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Rätoromanisch steht vor einer stillen Zukunft

Der Weg in die Zukunft ist für das Romantsch unsicher.

(swissinfo.ch)

Das Rätoromanische, eine auf das Latein zurückgehende Sprache, wird immer marginaler. Während Hunderten von Jahren hatte die Sprache in den abgeschiedenen Tälern Graubündens überlebt.

Doch der gesellschaftliche Wandel und der Vormarsch des Deutschen führten dazu, dass die Zahl der Romantsch Sprechenden stets kleiner wird.

Heute sprechen noch 0,5% der Schweizer Bevölkerung rätoromanisch – gegenüber 1,1% im Jahre 1910.

Auch das Kernland des Rätoromanischen im Kanton Graubünden, im Südosten der Schweiz, ist in den vergangenen Jahrzehnte deutlich geschrumpft. Heute wird vor allem noch im Unterengadin und in der Surselva rätoromanisch gesprochen. Dazu kommen einige weitere kleinere Nischen.

Gründe für den Rückgang sind unter anderem die wirtschaftliche Entwicklung des Graubündens und die gewachsene Mobilität. Das Aufkommen von Tourismus und Industrie zog eine Vermischung der Kulturen nach sich. Und die Notwendigkeit, auch andere Sprachen zu sprechen.

Zudem stirbt die alt hergebrachte ländliche Lebensart, in der das Romantsch tief verwurzelt war, immer mehr aus.

"Romantsch wird heute vor allem noch im Privatbereich, in der Familie und im sozialen Kontext gesprochen", sagt Constantin Pitsch von der für Sprachen zuständigen Sektion Kultur und Gesellschaft im Bundesamt für Kultur gegenüber swissinfo.

Hingegen werde das Rätoromanische im Arbeitsleben nicht mehr häufig gebraucht. "Das macht Romantsch auch fast automatisch zu einer gesprochenen und nicht geschriebenen Sprache", so Pitsch weiter.

Emigration

Pitsch ist selber Rätoromane. Seine Heimat im Val Müstair (Münstertal) hat er verlassen und zog in die Schweizer Hauptstadt Bern. Wie er leben heute schätzungsweise 38% der romanisch sprechenden Bevölkerung ausserhalb des Kantons Graubünden.

Anton Killias, ein führendes Mitglied der grössten rätoromanischen Exilgemeinde im deutschsprachigen Zürich, führt das auf die mangelnden beruflichen Aussichten in der engeren Heimat zurück.

"Zürich ist die grösste Wirtschaftsmetropole der Schweiz und damit sehr attraktiv. Wer eine Universität besuchen will, muss aus dem Graubünden wegziehen. Und Zürich ist am nächsten. Viele bleiben danach hier", sagt Killias im Gespräch mit swissinfo.

Ein anderer Faktor, der zum Rückgang des Romantsch beiträgt, ist das Fehlen einer einheitlichen romanischen Identität. So gibt es im Kanton Graubünden fünf romanische Idiome, die sich teilweise recht stark voneinander unterscheiden.

Es gibt also kein eigentliches linguistisches Zentrum des Rätoromanischen. So ist auch die Hauptstadt Chur seit dem 16. Jahrhundert deutschsprachig.

Die rätoromanische Gemeinschaft bleibt daher zersplittert. Sie hat zudem die Tendenz, sich gegen "pan-romanische" Projekte wie jene der Standard-Sprache Rumantsch Grischun zu stellen.

Deutsch

Doch die vielleicht grösste Bedrohung erwächst dem Romantsch wahrscheinlich vom Deutschen. Dieses hat sich in den letzten 50 Jahren auf immer grössere Gebiete im Graubünden ausgedehnt – zu Lasten der andern beiden offiziellen Kantonssprachen.

1950 waren 56% der Bevölkerung im Kanton deutschsprachig, 29% sprachen Romantsch und 13% Italienisch.

Bei der Volkszählung im Jahr 2000 war der Anteil des Deutschen auf 68% gestiegen, Romanisch sprachen noch 15% und Italienisch 10%.

Deutschsprachige ziehen vor allem wegen der Arbeit oder aus familiären Gründen in die romanischen Stammlande. So sind schätzungsweise rund 50% der Eheleute nicht romanischer Muttersprache.

"In vielen dieser gemischten Familien wird Deutsch gesprochen. Sobald die Familien die lokale Sprache nicht mehr reden, besteht für das ganze Gebiet die Gefahr, dass es deutschsprachig wird", sagt Andrea Rassel von der Lia Rumantscha, der Organisation zur Erhaltung und Förderung des Romantsch.

Viele Rätoromanen sind heute zweisprachig, meist ist Deutsch die zweite Sprache. Es ist auch die Sprache, die sie am Arbeitsplatz sprechen und in der sie sich über das Geschehen in der Welt informieren.

Das kann zu Problemen führen, wenn danach gefragt wird, welche Sprache denn die wichtigste ist. In der letzten Volkszählung von 2000 hatten nur gerade noch rund 35'000 Menschen Romantsch als ihre Hauptsprache bezeichnet.

Statistiken

Für Bernard Cathomas, den Direktor des öffentlich-rechtlichen Radio und Fernsehens der Rätoromanischen Schweiz (RTR), war die Formulierung der Frage mit ein Grund, wieso die Zahl so niedrig war. Sie habe schlicht nicht in Betracht gezogen, wann Romantsch gesprochen werde, zum Beispiel ausserhalb der Arbeitswelt.

"Tatsächlich sprechen in der Schweiz mehr als 100'000 Menschen Romantsch. Eine Zahl, die man nie hört", so Cathomas gegenüber swissinfo.

Die Behörden von Bund und Kanton bemühen sich darum, das Romantsch am Leben zu halten. Die Minderheiten-Sprache geniesst zudem auch rechtlichen Schutz. Und die Schweizerische Radio- und Fernsehgesellschaft (SRG) – die Muttergesellschaft von swissinfo und RTR – eröffnete jüngst ein neues Medienzentrum in Chur.

Cathomas und Rassel erklären zwar, in den vergangenen Jahren zeige vor allem die jüngere Generation ein erneutes Interesse für das Romantsch. Dennoch bleibt die statistische Möglichkeit, dass die Minderheiten-Sprache innerhalb einiger Dekaden aussterben könnte.

"Das könnte passieren", räumt Rassel ein. "Es hängt wirklich davon ab, ob es uns gelingt, das Steuer herumzureissen."

"Wenn die Bevölkerung absolut sicher ist, auch weiter Romantsch sprechen zu wollen, wird sie sich entsprechend anstrengen. Wenn das aber nicht passiert, wird es nicht gehen."

swissinfo, Isobel Leybold-Johnson in Bern und Chur
(Übertragung aus dem Englischen: Rita Emch)

Fakten

Für 0,5% der Schweizer Bevölkerung ist Romantsch die Hauptsprache.
Romantsch liegt auf Platz 11 der am meisten gesprochenen Sprachen in der Schweiz.
In der Schweiz sprechen mehr Menschen Serbisch, Englisch oder Türkisch als Romantsch.
Im Kanton Graubünden sprechen 15% der Bevölkerung Romantsch, 10% Italienisch und 68% Deutsch.
In den vergangenen 50 Jahren sank der Anteil der Romantsch Sprechenden im Graubünden um die Hälfte.

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