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Der Abschied fällt nicht leicht

Ein Rückzug aus dem Parlament ist auch ein Rückzug aus dem Rampenlicht.

(Keystone)

Während Jahrzehnten haben sie die schweizerische Politik mit geprägt. Nun treten 38 Parlamentarierinnen und Parlamentarier nicht mehr zur Wahl an.

Vreni Spoerry, Claude Frey, Rosmarie Dormann und Ruedi Baumann blicken im Gespräch mit swissinfo zurück auf ihre Zeit unter der Bundeshauskuppel.

Ganze 20 Jahre hat sie im Parlament debattiert, verhandelt und argumentiert - die Zürcher Freisinnige Vreni Spoerry. Zwölf davon als Nationalrätin, die letzten acht im Ständerat. Nun ist endgültig Schluss. Mit dem Erreichen des Pensionsalters zieht sich eine der grossen Damen der Schweizer Politik zurück.

"Der Tonfall der Debatten hat sich verschärft", bilanziert Spoerry ihre Jahre unter der Bundeshauskuppel. Nicht nur bekämpften sich Rechts und Links mit mehr Vehemenz, auch das Klima unter den bürgerlichen Parteien habe sich verhärtet.

So hätten die Asyl-Debatte und die Europa-Frage das Klima aufgeheizt: "Hier gehen die Meinungen auch zwischen den bürgerlichen Parteien auseinander und auch zwischen Welsch- und Deutschschweizern."

Zunehmende Hektik

Ähnliches hat Rosmarie Dormann beobachtet, christlichdemokratische Nationalrätin aus dem Kanton Luzern, die nach 16 Jahren Bundeshaus nicht mehr antritt. Sie schreibt die Entwicklung dem stetig höheren Tempo im Parlament zu.

"Die Hektik ist permanent grösser geworden. Dazu kommt eine selektive Wahrnehmung. Wir sind dauernd am Korrigieren und Revidieren. Und das gibt mir zu denken."

"Schlagwort-Politik"

Der Berner Ruedi Baumann, Ex-Präsident der Grünen Partei und 12 Jahre im Nationalrat, sieht einen Grund für die Verschärfung des Klimas in der "Angst- und Hetze-Politik" der Schweizerischen Volkspartei.

"Die Auseinandersetzung ist vermehrt zur Schlagwort-Politik verkommen", sagt er im Gespräch. "Eigentliche politische Auseinandersetzungen finden nicht mehr statt."

Und der freisinnige Neuenburger Claude Frey meint rückblickend auf seine 24 Jahre in Bern: "Man macht heute ganz anders Politik. 1979, das war noch 10 Jahre vor dem Mauerfall, da hatten wir andere Probleme."

Immer komplexere Themen

Parlamentarierinnen und Parlamentarier werden heute mit einer Fülle von hochkomplexen Themen konfrontiert. Kaum jemand schafft es noch, überall den Überblick zu behalten. Spezialisierung ist nötig. Und trotzdem müssen die Abgeordneten schliesslich ihre Stimme zu jedem Detail abgeben.

Rosmarie Dormann musste zuerst "lernen, meine Entscheidung zu delegieren, mit Leuten zu sprechen, die von einem Fachgebiet mehr verstehen, als ich". Sie ist daher überzeugt, dass die spezialisierten Fachkommissionen in der Parlamentsarbeit enorm wichtig sind.

Spoerry ist "beeindruckt, wie seriös die Kommissionen arbeiten". Und holt gleich aus zu einem Lob des Miliz-Systems. "Das Milizparlament hat den grossen Vorteil, dass Fachwissen aus dem Berufsalltag, aus allen Gebieten eingebracht wird."

Da schüttelt Baumann nur den Kopf. Er hat Zweifel "ob wir wirklich besser sind, als alle anderen". So gingen in der Schweiz mit ihrer direkten Demokratie bei Wahlen weniger als 50% an die Urnen. "Da muss ich mir als Auslandschweizer sagen: Das System in Frankreich ist nicht schlechter."

Grosse Arbeitsbelastung

Frey blickt mit Wehmut zurück zu den früheren Politikern. "Die waren vor 30 oder 50 Jahren nicht so gut informiert wie wir heute. Doch sie hatten noch eine Idee, wie die Politik organisiert sein sollte."

Heute arbeiteten Abgeordnete 60 bis 70 Stunden pro Woche. Dies sei schon ein Opfer, meint Frey. "Doch es ist auch eine unglaubliche persönliche Bereicherung, eine sehr interessante Arbeit", fügt er gleich an.

Das können die anderen drei nur bestätigen. Für Baumann war es ein "sehr interessanter Lebensabschnitt". Doch er sei froh, "nun wieder ein bisschen mehr Freizeit zu haben. Die Arbeit im Milizparlament ist zusätzlich zum Beruf eine enorme Belastung."

Auch Rosmarie Dormann hatte praktisch keine Freizeit mehr. "Die existierte eigentlich nicht mehr in den letzten Jahren." Doch auch sie möchte die Zeit nicht missen: "Ich habe sehr viel gelernt, konnte auch viel einbringen", bemerkt sie.

Die Zukunft

Claude Frey freut sich nun auf neue Herausforderungen: "Jetzt kommt ein anderes Leben mit neuen Möglichkeiten und neuen intellektuellen Bereicherungen."

Vreni Spoerry gibt zu, dass ihr der Abschied nicht leicht fällt: "Die Politik hat alle meine Hobbys abgedeckt: Ich lese, schreibe, argumentiere gerne. Ich vertiefe mich gerne in ein Problem und bin gerne mit Menschen zusammen." Nun hoffe sie, möglichst bald einen Rhythmus für die viele freie Zeit zu finden.

Für Baumann und Dormann geht es vorerst wieder zurück ins Berufsleben. Die Luzernerin hat sich den Dezember erst mal als Verschnaufpause frei genommen, dann will sie auf Jobsuche. "Ich freue mich auf meine Zukunft."

Bio-Bauer Ruedi Baumann hat in Frankreich eine neue Heimat gefunden. Er hat mit seiner Frau, die ebenfalls aus dem Nationalrat zurücktritt, die Konsequenzen aus der schweizerischen Europapolitik gezogen. " Als Bauer sind die Perspektiven im europäischen Umfeld wesentlich besser als in der Schweiz."

swissinfo, Christian Raaflaub

Fakten

Im Nationalrat treten 32 Personen nicht mehr zur Wahl an
Im Ständerat sind es 6 Personen

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In Kürze

Ruedi Baumann (56, GPS) lebt heute in Frankreich und war während 12 Jahren für den Kanton Bern im Nationalrat. Von 1997 bis 2001 war Baumann Präsident der Grünen Partei.

Rosmarie Dormann (56, CVP) war während 16 Jahren für den Kanton Luzern im Nationalrat. Sie hat sich hauptsächlich als "Mutter" der Rassismus-Strafnorm einen Namen gemacht.

Claude Frey (60, FDP) war während 24 Jahren für den Kanton Neuenburg im Nationalrat. 1994/95 war er als Nationalrats-Präsident offiziell "höchster Schweizer". 1998 kandidierte Frey für die Nachfolge von Bundesrat Jean-Pascal Delamuraz, scheiterte aber an Pascal Couchepin.

Vreni Spoerry (65, FDP), Vertreterin des Kantons Zürich, war während 12 Jahren im Nationalrat und während 8 Jahren im Ständerat. Sie galt in den 90er-Jahren als heimliche Bundesrats-Kandidatin. In den letzten Jahren stand sie als Verwaltungsrätin der Swissair im Kreuzfeuer der Kritik.

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