Navigation

Meisterwerke aus Holz

Kirchner, Bauer mit Kuh, 1925. Kirchner Museum Davos

Der deutsche Expressionist Ernst Ludwig Kirchner ist vor allem als Maler und Zeichner bekannt. Doch auch bildhauerisch war er tätig.

Dieser Inhalt wurde am 03. Januar 2003 - 15:45 publiziert

Zum ersten Mal zeigt nun das Kirchner Museum in Davos sein plastisches Werk.

Untrennbar ist Davos mit Ernst Ludwig Kirchner verbunden. Der deutsche Expressionist lebte von 1918 bis zu seinem Freitod 1938 im Schweizer Kurort. Er schuf dort einen grossen Teil seiner Werke - seiner malerischen, aber auch seiner plastischen Werke.

In der Ausstellung mit dem Titel "Ernst Ludwig Kirchner - Das plastische Werk" zeigt das Kirchner Museum in Davos jetzt rund 50 Werke des Künstlers.

Geballte Erotik

Kaum betritt man das Museum, prallt man auf unmittelbare, direkte Erotik. Eva und Adam - geschnitzt aus Holz und übergross, sie mit einer Blume unter dem Busen, er im Zustand der Erregung - stehen als Torwächter gleich am Anfang der Ausstellung.

Dahinter: opulente Hüften, nackte Tänzerinnen, Früchteschalen, gehalten von nackten Figuren.

Es sind alles Skulpturen von Ernst Ludwig Kirchner, die sein anfangs rein von Erotik geprägtes Verhältnis zu Frauen darstellen, und die ihm, wie Museumsleiter Roland Scotti erzählt, auch immer wieder Probleme einbrachten - insbesondere in seiner zweiten Heimat Davos:

"Er hatte Probleme mit seinen Vermietern. Ihm wurde nach fast fünf Jahren Aufenthalt wegen unsittlichem Verhalten gekündigt. Das hatte damit zu tun, dass die Figuren Adam und Eva vor dem Haus standen. Aber auch damit, dass Kirchner so fast jede Frau, die ihn besucht hat, aufgefordert hat, ihm nackt Modell zu stehen - und zwar nicht im Haus, sondern in der freien Natur."

Kameradschaftsehe und Zweieinheit

Später - im Alter - ändert sich Kirchners Verhältnis zur Frau: Er entdeckt deren geistige Ebene, spricht von Kameradschaftsehe und Zweieinheit. Auch die Skulptur ändert sich: Sie wird repräsentativer. Bauern oder alte Männer werden dargestellt und Gebrauchsgegenstände, Möbel oder Hausbalken aus Holz gehauen.

Während fast 30 Jahren schuf Kirchner Skulpturen. Die Plastik war für ihn keine Nebenbeschäftigung, sondern ein Hauptweg seiner künstlerischen Gestaltung, ein Muss für die Entwicklung und Gestaltung seines Lebens und seiner Vorstellung eines Gesamtkunstwerkes. Ohne die Plastik hätte er die anderen Medien - Malerei, Zeichnung, Druckgraphik - nicht ausschaffen können, so Kurator Roland Scotti.

Klischee "Primitivismus"

Kirchners plastischem Schaffen wurde jedoch lange Zeit kaum Aufmerksamkeit geschenkt. Sie wurde mit dem Klischee "Primitivismus" abgehandelt.

Denn damals, um 1900, lehnte die künstlerische Elite Europas die überholte Akademisierung der offiziellen Kunstbetriebe ab und entdeckte die Stammeskunst aussereuropäischer Völker.

Kirchner ist von afrikanischen Skulpturen begeistert. Doch er kopiert nicht einfach, sondern entwickelt einen eigenen Stil. Er übernimmt die monumentale Einfachheit, die direkte Bearbeitung, die kompakten Körper und verarbeitet sie nach europäischer Tradition.

Kompakt in der Form, rhythmisch im Ausdruck

Kirchners Figuren sind ausdrucksstarke, lebendige, dynamische Gestalten. Ihre Form ist schlicht, oft rau gar, ihr Ausdruck unmittelbar. "Es scheint", sagt Kurator Roland Scotti, "als hätte Kirchner dem Stück Holz Leben eingehaucht".

Doch nicht nur die Form, auch die Art, wie Kirchner das Holz bearbeitet, strahlt Rhythmus aus. Der Prozess, die Schnitte des Messers, die Hiebe des Beils sind deutlich nach zu vollziehen. Das Holz lebt, stöhnt, schreit, erzählt und die Figur tanzt, schaut, provoziert, lockt.

swissinfo, Carole Gürtler

Fakten

Ernst Ludwg Kirchner, Das plastische Werk
Kirchner Museum Davos, noch bis 23.03.2003
Im Rahmen der Ausstellung erscheint das Werkverzeichnis der plastischen Arbeiten Kirchners, bearbeitet und herausgegeben von Wolfgang Henze, Bern, ca. 400 Seiten, ca. 850 Abb.

End of insertion

In Kürze

Kirchner schuf rund 140 Skulpturen während fast 30 Jahren. Er gehört zu den Begründern der modernen Holzskulptur.

Seine Figuren zeichnen sich durch ausdrucksstarke Formen und rhythmische Verarbeitung nach afrikanischer und europäischer Tradition aus.

End of insertion

Artikel in dieser Story

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Webseite importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@swissinfo.ch

Diskutieren Sie mit!

Diesen Artikel teilen

Diskutieren Sie mit!

Mit einem SWI-Account erhalten Sie die Möglichkeit, Kommentare auf unserer Webseite sowie in der SWI plus App zu erfassen.

Login oder registrieren Sie sich hier.