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Sünden der Vergangenheit Die Opfer der Zwangsversorgungen haben das Wort

Ehemalige Opfer bei der Lancierung der Volksinitiative am 31. März 2014 in Bern.

(Keystone)

Bis 1981 wurden in der Schweiz 100'000 Kinder aus ärmlichen Verhältnissen in Familien oder in Institutionen fremdplatziert. Immer mehr dieser Opfer überwinden ihre Scham und verlangen nach Wiedergutmachung und Ankerkennung. swissinfo.ch hat vier von ihnen getroffen.

Es ist morgens um neun und es ist kalt in diesem verlorenen Sommer. Er ist 1 Meter 90 gross und wartet im Auto vor seinem Haus. "Er", das ist Clément Wieilly, der Gründer der Westschweizer Vereinigung "Agir pour la dignité"externer Link(Agieren für die Würde), die sich für ehemalige Verdingkinder und die Schaffung eines Entschädigungsfonds über 500 Millionen Franken einsetzt. Heute wird er vier Opfer treffen, die zwangsplatziert wurden.

Auf der anderthalbstündigen Fahrt hat er Zeit, mir über seine gestohlene Kindheit zu und seine Jugend zu erzählen.

Energie für die Opfer einsetzen

Erfahrungen von Clément Wieilly Erfahrungsbericht von Clément Wieilly

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"Ich wurde 1944 in Freiburg geboren. Meine Familie war mausarm und ich wurde zusammen mit meinen zwei Brüdern im Alter von 3 Jahren dem Sozialdienst übergeben.

Ich wurde mit mangelhafter Ernährung, Körperverletzungen und sexuellem Missbrauch konfrontiert. Was mir vor allem fehlte, war die Zuneigung. Neben dem Waisenhaus war das Militär stationiert. Eines Tages war ich allein im Gang und ein Offizier in seiner schönen Uniform hat mit mir gesprochen. Am nächsten Tag brachte er mir ein Spielzeug mit und ich fragte ihn, ob er nicht mein Papa werden wolle. Er erklärte mir, das sei nicht so einfach.

Im Alter von 14 Jahren wurde ich bei Bauern platziert. Ich musste schuften und schlief in der Schule ein. In drei Jahren habe ich 15 Franken verdient. Danach bin ich wieder in ein Heim gekommen und habe eine Lehre als Spengler absolviert. Nach vier Jahren musste ich diesen Beruf wegen gesundheitlicher Probleme aufgeben. Was mit geholfen hat in meinem Leben, das ist der Sport. Mit grosser Anstrengung bin ich Sportlehrer geworden.

Als die Archive geöffnet wurden, habe ich entdeckt, dass meine Mutter nicht verschwunden war, wie man mir gesagt hatte. Mein Vater – ein Vagabund – hatte sie verlassen und sie war nicht in der Lage uns zu ernähren. Sie ersuchte den Staat um finanzielle Hilfe, doch die Behörden haben uns voneinander getrennt. Ich habe auch erfahren, dass ich eine 66-jährige Schwester im Aargau habe. Ich habe sie kürzlich getroffen."

Für Clement Wieilly, änderte sich alles im Frühjahr 2013, als die Schweizer Justizministerin Simonetta Sommaruga ehemalige Verdingkinder zu einer Entschuldigungs-Zeremonie einlud. "Ich ging nach Bern und habe beschlossen, zu handeln. Das war die Chance meines Lebens."

Die Medien zeigten Interesse an seiner Geschichte, sein Name wurde bekannter. "Meine Mediatisierung hat die Aufmerksamkeit von anderen Opfern angezogen. Bis heute haben mich 500 Menschen kontaktiert. In zehn Monaten bin ich 6000 km gereist, um mit ihnen zu sprechen und  ihnen zu helfen, an ihre Geschichten in den Archiven zu gelangen."

Kürzlich hat der Bund einen Notfall-Fonds für die Hilfe geschaffen und es gibt Bestrebungen einen Wiedergutmachungsfonds einzurichten. Die Idee einer Vereinigung ist ihm spontan gekommen. Deren Präsidentin ist die sozialdemokratische Freiburger Nationalrätin Ursula Schneider Schüttelexterner Link. Sie vertritt die Opfer gegenüber der Politik. Clément Wieilly engagiert sich sehr stark. "Aus der Distanz reagiere ich weniger emotional. Ich habe Distanz genommen zu meiner Geschichte, denn ich will all meine Energie einsetzen, um den andern Opfern zu helfen.

"Inzwischen hat es zu Nieseln angefangen, es ist 11 Uhr, das GPS meldet "am Ziel angekommen". Die 71-jährige Rose-France empfängt uns in ihrer Wohnung, wo sie mit ihrem zweiten Mann lebt. Auf dem Tisch liegen Bücher ihrer Grosskinder. Mit zitternder Stimme erzählt sie von hartem Brot, Bettnässen, Angst vor der Dunkelheit. "Das schlimmste war die fehlende Zuwendung und dass man sich schuldig fühlt, obschon man eigentlich ein Opfer ist."

Erfahrungen Rose-France "Die Wut hat mir geholfen"

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"Ich wurde 1943 in Lausanne als letztes von fünf Kindern geboren.

Wir wurden alle zwangsplatziert. Man liess damals die Kinder nicht bei alleinstehenden Müttern aufwachsen, denn dieses hatten schwere Fehler begangen, wie die Leute sagten.

Im Alter von 2 Monaten kam ich in eine Kinderkrippe und mit 2 Jahren zu Ordensschwestern. Ich wurde mit Schlägen erzogen und ich musste arbeiten und beten. Wer das Bett nässte, musste die Leintücher selber waschen. Mit 13, als ich die Periode hatte, wollte sich eine Schwester um meine Intimtoilette kümmern. Ich bin zu meiner Mutter geflüchtet, aber sie war inzwischen mit einem Fremdenlegionär verheiratet, der trank und mich schlug. Er hat mich mit 15 auf die Strasse gestellt. Meine ältere Schwester hat mir geholfen, aber ich habe die Schule nicht abgeschlossen. Ich habe Gelegenheitsarbeiten gemacht, bis mir eine Bekanntschaft zu einem Job auf einer Bank verholfen hat. Dort habe ich bis ins Jahr 2000 gearbeitet.

Meinen Vater habe ich 4 Mal gesehen. Das letzte Mal 1969, ein Jahr vor seinem Tod, in einem Restaurant. Ich habe mich absichtlich neben ihn gesetzt, aber er hat mich nicht erkannt. Ich hatte einen Mann, der mich geschlagen hat und ich musste die Kinder alleine aufziehen. Mein Sohn kennt meine Geschichte, aber meiner Tochter habe ich nichts erzählt. Sie ist zu aufmüpfig. Sie ist seit einem Unfall invalid und ich habe Angst, dass man ihr ihren 14-jährigen Sohn wegnimmt. Ich habe den Eindruck, dass sich meine Geschichte ständig wiederholt. Was mir hilft? Die Wut."

Begegnung mit Rose-France

Clément Wieilly lädt Rose-France zur nächsten Versammlung ein. Er überlässt ihr Unterschriftenbögen für die Volksinitiative und erzählt vom Notfall-Fonds. "Ich habe kein Geld beantragt, denn ich erfülle die Bedingungen nicht", sagt sie. Doch, wenn sie dereinst Geld erhalten würde, ginge sie "an die Sonne" oder würde ihrer behinderten Tochter ein Occasions-Auto kaufen.

Wir verlassen Rose-France und treffen um 14 Uhr am Bahnhof Sitten Rose-Marie. Die 78-jährige geht an einer Krücke. "Ich wurde vor zwei Jahren überfallen, man hat mir die Tasche gestohlen. Resultat: ein gebrochener Hüftknochen und kaputte Zähne. Da ich ein Herzproblem habe, will mich keiner operieren. Ich habe ständig Pech." Wir gehen in ein Kaffee und sie erzählt uns ihre Geschichte, unterbrochen von Tränen und selbstironischem Lachen.

"Es hat mir gut getan, das alles zu erzählen", sagt Rose-Marie mit leuchtenden Augen und einem kämpferischen Lachen. "Ich will alles anprangern, was mir passiert ist. In einem so reichen Land wie der Schweiz habe ich nie Menschlichkeit erlebt."

Erfahrungen Rose-Marie "Habe nie Menschlichkeit gesehen"

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"Ich wurde 1936 im Kanton St. Gallen geboren. Wir waren drei Kinder, unsere Mutter starb mit 25 Jahren in einer psychiatrischen Klinik.

Mein Vater hat uns immer gesagt, die Ärzte hätten sie getötet. Er war Musiker und konnte nicht für uns schauen. Man hat uns in ein Waisenhaus gesteckt. Wir wurden misshandelt, wir hatten Hunger und die Schwestern wurden alle 4 Jahre ausgewechselt, damit sie uns nicht zu stark an uns gewöhnten.

Mit 14 kam ich zu einem Bauern und ich müsste mich um seine 20 Kinder kümmern. Die Bedingungen waren schrecklich und ich wurde nicht bezahlt, aber ich wusste nicht einmal, dass ich einen Lohn erhalten sollte. Ich flüchtete, kam in ein Heim, flüchtete und landete auf der Strasse.

Mit 20 bekam ich eine Stelle als Dienstmädchen in Lausanne. Da hat das Unheil seinen Lauf genommen. Ich ging mit einem andern Mädchen an einen Ball. Wir liessen uns einladen, wurden vergewaltigt und schwanger. Mein Chefin hat mit auf die Strasse gestellt. Ich hatte keinen Rappen. Am Weihnachtsabend wollte ich mich von einer Brücke stürzen. Ich hatte schon ein Bein über das Geländer angehoben, da hat mit mein Baby zu ersten Mal einen Fusstritt gegeben. Ich habe geschworen, mich um ihn zu kümmern. Doch es wurde gleichwohl traumatisiert von unserem Leben während 5 Jahren auf der Strasse. Ich sprach kaum Französisch und man hasste mich, weil ich Deutschschweizerin war. Ich schlief in Kirchen, wusch mich an öffentlichen Brunnen, ich leckte die Teller im Restaurant eines Warenhauses leer. Schliesslich hat man mir eine Wohnung gegeben und ich habe mit Schaustellern in einer Schiessbude gearbeitet. Sie haben mir das Verkaufen gelernt und ich wurde Vorführerin von Elektrogeräten."

Rose-Marie bekommt lediglich die Rente der Altersversicherung und hat sich entschlossen, einen Wiedergutmachungsbeitrag zu beantragen. Clément Wieilly wird ihr dabei helfen.

"Ich frage mich, wieso ich auf der Welt bin"

Mittlerweile ist es 17 Uhr. Wir fahren zum Spital Sitten wo der 82-jährige Gilbert seit vier Monaten hospitalisiert ist. Eine Krankenschwester hat mit Clément Wieilly Kontakt aufgenommen. Sein Bericht fällt kürzer aus, als die vorherigen, aber es sind dieselben Wörter: Scheidung, Vormund, Schicksalsschläge. Gilbert erzählt mit langen Pausen, dreht den Kopf zuweilen ins Kopfkissen, streut jedoch auch humorvolle Passagen ein.

"Es ist gut, dass nun etwas geht. Damals ist uns keiner besuchen gekommen und hat gefragt, wie es geht. Wir waren ihnen total egal. Wir gingen ihnen auf die Nerven. Ich frage mich, wieso ich auf der Welt bin."

Zeit läuft davon

Gilbert arbeitete bei der Eisembahn. Er ist Wittwer, Vater von drei Kindern und Grossvater. Er lebt auf einem Zeltplatz, will jedoch keinerlei finanzielle Hilfe. "Ich habe einen Wohnwagen und zwei Katzen und das geht sehr gut so." Seine Enkelkinder haben ihn gebeten, ihnen seine Geschichte zu erzählen, aber sie zeigten sich nicht sonderlich interessiert. "Ich verstehe die Leute, die sich schämen, all das zu erzählen, denn es ist sehr hart. Es tut gut, ein wenig Anerkennung zu erhalten, aber wenn mir jemand Geld geben würde, gäbe ich es der Heilsarmee. Ich habe nie um Hilfe gebeten, das ist nicht meine Art und ich habe meine Kinder immer zu Anstand und Gradlinigkeit erzogen."

Wir verlassen das Spital. Wenige Tage später erfahren wir, dass Gilbert nach seiner langen Krankheit verstorben ist. Clément Wieilly ist gleichzeitig tief betroffen und revoltiert. "Gilbert ist keine Zeit mehr geblieben, den Behörden ein Gesuch zu stellen. Es geht alles viel zu langsam für die Opfer, denn sie sind alt und vielfach arm und bei schlechter Gesundheit. Die Leute müssen endlich begreifen, dass es sich um in Rennen gegen die Zeit handelt."

Ein langer Weg

1981, also sieben Jahre nach der Ratifizierung der Europäischen Menschenrechtskonvention verzichtete die Schweiz auf Zwangsversorgungen, Kastration, Zwangsabteibungen und Fremdplatzierungen.

2013 entschuldigte sich die Eidgenossenschaft offiziell bei den Opfern dieser Massnahmen.

Juni 2013: Schaffung eines Runden Tisches. Er wurde von Bundesrätin Simonetta Sommaruga eingesetzt und soll helfen, zusammen mit Betroffenen das dunkle Kapitel der fürsorgerischen Zwangsmassnahmen, der Zwangssterilisationen und der Verdingung von Kindern aufzuarbeiten.

Im März 2014 wurde eine Wiedergutmachungs-Initiativeexterner Link lanciert. Die Volksinitiative. Für die zurzeit Unterschriften gesammelt werden, verlangt die Errichtung eines Fonds in der Höhe von 500 Millionen Franken für die Opfer. Anfang September hatten die Initianten 60'000 der nötigen 100'000 Unterschriften gesammelt.

Im Juli 2014 hat der Runde Tisch einen Bericht mit Massnahmen präsentiert, mit denen die Opfer rehabilitiert werden sollen. Zu den zentralen Forderungen gehört die finanzielle Wiedergutmachung. Diese sei "unabdingbar", da viele der 15 000 bis 25 000 noch lebenden Opfer in finanzieller Hinsicht schwere Nachteile erlitten hätten, die sich auf ihr ganzes Leben auswirkten.

Daneben fordert der Bericht die Anerkennung des erfahrenen Unrechts und Leids, einen Ausbau der Beratung und Betreuung, eine umfassende Aktensicherung und -einsicht sowie die wissenschaftliche Aufarbeitung "dieses dunklen Kapitels der Schweizer Sozialgeschichte".

Die Vorschläge des runden Tisches sind nicht verbindlich. Sie haben lediglich den Status von Empfehlungen. 

Infobox Ende


(Übersetzung aus dem Französischen: Andreas Keiser), swissinfo.ch

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