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Sommer-Theater um Rechtschreib-Reform

Dieser Schüler hat die orthografische Klippe "Schifffahrt" nicht erfolgreich umschifft.

(Keystone)

Ein Jahr vor Inkrafttreten ist in Deutschland der Streit um die Reform wieder aufgeflammt. Die Schweiz drängt auf die definitive Umsetzung der neuen Regeln.

Die Sprachexperten, welche die Reform konzipiert haben, nahmen am Montag in Wien eine Lagebeurteilung vor. Mit dabei war auch die Schweiz.

Anfang August hatten die beiden deutschen Grossverlage Springer und Spiegel sowie die "Süddeutsche Zeitung" angekündigt, dass sie zur alten Rechtschreibung zurückkehren würden. Mit dieser Ankündigung lösten sie einen neuen Wirbel um die Rechtschreib-Reform der deutschen Sprache aus.

Die Reform habe nicht die erhofften Vereinfachungen gebracht, sondern im Gegenteil die Verunsicherung über die richtigen Schreibweisen vergrössert, so die Begründung der drei Häuser.

Manche deutsche Politiker aus dem rechten Lager witterten denn sogleich eine Chance, sich mit dem "orthografischen Populismus" Stimmen für die nächsten Wahlen zu sichern.

Kein Abrücken

Die Konferenz der Kulturminister der deutschen Bundesländer, die in Deutschland für die Rechtschreib-Reform zuständig ist, will diese aber durchziehen.

Am Montag kamen die für die Rechtschreib-Reform zuständigen Behörden der Schweiz, Österreichs und Liechtensteins in Wien zu einer Sitzung zusammen.

Für die Schweiz nahm Hans Ambühl, Sekretär der Konferenz der Kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK), an den Beratungen teil, die wie erwartet ohne konkrete Ergebnisse blieb.

Von der Kommission zum Rat

An dem Treffen wurde über die Schaffung eines "Rates für die deutsche Rechtschreibung" gesprochen, in den auch Kritiker der Reform eingebunden werden sollen. Dieser Rat soll die "Zwischenstaatliche Kommission für die deutsche Rechtschreibung" ersetzen. Das ist das Expertengremium, das bisher für die Ausarbeitung des neuen Regelwerks verantwortlich war und dessen Mandat im kommenden Jahr abläuft.

Die Ergebnisse der Debatte vom Montag sollen in einen Entwurf einfliessen, der von deutscher Seite ausgearbeitet werde, erklärte die im österreichischen Bildungsministerium für die Rechtschreib-Reform zuständige Sektionschefin Heidrun Strohmeyer. Die Umsetzung der Neuregelung ist Sache der politischen Behörden der deutschsprachigen Länder.

Keine Debatte über neusten Wirbel

Über die Zukunft der Reform nach den jüngsten Entwicklung Anfang August habe man nicht gesprochen. Schon im Vorfeld des Treffens hatten die betroffenen staatlichen Stellen ihr Festhalten an der Reform bekräftigt.

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Appell an Deutschland

"Ich hoffe, dass die Kulturministerkonferenz hart bleibt, sonst droht ein Scherbenhaufen", hatte EDK-Präsident Hans Ulrich Stöckling gewarnt. Der St. Galler Regierungsrat ist der oberste Schweizer in der zwischenstaatlichen Kommission.

Bisher haben auch die Kulturminister der deutschen Bundesländer standgehalten: Im Juni beschlossen sie einstimmig, an der fahrplanmässigen Einführung der neuen Regeln auf 1. August 2005 festzuhalten.

Nachvollzug droht

Würde die Reform in Deutschland gekippt, müsste die Schweiz folgen, ist für Stöckling klar. "Sollte dies tatsächlich nötig werden, dann prophezeie ich das absolute Chaos im Unterricht."

Weder Schüler noch Lehrer wüssten dannzumal, welche Regeln gelten würden. "Dann droht die völlige Verwilderung der Sprache, da sich niemand mehr um irgendwelche Schreibregeln kümmern wird", so Stöckling.

Positives Fazit

"Mehrere Evaluationen haben gezeigt, dass die jungen Lernenden mit den neuen Regeln weniger Fehler machen als vorher." Stöcklings Position wird vom Dachverband Schweizer Lehrerinnen und Lehrer gestützt: "Man kann in der Schule nicht alle paar Jahre die Rechtschreibung umstellen", so Verbandspräsident Beat Zemp.

Weiteres Argument gegen ein Fallenlassen: Es müsste erneut auf neue Lehrmittel umgestiegen werden, was hohe Kosten verursache, so Stöckling.

Die Schülerinnen und Schüler in der Schweiz, in Deutschland, Österreich und Liechtenstein lernen seit 1998 die Rechtschreibung nach neuen Regeln.

Gegner mobilisieren

Der Sturm im deutschen Wasserglas verlieh auch den Reformgegnern in der Schweiz Aufwind. Anfang Juni veröffentlichten die Schriftsteller Adolf Muschg, Urs Faes und Pirmin Meier einen Aufruf gegen die Reform. Unterstützt wurden sie auch von Sprachwissenschaftern.

Die Initianten fordern von der EDK, die Reform auszusetzen und durch unabhängige Experten überprüfen zu lassen. Der Aufruf wurde allen Deutschlehrern an Gymnasien zugestellt. Noch ist unklar, wie viele Lehrerinnen und Lehrer unterschrieben haben.

Schweizer Verlage prüfen noch

Verlage nehmen nicht nur in Deutschland, sondern auch in der Schweiz eine Schlüsselrolle ein, was die Durchsetzung der Reform im Alltag betrifft. Doch im Gegensatz zum nördlichen Nachbarn wenden die grossen Schweizer Häuser - mit Ausnahme der "Neuen Zürcher Zeitung" - die neue Rechtschreibung an. Sie wollen ihr vorerst nicht den Rücken kehren.

Mehrere Chefredaktoren wollen aber nochmals über die Reform diskutieren, so beim "Tages-Anzeiger", bei Ringier ("Blick") und der Jean Frey AG ("Weltwoche"). Andere grössere Zeitungen wollen sich an der Haltung der Nachrichten-Agenturen orientieren.

Bei der Schweizerischen Depeschenagentur (sda) hiess es, die deutschsprachigen Agenturen müssten die Frage gemeinsam entscheiden. Zudem werde sich die sda mit der EDK absprechen.

Der Beschluss über die Einführung der Rechtschreib-Reform ist bindend für Schulen, in der Ausbildung und bei Prüfungen sowie für die Bundes-Verwaltung, erklärte Stöckling gegenüber swissinfo.

swissinfo, Renat Künzi

Fakten

Ziel der Reform ist die Vereinfachung der Regeln zur Rechtschreibung.
Wörter mit demselben Stamm werden gleich geschrieben: platziert, von Platz.
Logische Schreibweise zusammengesetzter Wörter: Schifffahrt statt Schiffahrt.
Zusammengesetzte Verben getrennt schreiben: Rad fahren statt radfahren.
Neu Gross- und Kleinschreibung: heute Morgen statt heute morgen.
Vereinfachung der Komma- und Trenn-Regeln.

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Fakten

Am 1. Juli 1996 die "Wiener Absichtserklärung zur Neuregelung der deutschen Rechtschreibung" unterzeichnet.
Für die Schweiz unterzeichnete der damalige Vizekanzler Achille Casanova.
Die Schweiz konnte sich bei der Reform Ausnahme-Regelungen ausbedingen (z. B. Sauce statt Sosse und Portemonnaie statt Portmonee).
Die Reform wurde auf den 1. August 1998 wirksam.
Für die Umsetzung der neuen Rechtschreibe-Regeln gilt eine Übergangszeit bis Ende Juli 2005.
Ab 1. August 2005 werden die neuen Regeln für Schule und öffentliche Verwaltung verbindlich gelten.

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In Kürze

Am 1. Juli 1996 wurde die "Wiener Absichtserklärung zur Neuregelung der deutschen Rechtschreibung" unterzeichnet.

Die Reform wurde auf den 1. August 1998 in den deutschsprachigen Ländern wirksam.

Für die Umsetzung der neuen Regeln zur Rechtschreibung gilt eine Übergangszeit bis Ende Juli 2005.

Bis dahin gilt auch die alte Rechtschreibung.

Ab 1. August 2005 gilt dann an Schulen und in Prüfungen einzig die neue Rechtschreibung.

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