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Die Jagd auf den Kometen beginnt

Rosetta wird erstmals einen Lander für einen Kometen ausfahren.

(ESA/AOES Medialab)

Europas verwegene Mission, erstmals einen Roboter auf einen Kometen zu befördern, ist endlich im Gang.

Beim dritten Mal klappte es: Die Raumsonde Rosetta, mit einem von Schweizer Forschern entwickelten Instrument an Bord, startete am Dienstag um 08.17 MEZ in Kourou, Französisch Guyana.

Der erste Startversuch war letzten Donnerstag an starken Höhenwinden gescheitert. Am Tag darauf musste ein zweiter Anlauf wegen eines Schadens an der Wärmeisolierung der Rakete abgebrochen werden.

Rosetta soll nach einem fünf Milliarden Kilometer langen Flug im Jahr 2014 den Kometen Tschurjumow-Gerasimenko erreichen. Ziel der fast eine Milliarde Euro teuren Rosetta-Mission ist es, die letzten Rätsel über Kometen zu lösen.

Freude in Bern

"Es ist ein Gefühl von grosser Erleichterung und Freude", sagte Peter Bochsler von der Universität Bern gegenüber swissinfo.

"Viele Leute haben zehn Jahre ihrer wissenschaftlichen Karriere auf die Entwicklung dieses Instruments verwendet, so dass dies wirklich der Höhepunkt unseres Lebens ist."

Die Berner Universität hat zu dieser Mission das Schlüssel-Experiment geliefert: Es heisst Rosina und besteht aus Massen-Spektrometern, welche unter anderem die chemische Zusammensetzung der Kometengase analysieren sollen.

Ursprünglich hätte die Raumsonde Rosetta bereits vor einem Jahr zum Kometen "Wirtanen" starten sollen. Der Flug musste jedoch nach dem Fehlschlag beim Premierenstart der neuen europäischen Trägerrakete "Ariane-5-plus" verschoben werden. Die Kometenmission war überhaupt in Frage gestellt.

Die Astronomen der Europäischen Weltraumbehörde (ESA) mussten einen neuen Flugplan entwerfen und ein neues Ziel bestimmen: den Kometen Churyumov-Gerasimenko, kurz "Chury" genannt.

Komet - wie ein grosser Rugby-Ball



Das Unternehmen Rosetta ist die ehrgeizigste Mission, die von der Europäischen Weltraumorganisation ESA je versucht worden ist. Schon 1986 hatten die Europäer die Welt in Staunen versetzt, als sie ihre Sonde Giotto am Kometen Halley vorbeifliegen liessen.

Doch die Mission führte nur bis 600 Kilometer an den Himmelskörper heran. Die Wissenschafter vermochten ihn auf diese Weise nur während einer kurzen halben Stunde zu beobachten.

Mit dem Unternehmen Rosetta soll alles anders werden. Die Sonde soll nach einer zehnjährigen Reise zum Satelliten des Kometen "Churyumov-Gerasimenko" werden. Ihre Instrumente werden Zeit genug haben, diesen fünf auf drei Kilometer grossen Rugby-Ball gründlich zu inspizieren.

Und in dieser Phase wird die ESA versuchen, was bisher noch nie ausprobiert worden ist: Auf einem Kometen landen.

Jules Verne und Hollywood



Die Reise auf einen Kometen ist als Utopie bereits vor 130 Jahren von Jules Verne beschrieben worden. Dort steigt die Astronomin Palmyrin Rosette von der Erde auf einen Kometen über. Doch ihren Namen hat die Sonde nicht von Vernes Protagonistin, sondern von einem ägyptischen Inschriftenstein, der half, die Hieroglyphen zu entziffern,

So soll auch die Sonde Rosetta helfen, die Ursprünge des Sonnensystems zu entziffern.

Auch im Hollywood-Film "Armageddon" landen Bruce Willis und seine Weltraum-Marodeure ziemlich brüsk auf einem grossen Kometen, der die Erde bedroht.

Die Wirklichkeit sieht ziemlich anders aus. Nur in zwei Punkten treffen sich Hollywood und die ESA. Erstens gilt die Operation als ziemlich gewagt und hoch riskant. Und zweitens ist sie teuer. Das Abenteuer Rosetta kostet rund 1,05 Mrd. Franken.

Denn das Landen in einer unbekannten Welt ist nie ganz einfach. Die ESA hat ihre Erfahrungen bereits mit Beagle 2 gemacht – ihrem kleinen Roboter, der auf der Mars-Oberfläche verloren ging.

Hartes Eis oder weicher Schnee?

Doch die Verhältnisse auf einem Kometen sind völlig anders als jene auf dem roten Planeten. Auf dem Kometen gibt es keinen Eintritt in eine Atmosphäre, also keine Fallschirme und Airbags. Dafür soll das Landegefährt Philae, eine Art dreibeinige Spinne mit 100 kg Gewicht, den Aufprall mit einem Motor abbremsen.

Sobald sie die Oberfläche erreicht hat, muss die Sonde verankert werden. Da der Himmelskörper keine Schwerkraft aufweist, wird riskiert, dass Philae nach dem Aufprall gleich wieder von der Oberfläche abfedert und sich dann im Weltall verliert.

"Churyumov-Gerasimenko" jagt mit 135'000 Stundenkilometer durchs All. Und das Landegerät Philae wiegt auf dem Kometen lediglich soviel wie ein Blatt Papier.

Diese Verankerung muss gelingen. Nur weiss niemand, ob die Oberfläche des Kometen vereist und hart oder einfach nur mit weichem Schnee bedeckt ist. Die Landebeine von Philae sind deshalb mit grossen Schrauben bestückt, die sich in den Boden versenken, und zusätzlich mit einer Hilfsharpune.

Zehn Reisejahre und einige Milliarden Kilometer

Das alles dürfte sich in der Nähe der Umlaufbahn von Jupiter abspielen, rund 770 Millionen Kilometer von der Erde entfernt. Doch um dorthin zu gelangen, muss Rosetta einen viel weiteren Weg zurücklegen.

Um die benötigte Geschwindigkeit zu erreichen, muss der Satellit in einem Schlingerkurs durch das Planetensystem vier Mal mit "Swing-by-Manövern" in den Schwerkraftfeldern von Erde und Mars Schwung holen, um auf den Kurs zum Kometen zu gelangen.

Rosetta muss "Planeten-Billard" spielen, weshalb das Rendez-vous mit dem Kometen Chuyumov-Gerasimenko erst in zehn Jahren, 2014, stattfindet - nach insgesamt rund 5 Milliarden Kilometern unterwegs im All. Rosetta dringt als erste solar betriebene Sonde in diese Welten vor.

Blick in die Kinderstube des Universums

Läuft alles ab wie geplant, werden sich die Wissenschafter beglückwünschen können. Denn die Kometen beherbergen einige Schlüssel zu den Ursprüngen der Welt und des Lebens.

"Die Palette für mögliche Entdeckungen ist riesig", fasst Willy Benz, Astronomieprofessor an der Uni Bern, zusammen. Die Kometen enthalten Reste der Urmaterie, aus der unser Sonnensystem vor 4,6 Milliarden Jahren geformt wurde.

"Es gibt sogar eine Hypothese, wonach die Elemente, die zum Leben auf unserem Planeten beigetragen haben, mit dem Einschlag von Kometen vom Himmel kamen", erinnert Willy Benz.

Eine Behauptung, die Rosetta und Philae gern testen möchten.

swissinfo, Agenturen und Marc-André Miserez
(Übertragung aus dem Französischen: Alexander Künzle)

Fakten

Das Rendez-vous mit dem Kometen Churyumov-Gerasimenko ist für Mai 2014 vorgesehen.

Kosten der Mission: 1,05 Mrd. Schweizer Franken.

Rosetta ist nach dem Stein benannt, der die Entschlüsselung der ägyptischen Hieroglyphen ermöglichte.

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In Kürze

25 Schweizer Unternehmen sind an der Mission Rosetta beteiligt.

Das Spektrometer Rosina, das den Staub und die aus dem Kometen entweichenden Gase analysieren helfen soll, ist teilweise vom Physikalischen Institut der Universität Bern entwickelt worden.

Der mechanische Teil von Rosina stammt von APCO Technologies in Vevey.

Der in Rosina integrierte Druckmesser ist der Höheren Technischen Schule in Bern und der Freiburger Firma Montena EMC zu verdanken.

Ausserdem haben 14 weitere Unternehmen und Schweizer Institute an Rosina mitgearbeitet.

Sieben Schweizer Firmen haben am Bau des eigentlichen Satelitten
mitgewirkt, an seinem Antennen-System und seiner elektrischen Ausrüstung.

Die Kameras des Landegeräts Philae kommen von Space-X in Neuchâtel, der Firma, die bereits diejenigen für Beagle 2 geliefert hat.

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