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Das Schweizer Exil hat Brecht nicht glücklich gemacht

Bertolt Brecht gilt als einflussreichster deutscher Dramatiker und Lyriker des 20. Jahrhunderts. Am 14. August jährt sich sein Todestag zum 50. Mal.

Während seinen Jahren im Exil lebte Brecht auch in der Schweiz. Doch heimisch wurde er hier nie, und auch seine Stücke stiessen kaum auf Resonanz.

Wie zahlreiche andere deutsche Schriftsteller und Künstler musste auch Bertolt Brecht in den dreissiger Jahren des 20. Jahrhunderts aus Nazi-Deutschland fliehen und fand für kurze Zeit Exil in der Schweiz. Erstmals 1933, als Zürich, Lugano und Carona im Kanton Tessin flüchtige Stationen seiner Emigration wurden.

Doch Zürich war ihm zu teuer zum Leben und Carona zu abgelegen. Brecht, dem 1935 die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt wurde, floh weiter nach Dänemark, Schweden, Finnland und dann in die Vereinigten Staaten von Amerika.

Der am Marxismus geschulte Brecht wollte mit seinen Werken immer auch gesellschaftliche Strukturen durchschaubar machen und mögliche Veränderungen aufzeigen. Insbesondere in der von Kurt Weill vertonten "Dreigroschenoper" aus dem Jahr 1928.

Von der Bundesanwaltschaft bespitzelt

Im Amerika der McCarthy-Prozesse fand Brecht kaum Gelegenheit zu arbeiten. Die USA unterstellten ihm eine kommunistische Gesinnung. So wurde er 1947 vor das Komitee für unamerikanische Aktivitäten geladen und verhört.

Dieses Erlebnis wurde für den deutschen Dramatiker zur Abschiedsvorstellung im Land der unbegrenzten Möglichkeiten.

Er verliess die USA und reiste über Paris erneut nach Zürich. Die Schweiz war das einzige deutschsprachige Land, in das Brecht noch einreisen durfte.

Doch auch hier wurde er des Kommunismus verdächtigt und von der Bundesanwaltschaft bespitzelt und abgehört. Zwei Gesuche um eine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung wurden von den Behörden abgelehnt.

Er blieb ein ganzes Jahr, doch zur Heimat wurde ihm die Schweiz nie. Selbst der erhoffte Erfolg auf der Bühne blieb aus, wie der Berner Dramatiker und Brecht-Forscher Werner Wüthrich in seinem neuen Buch "1948. Brechts Zürcher Schicksalsjahr" nachweist.

Das Missverständnis der "Mutter Courage"

"Sie wurden sich wichtig und blieben sich fremd", schreibt Wüthrich über das Verhältnis zwischen Brecht und der Schweiz.

Es mögen enttäuschte Hoffnungen im Spiel gewesen sein. Denn noch während Brechts US-Exil wurden im Zürcher Schauspielhaus drei seiner Stücke uraufgeführt: "Mutter Courage", "Der gute Mensch von Sezuan" und "Galileo Galilei".

Doch die Inszenierungen fanden weder beim Publikum noch bei der Kritik Anklang. "Mutter Courage" wurde in der Schweiz gar gründlich missverstanden.

Im Anti-Kriegsstück zeichnete Brecht die Titelfigur als opportunistische Kriegsgewinnlerin, während die Kritik sie als tapfere Frau des Widerstands lobte – und mit der Haltung der Schweiz im zweiten Weltkrieg verglich.

Ohne Arbeitsbewilligung

Auch die vierte Brecht-Uraufführung in Zürich stand unter einem schlechten Stern. Der Dramatiker inszenierte "Herr Puntila und sein Knecht Matti" gleich selber, doch weil er keine Arbeitsbewilligung hatte, illegal. Sie wurde ebenso zum Flop wie die Inszenierung der "Antigone des Sophokles" in Chur.

Während seiner Zeit in Zürich begegnete Brecht auch dem damals erst 36-jährigen Schriftsteller und Architekten Max Frisch. Als Frisch ihm das selber entworfene Freibad Letzigraben und eine beispielhafte Arbeitersiedlung zeigte, soll Brecht kommentiert haben: "In der Schweiz erstickt man den Sozialismus im Komfort."

Im Oktober 1948 kehrte Brecht nach Ost-Berlin zurück, wo er ein Jahr später zusammen mit seiner Frau Helene Weigel das Berliner Ensemble gründete.

Ein letztes Mal kam er 1956 in die Schweiz, auf der Durchreise nach Mailand, wo er Giorgio Strehlers Inszenierung der "Dreigroschenoper" sehen wollte. Es war Brechts letzte Auslandreise. Am 14. August starb er in Berlin nach einer Grippe an einem Herzinfarkt.

swissinfo, Susanne Schanda

In Kürze

Der Berner Dramatiker und Brechtforscher Werner Wüthrich ist der grosse Spezialist für Brechts Schweizer Zeit. Bereits 1970 begann er mit Recherchen im Brecht-Archiv und traf erstmals Helene Weigel.

1974 schrieb er seine Dissertation über die Aufnahmen von Brechts Stücken in der Schweiz: "Vom Ärgernis zum Klassiker".

Nach der Monographie "Bertolt Brecht und die Schweiz" von 2003 ist soeben Wüthrichs neustes Buch erschienen: "1948. Brechts Zürcher Schicksalsjahr".

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Fakten

Bertolt Brecht wird am 10. Februar 1898 in Augsburg geboren.
1922 erscheint sein erstes Drama "Baal".
1928 wird die "Dreigroschenoper" uraufgeführt.
1933 flieht der Autor in die Schweiz.
1941-47 lebt er in den USA.
1947-48 wieder in der Schweiz.
1949 gründet er in Ost-Berlin das Berliner Ensemble.
Am 14. August 1956 stirbt Brecht in Berlin.

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