Navigation

Sprunglinks

Hauptfunktionen

Erste Retrospektive Pipilotti Rist - ein Weltstar kommt nach Hause

Pipilotti Rist, eine der erfolgreichsten Künstlerinnen der Gegenwart, wird in der Schweiz erstmals mit einer Retrospektive geehrt. Das Kunstmuseum St. Gallen, Rists Heimatstadt, zeigt eine Auswahl ihrer multimedialen Werke.

Laut dem Kunstkompass 2011, einer jährlich vom deutschen manager magazin veröffentlichten Rangliste, zählt die 50-jährige Pipilotti Rist heute zu den zehn wichtigsten Gegenwartskünstlern der Welt.

Die prestigeträchtigsten Museen der Welt, darunter das Museum of Modern Art (MoMA) in New York, haben sie mit Aufträgen bedacht. Die Ausstellung in St. Gallen wurde eigens für die Räume des Kunstmuseums zusammengestellt und umfasst rund 20 ältere und neue Werke.

Die farbenfrohe Schau unter dem Titel "Blutbetriebene Kameras und quellende Räume" zeigt Arbeiten unterschiedlichster Dimensionen, vom nur winzigen Video bis hin zu raumfüllenden Installationen.

Vom Guckloch zur raumfüllendenden Installation 

"Video und Töne sind nur eine mickrige Kopie unserer eigenen Sinne", sagt Pipilotti Rist im Gespräch mit swissinfo.ch. Daher versuche sie, mit verschiedensten Grössen zu arbeiten, "so als ob wir unsere Augen herausnehmen und in der Luft aufhängen würden."

Einige ihrer Werke entführen die Betrachterinnen und Betrachter zu Perspektiven, die eigentlich unmöglich sind. So in "La Belle Etoile (Unter freiem Himmel)", einer Video-Installation, die auf den Boden des Museums projiziert wird. Man hat einen Blick auf eine sich drehende Welt und ist gleichzeitig geladen, diese zu betreten, sie zu durchwandeln.

Konrad Bitterli, der Kurator der Retrospektive, gefällt insbesondere die Art und Weise, wie das Publikum gewissermassen Teil der Installation wird und in diese eintauchen kann. "Wir sind eingeladen, uns von ihren Bildern verführen zu lassen und mit den Installationen zu spielen."

Eine der Arbeiten mit Titel "St. Galler Antimateria" animiert zum Beispiel durch die Projektion eines Videos auf ein Gemälde von Camille Corot aus dem 19. Jahrhundert raffiniert den Himmel im Hintergrund und den See im Vordergrund des Bildes. Die verschiedenen Bereiche bleiben getrennt, das Video passt genau auf die Laubbäume und Berge im Vordergrund.

Eine andere Arbeit, "Selbstlos im Lavabad" (1994), ist nur gerade ein paar Zentimeter breit und im Fussboden eingelassen. Ein neues Werk von 2011, "Administrating Eternity", hingegen füllt einen ganzen Raum. In der Installation werden Bilder von blökenden Schafen auf Weiden auf halbtransparente Stoffbahnen projiziert, wer den Raum betritt, wird selber Teil des Kunstwerks.

"Neue Sprache" 

Rists Name gewann an Bedeutung, als ihre damalige Basler Galerie Stampa 1993 eine Einzelausstellung der Künstlerin ausrichtete und 1994 an der Art Basel nur Werke von Pipilotti Rist zeigte.

"Das sorgte für ziemliches Aufsehen", erinnert sich Gillian Stampa, die Direktorin der Galerie. "Einerseits, weil die Art und Weise, wie sie Video als künstlerisches Medium verwendete, eine völlig neue Sprache der bewegten Bilder nutzte, andererseits, weil sie eine deutlich weibliche Position einnahm, was die Subjekte ihrer Arbeiten anging."

Diese weibliche Perspektive ist zu einem Markenzeichen von Pipilotti Rist geworden. Verschiedene Werke in der Ausstellung drehen sich denn auch um wiederkehrende Themen wie Körper und Weiblichkeit.

So sind etwa ihre frühen bekannten Werke "Pickelporno" und "I'm not the Girl who misses much" (Ich bin nicht das Mädchen, das viel verpasst zu sehen. Und im Park vor dem Museum trifft man "Hiplights or Enlighted Hips" (Hüftlichter oder erleuchtete Hüften): An einer Wäscheleine baumeln Unterhosen, die von innen mit LED-Lämpchen beleuchtet werden. Rists Kunst mit ihrer farbenfrohen Bilderwelt und ihrem Charme ist zugänglich und einfach zu verstehen.

Bei der Eröffnung der Ausstellung erklärte die Künstlerin vor Medienschaffenden, ihre Kunst richte sich an alle, die "Chance, als Mann geboren zu werden liegt bei 50%."

Andere Werke in der Ausstellung stehen für weiter gefasste politische und soziale Fragen. So soll eine Installation in roter Farbe an die Opfer der Gefangenenlager in Nordkorea erinnern.

Künstlerinnen der obersten Liga 

Für Roland Wäspe, den Direktor des Kunstmuseums St. Gallen, hat Rist sich nicht von ihren feministischen Überzeugungen entfernt. "Eine Feministin zu sein bedeutet, als Individuum autonom zu sein. Indem sie als weibliche Kunstschaffende Erfolg hat, verwandelt Pipilotti diese technische Welt aus einer Männerwelt in eine Welt, die allen zugänglich ist. In diesem Sinne ist ihr Werk eben feministisch."

Kurator Konrad Bitterli hingegen bezweifelt, dass das Etikett "Feministische Kunst" im Falle von Rists Kunst wirklich hilfreich ist. "Jede Art von Etikettierung ist schlecht für ein Kunstwerk und für die Wirkung, die Kunst haben kann, denn sie limitiert die Perspektiven, mit der wir ihr begegnen. Einige Künstlerinnen legen Wert darauf, als feministische Künstlerinnen bekannt zu sein, aber die meisten wollen in erster Linie als Kunstschaffende bekannt sein."

Nach Ansicht des Kunstmarktexperten Jörg Lederle wirken sich solche Etiketten nicht auf den Verkauf von Kunstwerken aus. "Wir haben viele Schweizer Künstlerinnen, die in der ersten Liga spielen", sagte Lederle.

Neben Rist erwähnt er Sylvia Bächli und Sylvie Fleury. Investoren beurteilten Kunst nicht aufgrund solcher Kriterien. "Für einen Sammler ist nicht wichtig, ob ein Kunstwerk von einem Mann oder einer Frau stammt. Wichtiger ist, wie man auf ein Kunstwerk reagiert, ob es eine Botschaft transkribiert. Es ist der Inhalt, der wichtig ist." 

Inkognito im Publikum 

Schweizer Künstlerinnen mit einer eigenen Identität haben die jüngere Kunstgeschichte des Landes geprägt. Meret Oppenheim bewegte sich zwar im Kreis der Surrealisten, dennoch entstand ihr bekanntestes Werk "Object (Le déjeuner en fourrure)" aus einer klar weiblichen Perspektive heraus. Der Name der Künstlerin lebt auch in der Form des Prix Meret Oppenheim weiter, der jährlich vom Bundesamt für Kultur vergeben wird.

Eine weitere Künstlerin, Niki de Saint Phalle, wurde 1971 durch ihre Heirat mit dem Schweizer Künstler Jean Tinguely Schweizerin. Ihr unverwechselbarer Stil kann im Hauptbahnhof Zürich betrachtet werden, wo eine ihrer farbenfrohen Skulpturen, "L'ange protecteur" (Der Schutzengel) von der Decke hängend über die Reisenden wacht.

1994, in den frühen Jahren von Rists Karriere, hatte das Kunstmuseum St. Gallen zum ersten Mal eine Auswahl ihrer Werken gezeigt. Die jetzige Retrospektive ist also auch eine Art Heimkehr. Hat die Künstlerin Pläne, das Museum zu besuchen, um zu sehen, wie ihre Landsleute auf die Schau reagieren werden?

"Ja, ich mag es, wie eine normale Besucherin in meine Ausstellungen zu gehen und im Gespräch mit Menschen aus dem Publikum herauszufinden, was sie wirklich denken und sagen. Ich werde es so oft als möglich tun. Ich werde aber keine Brille und die Haare offen tragen."

Pipilotti Rist

1962 geboren in Grabs, Kanton St. Gallen.

Von 1982 bis 1986 studiert sie Gebrauchs-, Illustrations- und Fotografik an der Hochschule für Angewandte Kunst in Wien.

1986–1988 studiert sie Audiovisuelle Kommunikation (Video) an der Schule für Gestaltung in Basel.

Noch während des Studiums in Basel entstehen ihre ersten freien Videoarbeiten und Installationen.

Danach ist sie als freiberufliche Grafikdesignerin in verschiedenen Video-Studios tätig.

Von 1988 bis 1994 ist sie Mitglied der Musik-Performance-Gruppe "Les Reines Prochaines", mit der sie mehrere Platten veröffentlicht.

1997 ist sie erstmals auf der Biennale in Venedig vertreten und wird dort mit dem Premio 2000 ausgezeichnet.

2002 Gast-Professur an der UCLA Los Angeles.

2005 ist sie erneut zur Biennale Venedig eingeladen, wo sie die Videoarbeit "Homo sapiens sapiens" in der Barockkirche San Stae zeigt.

Zwischen 2005 und 2009 produziert sie ihren ersten Spielfilm "Pepperminta".

Seit 2004 lebt und arbeitet Pipilotti Rist in Zürich und in den Schweizer Alpen.

Ihre Lieblingszahl ist 54. Sie hat etwas gegen Tabus und Stereotypen.

Infobox Ende

Retrospektive St. Gallen

Die Retrospektive unter dem Titel "Blutbetriebene Kameras und quellende Räume" ist die erste umfassende Einzelausstellung von Pipilotti Rist in der Schweiz.

Die Ausstellung ist bis zum 25. November im Kunstmuseum St. Gallen zu sehen.

In der in Kooperation mit der Londoner Hayward Gallery und der Kunsthalle Mannheim konzipierten Schau sind 20 Werke der Künstlerin zu sehen.

Infobox Ende


(Übertragung aus dem Englischen: Rita Emch), swissinfo.ch


Links

×