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Haiti: Provisorium wird zum Dauerzustand

, Grand-Gôave, Haiti


Viele Häuser des Quartiers Petite Guinée in der Kleinstadt Petit-Goâve wurden von der Flutwelle nach dem Erdbeben zerstört.

Viele Häuser des Quartiers Petite Guinée in der Kleinstadt Petit-Goâve wurden von der Flutwelle nach dem Erdbeben zerstört.

(swissinfo.ch)

Lähmende Verwaltungsverfahren und Wahlprozedere, komplexe Grundeigentumsfragen, unkoordinierte NGO-Projekte: Ein Jahr nach dem Erdbeben auf Haiti ist der Wiederaufbau mancherorts praktisch zum Erliegen gekommen. Augenschein bei einem Schweizer Wiederaufbauprojekt in Petit-Goâve.

Am 12. Januar um 16 Uhr 53 wurde Petit-Goâve, eine Stadt rund 50 Kilometer westlich von Port-au-Prince, von einem heftigen Beben erschüttert: Die Häuser am Strand in der historischen Siedlung Petite Guinée wurden von den Fluten verschluckt. 35 Personen kamen ums Leben, 700 Familien wurden obdachlos.

Ein Jahr später sind hier immer noch Arbeiter daran, provisorische Unterkünfte für die Betroffenen zu erstellen. Das Leben in Zeltlagern dauert an.

"Wir können nicht mehr so weiterleben. Es ist das reinste Elend, in den letzten 12 Monaten gab es keine Verbesserung", sagt Jean-Joseph Blavette, Mitglied des Quartierkomitees.

Seine Wut richtet sich insbesondere gegen HEKS, das Hilfswerk der Evangelischen Kirchen Schweiz. Der von der Glückskette akkreditierte Partner plant den Bau von 160 Unterkünften ausserhalb der Stadt. "Was macht HEKS? Das Hilfswerk hat uns versprochen, dass das Wiederaufbauprogramm im Januar 2011 starten wird, doch wir haben seit mehr als zwei Monaten nichts mehr von HEKS gehört."

Projekt gefährdet

"Ich will den Betroffenen keine falschen Versprechungen machen, bevor wir von den Behörden nicht grünes Licht erhalten haben", sagt René Schärer, der Schweizer Projektverantwortliche.

Weil die lokalen Behörden untätig geblieben waren, hatte er sich mit dem Innenminister getroffen. Dieser habe sich vom Projekt begeistert gezeigt und seine Unterstützung versprochen. Vor zwei Monaten erhielt das HEKS einen Anruf des Interministeriellen Komitees für Raumplanung, das "ernsthafte Einwände" gegenüber der Realisierung des Projekts geltend machte. "Seither kam es zu keinem Treffen mehr, bei dem auf die Einwände hätte eingegangen werden können."

Die Ausgangslage für das Wiederaufbauprojekt hat sich verschlechtert, es ist im Moment in Gefahr.

"Wir sind darüber nicht informiert. Wir werden nach dem Gedenktag für die Opfer des Erdbebens am 12. Januar das Ministerium kontaktieren", sagt der Bürgermeister von Petit-Goâve, Justal Marc Roland. "Das HEKS ist eine der wenigen Organisationen, die mit uns zusammenarbeiten. Wir wollen dieses Projekt unbedingt realisieren." 

Im Wahlkampf

René Schärer schenkt diesen Versprechungen keinen Glauben, für ihn ist klar, dass der Bürgermeister bereits im Wahlkampf für die Gemeindewahlen steht und Petit-Goâve nicht zu seinen Hochburgen zählt. "Wir wollen rechtmässig vorgehen, doch manchmal frage ich mich, ob andere NGOs nicht recht haben, wenn sie den Einbezug der Behörden umgehen", so Schärer.

Seit September sind alle Verwaltungsverfahren blockiert, weil das Wahlprozedere immer noch andauert. Laut René Schärer besteht dringend Handlungsbedarf. "Petite-Guinée liegt in einem überschwemmungsgefährdeten Gebiet. Steigt das Wasser, liegt die Verantwortung für die Katastrophe auf meinen Schultern."

Auf dem Flachland am Ufer des Flusses in Meilleur-Haut, wo die neuen Unterkünfte gebaut werden sollen, leben seit mehreren Monaten 450 Familien. Laut den Einwohnern hat ein Abgeordneter die Familien nach der Evakuierung eines Schulhauses, wo sie bisher untergekommen waren, dorthin geschickt.

Wildes Bauen

Hier wie dort wird das Provisorium immer mehr zum Dauerzustand. Es fehlt an sanitären Anlagen und an Trinkwasser. Kurz vor unserem Besuch wurde ein erster Todesfall von Cholera registriert.

USAID (Behörde der Vereinigten Staaten für internationale Entwicklung) hat ein Gesundheitszentrum eingerichtet.

Am Hügel, wo Terrassen gebaut und ein Teil der neuen Unterkünfte entstehen sollen, wurden soeben vier Unterkünfte aus Holz auf einem Betonfundament fertiggestellt. "Gewisse NGOs bauen die Unterkünfte irgendwo, ohne jegliche Koordination mit anderen Projekten, nur um zufriedenstellende Zahlen für die Spender zu schaffen."

Auf der anderen Seite des Hügels steht ein Haus kurz vor der Fertigstellung. "Die Leute haben sicher von unserem Projekt gehört und die Gelegenheit ergriffen, sich hier zu installieren", sagt René Schärer. Weiter unten, am Ort, wo schon bald die Bulldozer einfahren sollten, leben weitere Familien. Die Unterkünfte, die an ihre Zelte grenzen, zeugen noch deutlich von den  Spuren des Erdbebens. Sie lebe seit mehr als 20 Jahren hier, sagt uns eine alte Frau.

"Plan B"

"Bereits vor dem Erdbeben hatten hier Menschen illegal Behausungen aufgebaut", sagt René Schärer. Laut Schärer werden die Familien in das Projekt involviert. Die Herausforderung wird allerdings sein, zu entscheiden, wer Recht auf eine Unterkunft hat und wer nicht. "Der Bürgermeister hat versprochen, dass alles zerstört werde", sagt Jean-Joseph Blavette. Und was wird aus den dort lebenden Familien? "Wir sind alle Haitianer und bereit, einen Teil der Häuser den Betroffenen zuzusprechen", sagt er nur.

Angesichts all dieser Hindernisse und der Zeit, die zum Handeln drängt, denkt René Schärer an einen "Plan B", wie er sagt. So könnten etwa die Unterkünfte auf einem grösseren Gebiet gebaut werden. Doch auch bei dieser Lösung drohen Rechtsprobleme ums Grundeigentum eine schnelle Umsetzung zu verhindern.

Der Bürgermeister hat keine Kenntnis von einem anderen Wiederaufbau-Projekt in Petite Guinée. Den Betroffenen bleibt nichts anderes übrig, als wie Hunderttausende andere Haitianer mit dem Provisorium zu leben. Und zu beten, dass der Himmel, das Meer und die Erde ihr Schicksal nicht noch einmal auf die Probe stellt.

Über 800'000 Haitianer leben noch immer in Notlagern

Ein Jahr nach dem verheerenden Erdbeben in Haiti leben noch immer mehr als 800'000 Menschen in dem Karibikstaat in Notlagern. Ursprünglich waren laut UNO-Angaben 1,5 Millionen Menschen obdachlos gewesen.

  

Laut UNO leben noch 810'000 Menschen in insgesamt 1150 provisorischen Einrichtungen, die Zahl der Lager mit mehr als 1000 Familien sank von 39 auf 26.

Etwa 100'000 Menschen pro Monat würden die Camps derzeit verlassen. Von der internationalen Hilfe für den Häuserbau profitierten nach IOM- Angaben bislang mehr als 200'000 Erdbebenopfer.

Infobox Ende


(Übertragung aus dem Französischen: Corinne Buchser), swissinfo.ch


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