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"Dem Schweizer Film fehlt die Kontinuität"

Die Reihe "Appellation suisse" - ein Fenster für den Schweizer Film in Locarno. (Bild: Filmfestival Locarno)

Locarno ist auch ein internationales Schaufenster für das Schweizer Filmschaffen. Die Reihe "Appellation suisse" zeigt Spielfilme, die bereits im Kino zu sehen waren.

Der Schweizer-Beitrag im internationalen Wettbewerb, "Promised Land" löste unterschiedliche Reaktionen aus.

"In Locarno sind die Filme die Stars", sagt Direktorin Irene Bignardi, wenn sie auf die – im Gegensatz zu Cannes oder Venedig – fehlende Präsenz von Top-Stars angesprochen wird.

Dass das Konzept auch dieses Jahr aufgeht, zeigt der Publikumserfolg: Die abendlichen Projektionen auf der Piazza Grande sind vielfach ausverkauft, aber auch die andern Programm-Reihen in 10 über die Stadt verteilten Sälen geniessen grosse Publikumsresonanz.

"Appellation suisse"

Produktionen aus der Schweiz sind in fast allen Programm-Reihen vertreten. "Appellation suisse" zeigt ausschliesslich Schweizer Spielfilme, die das Filmschaffen des vergangenen Jahres reflektieren und repräsentieren" und deshalb bereits im Kino zu sehen waren.

"Ausländische Gäste, Einkäufer, Verleiher und Filmkritiker haben hier Gelegenheit, Schweizer-Filme kennen zu lernen", hält Marc Wehrlin, Chef der Sektion Film beim Bundesamt für Kultur, gegenüber swissinfo fest. "Aber auch das einheimische Publikum nimmt die Gelegenheit wahr, sich in kompakter Form Schweizer Filme anzusehen."

Das von der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza) unterstützte "Human Rights" Projekt zeigt am 13. August "Notre Musique" von Altmeister Jean Luc Godard.

Godards Reflexion über den Krieg

Der Spielfilm wurde bereits in Cannes gezeigt und enthält drei Teile: Hölle, Fegefeuer und Paradies. "Notre Musique" – grösstenteils in Sarajevo gedreht - ist eine Reflexion über den Krieg, die Literatur und das Kino.

Der einzige Schweizer Beitrag im internationalen Wettbewerb ist "Promised Land". Das Spielfilmdebut des Tessiners Michael Beltrami löste eher flaue und gemischte – zwischen "ironisch", "überraschend" bis zu "langfädig" und "im Sand verlaufend" – Reaktionen aus.

Die Kritik des Kulturministers

Die Schweiz unterstützt die einheimische Filmproduktion jährlich mit 35 Mio. Franken. Bis 2008 will der Bundesrat diesen Beitrag auf 37,5 Mio. erhöhen.

"Der Schweizer Film ist heute, auch im ausländischen Vergleich, von uns komfortabel dotiert. Aber mir scheint, wieder im Vergleich mit dem Ausland, dass er qualitativ nicht mithalten kann", kritisierte Kulturminister Pascal Couchepin bei seinem Besuch in Locarno.

Dem hält Marc Wehrlin, der oberste Filmförderer des Bundes, entgegen, dass die Schweiz ein Hochpreisland sei: "Besser werden können Filme immer. In der Privatwirtschaft würde man sagen: 'Man muss zuerst konsequent investieren, bevor man ernten kann'."

Abstriche bei der Produktion

In der Schweiz fehle eine eigentliche Filmindustrie, welche ein kontinuierliches Arbeiten erlauben würde. "Selbst so grosse Talente wie Fredy Murer oder Daniel Schmid müssen bis zum nächsten Kino-Film jahrelang 'herumdoktern'. Das geht auf Kosten der Professionalität."

Der Bund unterstützt Spielfilme in der Regel mit bis zu 750'000 Franken. Den Rest muss der Produzent anderswo suchen.

Vielen gelingt es nicht, das vorgesehene Produktions-Budget zu finanzieren. Sie müssen deshalb bei der Produktion Abstriche vornehmen. "Das merkt man dann den Filmen manchmal an", so Wehrlin. "Bei Fernseh-Filmen ist die Kontinuität vor allem dank der SRG idée suisse hingegen gewährleist."

Ein weiteres Problem sind die Mehrsprachigkeit und die damit unterteilten, (zu) kleinen Märkte im Land. "Es wird immer schwieriger für einen Film, die Sprachgrenzen zu überwinden. Der Dokumentarfilm "Mais im Bundeshaus" war da die wunderbare Ausnahme."

2003: Rekordergebnis in den Kinosälen

Für Marc Wehrlin ist es offenkundig: Nicht nur das Publikum hat Widerstände gegen Filme aus andern Sprachregionen. Die Experten in den Kommissionen des Bundes verhielten sich ähnlich. "Begutachtungen von Komödien sind immer sehr schwierig. Humor ist eng mit Kultur verknüpft. Experten aus der Romandie finden den Deutschschweizer Humor nicht lustig und umgekehrt."

Dennoch: 2003 war ein erfolgreiches Jahr für den Schweizer-Film. Er konnte seinen Marktanteil in den Schweizer Kinos von 3,4% auf knapp 6% steigern, was mehr als einer Million Eintritte entspricht.

Zu diesem Rekordergebnis trug allerdings die RS-Komödie "Achtung, Fertig, Charlie" mit mehr als 500'000 Eintritten massgebend bei.

Bei seinem Amtsantritt vor zehn Jahren hatte Marc Wehrlin drei Ziele formuliert: Mehr Publikum, mehr Eigenverantwortung und mehr Kontinuität für den Schweizer-Film. "Die ersten zwei Ziele haben wir erreicht, die Kontinuität wäre nur mit mehr finanziellen Mitteln zu verbessern, aber solche lassen die Bundesfinanzen derzeit nicht zu", hält Wehrlin fest.

swissinfo, Andreas Keiser in Locarno

In Kürze

Das 57. Filmfestival Locarno dauert bis am 14. August.

Gezeigt werden mehr als 250 Filme.

Der englische Film "Yasmin" und "Forgiveness" aus Südafrika werden als Favoriten im Wettbewerb um den Goldenen Leoparden gehandelt.

Der Bund unterstützt das Festival mit insgesamt 1,8 Mio. Franken.

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