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Gegen Kiffen am Steuer

Die Kampagne gegen Kiffen am Steuer ist lanciert.

(Keystone)

Auf den Schweizer Strassen sind immer mehr bekiffte Personen unterwegs. Der Schweizerische Verkehrssicherheitsrat will jetzt mit einer Kampagne auf die Risiken aufmerksam machen.

Ziel der Spots und Aktionen: Mit Fakten verharmlosende Gerüchte und Scheinargumente widerlegen.

"Wer kifft, fährt konzentrierter." "Eine Studie beweist, dass man auch bekifft gut fahren kann." Oder "Kiffen macht nicht aggressiv": Solcherlei Ausreden bekamen die Macher der Kampagne bei ihren Vorsondierungen oft zu hören.

Die Wahrheit ist aber eine andere, so der Schweizerische Verkehrssicherheitsrat. "In den letzten Jahren ist die Zahl der Delinquentinnen und Delinquenten im Strassenverkehr aufgrund von Cannanbis-Konsum rapide angestiegen", sagt Hans-Ulrich Büschi, Präsident des Verkehrssicherheitsrats, am Montag vor den Medien.

Die Zahlen, welche die Rechtsmedizinischen Institute der Universitäten Zürich, Bern und Lausanne lieferten, sprechen laut Büschi eine deutliche Sprache: Die Cannabis-positiven Proben von Verkehrsteilnehmern verzeichneten jährliche Zunahmen von rund 20%.

Gefährlicher Mix mit Alkohol

Cannabis am Steuer äussert sich aber nicht nur in der Zahl positiver Blut- oder Urinproben, sondern kann auch direkt zu Unfällen führen. "Wir haben tatsächlich Unfälle, auch schwere. Wenn es zum Zusammenspiel von Cannabis mit Alkohol kommt, was leider oft der Fall ist, wird es in der Regel katastrophal", so der Verkehrsicherheits-Experte gegenüber swissinfo.

Diese Entwicklung, wie auch die Zahl der 600'000 Cannabis-Konsumenten in der Schweiz, nahm der Verkehrssicherheitsrat zum Anlass, das Thema Kiffen am Steuer erstmals in die Öffentlichkeit zu tragen.

Sachinformationen vs. Scheinargumente

Mit der Kampagne "Die Wahrheit über Kiffen und Fahren" will der Verkehrsicherheitsrat die kursierenden Halbwahrheiten, Gerüchte oder falsch interpretierten Studien, wie sie eingangs zitiert wurden, aus dem Weg räumen.

Beispielsweise das Gerücht, Cannabis mache im Gegensatz zu Alkohol nicht aggressiv. "Erstaunlicherweise werden bekiffte Verkehrsteilnehmer häufig gerade wegen zu schnellem oder aggressivem Fahren von der Polizei angehalten und getestet", lautet die entsprechende "Wahrheit".

Beispiel Nummer zwei: Ein Joint verbessere die Konzentration, gerade auch im Strassenverkehr. "Diese Konzentration ist eigentlich eine Einschränkung. Bekifft kann das Hirn nicht mehr so viele Eindrücke gleichzeitig verarbeiten. Deshalb hat man das Gefühl, konzentriert zu sein", lautet hier die entsprechende Wahrheit.

Publikumsnah

Die Botschaft wird mit Fernseh- und Kinospots und mit Faltprospekte unter die Leute gebracht. Daneben wurde auch eine Website im Internet aufgeschaltet. Für Schulen gibt es eine Box, die neben anderen Materialien auch eine DVD umfasst. Nach dem Start am Montag dieser Woche dauert die Aktion vorerst bis Ende Sommer.

Nicht Moralisieren, sondern präventive Aufklärung, lautet das Rezept. "Wir wollen die breite Öffentlichkeit für die Problematik sensibilisieren, ohne den Drohfinger zu erheben", so Büschi.

Zielgruppe sind einerseits die Konsumenten. Denn ab Anfang 2005 herrsche auf Schweizer Strassen bezüglich THC (der berauschenden Hanf-Substanz) die Null-Toleranz.

Die Kampagne zielt laut Büschi aber ebenso auf das gesellschaftliche Umfeld der Kiffer, also Eltern und Lehrer sowie den Freundes- und Kollegenkreis aus Schule, Beruf und Freizeit. Diese Personen sollen mit Argumenten beliefert werden, um die verharmlosenden "Weisheiten" zu entkräften.

Abgestimmt mit Legalisierungs-Debatte

Die Kampagne soll mithelfen, in der Gesellschaft die soziale Norm zu verankern, nach der Fahren in bekifftem Zustand genauso verpönt sein werde wie dasjenige in alkoholisiertem Zustand. Das wird, hofft Büschi, in rund 10 Jahren der Fall sein.

"Bei Cannabis können wir etwas rascher vorwärts machen als beim Alkohol, weil die Diskussion um die Legalisierung und Freigabe der weichen Drogen momentan sehr heiss läuft", so Büschi.

Weiterer Pluspunkt: Schulen und vor allem Fahrschulen werden gezielt mit den neuen Unterrichts- und Hilfsmitteln beliefert. Gerade die Fahrlehrer hätten den Verkehrssicherheitsrat zum Thema Kiffen im Strassenverkehr um Materialien angegangen, sagt Büschi. "Sie sind ganz konkret mit diesem Problem konfrontiert. Dazu hat es aber bisher nichts gegeben."

Eigens für die Fahrlehrer organisiert das Gremium am kommenden 5. Juli in Bern eine Fachtagung. Nationale und internationale Experten werden dabei auch Ergebnisse von Studien präsentieren, in welchen sie untersuchten, wie genau und in welchem Mass Cannabis die Fahrtüchtigkeit einschränkt.

swissinfo, Renat Künzi

Fakten

Cannabis ist in der Schweiz nach wie vor eine illegale Droge.
Jeder Vierte der 15- bis 24-Jährigen und jeder Zehnte der 25- bis 44-Jährigen in der Schweiz konsumiert gelegentlich oder regelmässig Cannabis. Das sind rund 600'000 Personen.
Sie fahren nach dem Kiffen teilweise auch Auto.
Die Zahl der positiven THC-Proben im Strassenverkehr steigt jährlich um 20%.
2003 waren im Kanton Bern knapp 400 der 800 Urinproben von Fahrzeuglenkern THC-positiv.
Im Kanton Waadt waren es 2002/03 mehr als die Hälfte der 440 Proben (54%).

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In Kürze

Mit der Kampagne "Die Wahrheit über Kiffen und Fahren" will der Verkehrssicherheitsrat verharmlosende Gerüchte aus dem Weg räumen.

Bekifftes Fahren soll gesellschaftlich so geächtet werden wie Fahren in alkoholisiertem Zustand.

Beispiel: Es sei wissenschaftlich erwiesen, dass man bekifft genauso gut Auto fährt wie nüchtern. Die "Wahrheit": In einem Labor-Versuch Anfang der 90er-Jahre fuhren leicht bekiffte Personen relativ sicher.

Im realen Strassenverkehr gibt es aber plötzlich auftretende Gefahrensituationen, in denen bekifft sein sehr gefährlich werden kann. Das sagt auch der Autor der Studie.

In der laufenden Sommersession soll das Betäubungsmittelgesetz revidiert werden. Darin geht es auch um die Legalisierung von Cannabis. Die Wahrscheinlichkeit, dass der Nationalrat nicht Eintreten beschliesst, ist allerdings gross. Dann wäre der Revisions-Vorschlag Makulatur.

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