Strategiewechsel bei den Terrororganisationen?

Mit minimalen Kosten maximalen Schaden angerichtet: Die Anschläge vom 11. September 2001. Keystone

Die islamische Terrororganisation al-Kaida hat die Effektivität ihrer "günstigen" Paketbombenanschläge gelobt, obwohl keine Explosion stattgefunden hat. Diese "neue Strategie" ist so neu jedoch nicht, wie zwei Schweizer Terrorismusexperten betonen.

Dieser Inhalt wurde am 24. November 2010 - 18:22 publiziert
Etienne Strebel, swissinfo.ch

Al-Kaida freut sich insbesondere über die Auswirkungen ihrer "neuen Strategie der 1000 Schritte" auf das Luftfrachtsystem. Die Gesamtkosten der Aktion hätten bloss 4200 Dollar betragen (Material und Versandkosten). Will die Organisation damit von einem "Versagen" ablenken, weil die Bomben nicht explodiert waren?

Daniel Möckli vom Center for Security Studies (CSS) der ETH Zürich will gegenüber swissinfo.ch keine eindeutige Antwort geben: "Es handelt sich einerseits um einen erzwungenen Strategiewechsel, hat doch die Fähigkeit von al-Kaida zu Grossanschlägen in den letzten Jahren stark abgenommen. Andererseits weist al-Kaida mit Recht darauf hin, dass sich auch mit kleinen - und selbst mit gescheiterten - Anschlägen grosse Wirkung erzielen lässt."

Dann hat also die Investition der 4200 Dollar tatsächlich den Westen zu Milliardenausgaben gezwungen, wie es heisst? Möckli wiegelt ab: "Der Ausdruck 'Milliardenausgaben' ist wahrscheinlich übertrieben. Aber es stimmt, dass ständig neue Sicherheitslücken geschlossen werden müssen. Das kostet." Als schlimmer betrachtet er jedoch die psychologischen Auswirkungen, die ständige Angst vor dem Terror und das damit verbundene Misstrauen in der Bevölkerung.

"Neue Kommunikationsstrategie"

Sita Mazumder, Professorin an der Hochschule Luzern und Projektleiterin am Institut für Finanzdienstleistungen Zug (IFZ), ist der Ansicht, dass diese Mittel immer schon von al-Kaida genutzt wurden. "In den Medien wird das nun als Strategiewechsel bezeichnet. Ich würde mich aber nicht darauf verlassen, dass in Zukunft keine grösseren Anschläge mehr möglich sind oder durchgeführt werden."

Es handle sich also eher um eine neuartige Kommunikationsstrategie als um einen Strategiewechsel. "In Bezug auf grössere Anschläge bin ich der Meinung, dass diese Gefahr noch nicht gebannt ist. Betrachtet man die Kostenstrukturen, wird klar, dass auch mit relativ geringen Finanzmitteln grössere Anschläge durchgeführt werden können", so Mazumder.

Gesamte Informationsbandbreite

Die Professorin hat vor einigen Monaten das Buch "Das Geschäft mit dem Terror" herausgegeben. Darin listet sie auf, wie sich Terrororganisationen wie etwa al-Kaida finanzieren, wie viel sie in Terroranschläge investieren und welche Schadenssumme sie erzeugen.

Sie kommt dabei zum Schluss, dass die "9/11-Attentate", die am 11. September 2001 unter anderem auf die Twin Towers in New York und das Verteidigungsministerium "Pentagon" in Washington verübt wurden, die Terrororganisation al-Kaida rund 500'000 Dollar gekostet haben, der angerichtete Schaden sich jedoch auf 32 Milliarden Dollar beläuft (Aufschlüsselung siehe Kasten rechts).

Gestützt hat sich Sita Mazumder bei ihrer Forschungsarbeit nur auf öffentlich zugängliche Daten. "Da gab es zum Beispiel den offiziellen 9/11-Commission-Report. Ich zog aber auch Medien- und Forschungsberichte heran, die zum Beispiel untersuchten, ob es sich bei den Optionsgeschäften im Vorfeld um Insidergeschäfte gehandelt hatte."

Sie habe die gesamte Bandbreite der zugänglichen Informationen betrachtet. "Normalerweise pickt man sich ein Element raus, wie Medien- oder Behördenberichte. Dabei muss man in Kauf nehmen, dass die Aussagen auch divergieren können. Entsprechend mussten wir dann mit Zweit- oder Drittmeinungen oder eigenem Empfinden einen Konsens finden."

Unendliches Leid und kalte Zahlen

Mazumder hat für ihre Publikation keine Kontakte zur Terrorszene geknüpft. "Nein, das war nicht die Idee dieser Publikation. Wir wollten einfach die Kostenseite transparent machen."

Wenn man ein Phänomen wie den Terrorismus bekämpfen wolle, müsse man es in allen Facetten verstehen. Und eine dieser Facetten sei eben der monetäre Aspekt. Sie betont nachdrücklich: " Es lag niemals in meiner Absicht, Tote oder Ängste in Zahlen, in Geldwerte aufzurechnen."

Aber sie verspürte auch bei sich selbst einen gewissen Widerstand, "mich mit diesen Zahlen, mit Geld zu beschäftigen angesichts des unendlichen Leids, der Angst der Menschen, die davon betroffen wurden. Vor diesem Hintergrund mit Zahlen, Franken und Dollar zu rechnen, das fühlt sich nicht gut an."

Ihr sei es jedoch darum gegangen, diesen Teilaspekt des Phänomens darzustellen, nachdem in der Schweiz und im Ausland Finanzmarkt-Regulierungsbehörden zunehmend Massnahmen erlassen hätten, welche Finanzinstitute verpflichteten, "solche Geldströme zu erkennen, oder zu überwachen, ob sie in Zusammenhang zur Terrorszene stehen."

Unüberwindbare Hindernisse

Ausdrücklich betont die Finanzmarktspezialistin, sie sei nicht gegen eine Regulierung der Banken und Finanzinstitute. Eine Überwachung der Geldströme sei wichtig. Aber angesichts der geringen Summen, die moderne Terroranschläge heute kosteten, sei es sehr schwierig, deren Finanzierung zu überwachen.

"Die Anschläge auf die Zuglinien von Madrid 2004 haben den Terroristen rund 10'000 Dollar Kosten verursacht. Und das waren bereits die teureren. Beim Bombenanschlag in London von 1993 waren es lediglich 5000 und der Anschlag in London 2005 kostete bloss 1000 Dollar."

Diese Beträge würden zudem nicht als Ganzes überwiesen, sondern aufgeteilt, erklärt sie weiter. "Wir sprechen so von Überweisungsbeträgen von ein paar hundert, bei 9/11 von tausend Franken." Angesichts der Masse der weltweit getätigten Überweisungen könnten die Finanzinstitute auch beim besten Monitoring-System nicht erkennen, welche Zahlungen für Terroristen bestimmt seien und welche nicht.

"Und so frage ich, macht es denn Sinn, dass wir uns so stark darauf abstellen, die Banken dazu zu verpflichten, diese Geldströme zu erkennen? Sind wir sicher, dass so kein Terrorgeld mehr transferiert werden kann? Ich glaube, da befinden wir uns ein bisschen auf dem Holzweg."

Terrorkosten

Sita Mazumder schätzt die Kosten des 9/11-Anschlags auf rund 500'000 Dollar. Die Schäden beziffert sie auf 32 Mrd. Dollar.

Direkte Kosten für die 9/11-Terroristen:
Planung, Lebenshaltungskosten der Terroristen wie Miete und Verpflegung, Erstellung eines Durchführungsplans, Materialkosten, Ausbildungen wie Flugunterricht. Eingeschlossen sind auch die Zahlungen an die Angehörigen der Terroristen, die für deren Freitod entschädigt werden.

Direkte Schadenskosten:
Sachbeschädigungen der Flugzeuge, Infrastrukturkosten bei den World Trade Centers und beim Pentagon, inklusive öffentlicher Verkehr, Kosten für Rettung, Bergung, Hilfs- und Aufräumkosten, Wiederherstellungskosten (noch nicht abgeschlossen).

Auch die Tourismusbranche inklusive der Luftfahrtindustrie leidet nach den Anschlägen stark, die Reiseaktivität geht stark zurück.

Die Rückversicherungs-Branche wird direkt schadenspflichtig. Daraus erwachsen auch indirekte Kosten: Prämienanstieg.

Zur Berechnung gehören auch Gewinnausfälle und Produktivitätseinbussen bei Firmen mit Büros im World Trade Center.

Da genaue Berechnungen schwierig sind haben Berechnungen für die Folgekosten eine Bandbreite von 10 bis 100 Mrd. Dollar, eine gewaltige Hebelwirkung angesichts der "Investitionskosten" von 500'000 Dollar.

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