zwischen Illegalen und Kriminaltouristen fühlt sich die Grenzwacht oft an der Einsatzgrenze. Besonders an Wochenenden. Eine Reportage aus Chiasso.

Dieser Inhalt wurde am 10. November 2010 - 16:41 publiziert
Nicole della Pietra, Chiasso, swissinfo.ch

Die grüne Grenze zwischen dem Tessin, der Lombardei und dem Piemont erstreckt sich über einige Dutzend Kilometer.

Doch erfolgen die Hälfte aller illegalen Übertritte in die Schweiz auf einem kleinen Abschnitt von 5 bis 10 Kilometern bei der Grenzstadt Chiasso.

Tag und Nacht patrouillieren die Tessiner Grenzwächter im Raum zwischen dem Bahnhof, der Aufnahmstelle für Asylsuchende, mehreren Zollabfertigungs-Anlagen, der A2 und dem Stadtzentrum. Dort überprüfen sie die Eintritte in die Schweiz von Süden her.

"Über die Berge hingegen sind Eintritte in die Schweiz eher rar", sagt Feldweibel Michele Corti von der Tessiner Grenzwacht. "Sie werden von Schleppern genutzt. Diese nützen ihre Opfer noch zusätzlich aus, indem sie ihnen versichern, die Berge seien der einzig mögliche Durchgang." Die Gegend um Chiasso ist von hohen Bergen umgeben.

Schlepper und Diebe

Die Pfade an den Abhängen dieser Berge über dem Bahnhof sind den Schleppern wohl bekannt. Nicht nur ihnen, sondern auch den Diebes-Banden aus dem Osten Europas. Diese operieren aus den Peripherien von Mailand und Turin und müssen ständig überwacht werden.

Die Pfade, diskret gelegen und dennoch oft begangen, durchqueren manchmal auch Gemüse- und Hausgärten. Zum Beispiel in den Quartieren Sasso und Budella. Bei den Illegalen sind sie offenbar beliebt.

Auch Infrarot-Kameras sind hier angebracht. Deren Bilder werden permanent auf rund zehn Bildschirme in die Grenzwacht-Zentrale übertragen. Dort können die Beamten leicht Silhouetten erkennen, die in Richtung Schweiz eilen.

Es ist zwanzig nach neun und seltsam ruhig. Im grössten Mietshaus des Quartiers Sasso sitzen ältere Leute vor dem Fernseher. Sie schieben die Fenster-Jalusien zur Seite, um die Grenzwächter-Patrouille zu begrüssen. "Nicht selten kommt es vor, dass uns die Bewohner signalisieren, wenn sie Verdächtige beobachten", sagt Corti.

Fahndung und Verfolgung

In diesem Augenblick wird einer von Cortis Männern per Funk über die verdächtigen Bewegungen eines grau metallisierten Mercedes mit deutscher Nummer informiert. "Das ist der bevorzugte Fahrzeugtyp der Sinti-Nomaden, die von den Turiner Vororten aus ins Tessin kommen, um hier Einbrüche zu begehen", so ein Mitglied der Patrouille.

Die beiden Männer springen zu ihrem Fahrzeug und fahren mit laufenden Sirenen in Richtung Vacallo los. Doch der Alarm stellt sich als falsch heraus. Im Fahrzeug sitzt ein Nachtschwärmer-Pärchen. Was die Grenzwächter nicht weiter erstaunt, denn auch auf ihre übliche "Klientel" trifft dieses verdächtige Verhalten zu.

Immer öfter mit der Bahn

"In den letzten Monaten zeichnet sich als Trend ab, dass die Schlepper während der Wochenenden aktiv sind und dabei den Zug benutzen", sagt Grenzwacht-Sprecher Davide Bassi. Er schätzt, dass bis Ende Jahr die Anzahl aufgebrachter Illegaler mindestens einen Viertel über den Zahlen von 2009 zu liegen kommt.

"Sie nehmen den Zug in Mailand und steigen in Chiasso aus, wobei sie den Weg zur Asyl-Aufnahmestelle in der Nähe bereits kennen", so Corti, und zeigt mit dem Finger auf ein bläuliches Gebäude des Bundesamts für Migration.

Inzwischen rückt Mitternacht näher. Die Bremsen des einfahrenden, mit Grafitti übersäten Zuges quietschen. Jede Stunde verbindet er die lombardische Metropole mit Chiasso. Unter den Reisenden wird ein Afrikaner von den Grenzwächtern zurückgehalten.

Der junge Mann zögert zuerst und sagt dann, er habe sich nach Deutschland begeben wollen. Zuletzt gibt er dennoch zu, er habe vorgehabt, in der Schweiz um Asyl zu bitten.

Nun geht es ins kleine Büro der Grenzwacht, im Zollbereich des Bahnhofs. Ein Prozedere, das die Grenzwächter inzwischen mehrmals täglich anwenden. Manchmal sogar einige Dutzend Mal während eines einzigen Wochenendes.

Junge Afghanen

Zur gleichen Zeit irren vier junge Afghanen, sichtlich frierend, in der Bahnhofshalle herum. Sie tragen ein Dokument des Zuger Aufnahmezentrums für Asylsuchende auf sich. Dieses, offenbar überfüllt, hat die vier wieder auf die andere Seite des Gotthards geschickt.

Nur einer der vier 18- bis 20-Jährigen kann sich mit einigen Worten Englisch verständigen. Alle vier werden zusammen mit dem Afrikaner ins Aufnahmezentrum gebracht und den Behörden des Bundesamts für Migration übergeben.

Inzwischen ist es halb drei Uhr. Für die Patrouille ist die Nacht noch lange nicht zu Ende. Corti und seine Mitarbeiter setzen sich wieder ins Fahrzeug. Er erzählt, die vorige Nacht sei um einiges bewegter gewesen: "Verschiedene Gruppen von Irakern kamen an."

Die Patrouille durchkämmt die Gegend und trifft dabei auf Kollegen, mit denen man sich austauscht.

Um zwanzig nach vier beginnen zwei Grenzwächter die Verfolgung eines deutschen Luxusfahrzeugs mit rumänischen Nummernschildern. Als dieses endlich hält, entpuppt sich der "Fahrer" als 22-jährige Prostituierte, die gerade ihre Arbeit in einem der zahlreichen Etablissements im Süden des Tessin beendet hat.

Corti gibt ihr die Ausweise zurück. Auch seine Arbeit nähert sich dem Ende. Er begibt sich zur Zentrale zurück, wo er seine Männer für einen Rapport trifft. Dann verabschiedet er sich von der Equipe.

Grenzen unter Druck

2009 versuchten 1600 Personen, illegal über die Südgrenze in die Schweiz einzureisen.

Dieses Jahr ist diese Ziffer bereits Ende des 3. Quartals übertroffen worden.

300 Grenzwächter bewachen im Tessin die Grenze zu Italien.

Das seien viel zu wenig, finden einige Politiker im Umfeld der Schweizerischen Volkspartei und verlangen weitere 200 bis 300 Personen.

Bis 2011 soll die Schweiz rund 30 Grenzwächter nach Griechenland schicken, um die EU zu unterstützen, die dort die Südost-Grenze überwacht.

Diese wird von Migranten regelrecht überrannt.

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Vielschichtige Probleme

Die meisten in der Schweiz um Asyl Ersuchenden stammen aus Nigeria.

Sie bleiben fast alle mehr oder weniger lang in Italien, wo sie teils bereits ein Asylgesuch eingereicht haben.

In der Regel müssen sie deshalb auch nach Italien zurück, falls sie einen abschlägigen Entscheid erhalten haben.

Dieses Hin und Her kann sich für die gleiche Person vier bis fünf Mal wiederholen.

Neben Asylsuchenden und Kriminaltouristen aus den Peripherien der italienischen Städte kommen immer mehr rumänische Prostituierte und ihre Zuhälter in die Schweiz.

Dies war vor Einführung der Personenfreizügigkeit kaum der Fall.

Auch die Rückkehr von Personen mit einem Landesverweis ist ein Problem: Während der Wochenenden macht diese Kategorie 8 bis 10% aller klandestinen (Wieder-)Eintritte aus.

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