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eu-projekte bieten keine einfachen lösungen

Das im Zürcher Labor von IBM entwickelte Raster-Tunnel-Mikroskop öffnete den Weg für die Nanotechnologie. (IBM)

Paneuropäische Forschungs- Zusammenarbeit könnte wertvolle akademische Freiheiten gefährden, fürchtet Philippe Renaud von der Eidg. Technischen Hochschule.

Der Nanotech-Spezialist in Lausanne bestreitet nicht, dass solche Zusammenarbeit produktiv sein kann. Er warnt jedoch, die Forschungstätigkeit aussschliesslich auf EU-Ziele auszurichten.

Schweizer Forscher haben sich am vierten, fünften und sechsten europäischen Rahmenprogramm beteiligt. Diese Programme sind die wichtigsten Instrumente in der Forschungs- und Entwicklungspolitik der Europäischen Union (EU).

Philippe Renaud ist Direktor des Center of MicroNano-Technolgie an der Ecole Polytechnique Fédérale de Lausanne (EPFL) in Lausanne.

swissinfo: In welcher Form arbeiten Sie mit Kollegen aus der EU zusammen?

Philippe Renaud: Es gibt zwei Arten von Zusammenarbeit. Bei der einen handelt es sich um integrierte Forschung, das heisst Zusammenarbeit an gemeinsamen Projekten. Die zweite Form sind so

genannte networks of excellence – Netzwerke, deren Zweck darin besteht, Kontakte zwischen Forschungszentren zu verbessern, und die jeweils etwa 20 bis 30 Partner umfassen.

Diesen Netzwerke stehen allerdings kaum Mittel zur Verfügung. Und das meiste Geld wird für Koordination und die Dokumentation von Zukunftsplänen ausgegeben.

swissinfo: Wie schwer ist es, in diesen Projekten Fuss zu fassen?

P.R.: Ein eigenes Projekt auf die Beine zu stellen erfordert bürokratische Schwerarbeit, und das ist nichts für mich. Dass ich trotzdem an EU-Forschungsprojekten mitarbeite,

verdanke ich guten Freunden in Europa, die solche Projekte leiten. Das wichtigste ist, sich an diesen Netzwerken zu beteiligen und gute Forschungsarbeit zu leisten.

Man braucht gute, einflussreiche Publikationen um Partner anzuziehen. Kongressbesuche und auffällige Websites haben wenig damit zu tun. Es gilt, die Stärke der eigenen Forschungsgruppe zu demonstrieren und andere zu davon überzeugen, dass ihr grosses Projekt ohne uns nicht auskommt.

swissinfo: Haben solche Projekte auch Nachteile?

P.R.: Sie können schon negative Auswirkungen haben. Das Hauptrisiko besteht darin, dass solche Projekte

sehr resultatorientiert sind. Zudem ist die Beteiligung der Industrie ist sehr ausgeprägt. Es besteht die Gefahr, dass wir vor lauter technischen Problemen unsere akademische Freiheit verlieren könnten.

Wir hätten dann zwar genug Mittel zur Forschung, könnten aber keine interessanten Projekte für unsere Doktoranden und unsere promovierten wissenschaftlichen Mitarbeiter mehr vorschlagen.

Ich will mich vor allem an Projekten beteiligen, die mich in meiner eigenen Forschung weiter bringen.

Ich glaube nicht, dass unternehmensorientierte Forschung immer die beste Lösung ist.

swissinfo: Ihre grössten Bedenken gelten also dem möglichen Verlust der akademischen Freiheit?

P.R.: Zweifellos. Darum beschränke ich die Zahl der EU-Projekte, an denen ich mich beteilige. Es gibt zahlreiche Gelegenheiten. Wenn ich wollte, könnte ich wahrscheinlich die Zahl der EU-finanzierten Mitarbeiter in meiner Gruppe von vier auf zehn oder mehr erhöhen. Aber wenn ich das täte, würde unser Team den wissenschaftlichen Gehalt verlieren, der unsere Arbeit interessant macht.

swissinfo: Hat breiter angelegte Forschungsarbeit in EU-Projekten überhaupt noch Platz?

P.R.: Die Projekte, die ich aussuche, haben in der Regel eine breite Perspektive. Und einige – beispielsweise ein Projekt zur Nanotechnologie, an dem wir gegenwärtig arbeiten – sind Teil eines network of excellence. Diese Netzwerke sind weniger eng gefasst und erlauben uns ein Forschungsgebiet abzudecken und gleichzeitig Kontakte aufzubauen.

Aus einem Netzwerk erwachsen dann möglicherweise eine Anzahl kleinere Projekte, welche als integrierte EU-Forschung weitergeführt werden könnten.

swissinfo: Glauben Sie, diese verschiedenen Arten von grenzüberschreitenden Projekten werden in Zukunft die Norm sein?

P.R.: Ein wachsender Teil unserer Arbeit spielt sich in Netzwerken ab. Doch wir können nicht nur in diesen Netzwerken existieren. Wir müssen bei uns auch noch an anderen Problemen arbeiten.

Weil sich die Schweiz jedoch an der wissenschaftlichen Forschung der EU beteiligt, fliessen nun auch Schweizer Forschungsgelder nach Brüssel, die wir mindestens teilweise zurückholen müssen. Das allein ist Grund genug, sich an Projekten der EU zu beteiligen.

Es ist natürlich auch interessant, mit Leuten ausserhalb der Schweiz zusammenzuarbeiten. Das bisher Positivste an diesen Projekten – abgesehen von den guten Resultaten – sind die vielen Freunde, die wir in ganz Europa neu

gewonnen haben. Solche Beziehungen sind auch langfristig eine wertvolle Anlage.

swissinfo: Wird die Wissenschaft durch solche Zusammenarbeit effizienter?

P.R.: Im Rahmen eines Projekts hat es vielleicht eine, zwei Gruppen, die einem bei der eigenen Arbeit weiterhelfen.

Aber direkte Zusammenarbeit ist wichtig und gibt uns auch die Möglichkeit, Mitarbeiter auszutauschen. So können wir die Leute wirklich ihren Fähigkeiten entsprechend einsetzen.

swissinfo-interview: Scott Capper (Übertragung aus dem Englischen: Dieter Kuhn)

Fakten

Eine kürzliche Umfrage im Auftrag des Staatssekretariats für Bildung und Forschung hat gezeigt, dass:

70% aller unterstützten Projekte ohne EU-Beiträge nicht stattgefunden hätten.
89% aller Beteiligten fanden, dies habe ihr Projekt beschleunigt.
86% sagten, sie hätten deshalb ihr Projekt erweitern können.

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In Kürze

Seit 1987 können sich Schweizer Partner auf Projektbasis an den EU-Rahmenprogrammen beteiligen.

Die Schweiz unterzeichnete 2004 ein Assoziations-Abkommen mit der EU und hat deshalb unbeschränkten Augang zu allen Teilen des Programms und den dazugehörigen Finanzierungsinstrumenten.

Schweizer Forscher sind vor allem bei den Biowissenschaften, sowie bei der Informations- und Kommunikationstechnologie stark vertreten.

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