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"Visions du Réel" feiert 10-jähriges Jubiläum

Ein zuversichtlicher Jean Perret ist bereit für Publikum und Kritiker am diesjährigen Festival.

(swissinfo.ch)

120 Dokumentarfilme aus 32 Ländern werden am diesjährigen Filmfestival "Visions du Réel" gezeigt, das am Montag in Nyon seine Tore öffnete.

Das 10-jährige Jubiläum bietet Gelegenheit, mit dem Festivaldirektor und Journalisten Jean Perret Bilanz zu ziehen.

Das Dokumentarfilmfestival von Nyon ging 1969 aus der Klubkinoszene hervor. 1995 wurde es unter einer neuen Leitung in "Visions du Réel" umgetauft.

Seither wurde es rasch zu einem der wichtigen internationalen Orte der Begegnung für Dokumentarfilmschaffende und gleichzeitig zu einem Treffpunkt von Romandie und Deutschschweiz.

swissinfo: Was hat sich in zehn Jahren verändert?

Jean Perret: In diesen zehn Jahren hat sich der Real- oder Dokumentarfilm unter dem Einfluss einer technologischen Revolution – dem Aufkommen der kleinen Digitalkameras – diversifiziert.

Heute kann jeder und jede mit einer Kamera Bilder aufnehmen und diese dann auf einen Computer laden. Das erleichtert den Zugang zum Film. Ohne diese Entwicklung hätten sich in einigen Ländern viele Leute nie ausdrücken können.

swissinfo: Führt diese grosse Menge an Bildern aber nicht zu einer schlechteren Qualität?

J.P.: In den letzten zehn Jahren gab es vor allem mehr Fernsehfilme, die berühmten "52-Minüter“. Das führte zu einer Verarmung der Schriftformen und der Ästhetik.

Aber wir stellen auch fest, dass unabhängige Autorinnen und Autoren heute viel radikaler auftreten. Der Markt ist deshalb stärker aufgeteilt in die eher alltägliche Fernsehproduktion und eine Produktion unabhängiger Filmschaffender, welche im Allgemeinen unter immer schwierigeren Bedingungen arbeiten.

swissinfo: Was hat sich für das Festival verändert?

J.P.: Das Festival hat sich dank des Erfolgs weiter entwickelt. Ich meine nicht den Erfolg des Festivals selber, sondern den Erfolg der gezeigten Filme. Diese erzählen wahre Geschichten und fanden ein Publikum, das ein Gefühl der Echtheit sucht.

Das Festival hat sich verändert, weil es diese Suche nach mehr Echtheit im Kino begleiten und aufzeigen konnte. Dieses hat im Übrigen sowohl am Fernsehen wie in der Dichtung Mühe, von wahren Wurzeln, wahren Identitäten zu erzählen.

swissinfo: Sie sprechen vom Festival als einem Treffpunkt von Romandie und Deutschschweiz.

J.P.: Als das Bundesamt für Kultur uns vor zehn Jahren den Auftrag gab, das Festival neu zu lancieren, trug es uns auch auf, die Begegnung zwischen Deutsch- und Westschweiz, aber auch zwischen Deutsch- und Französischsprachigen in Europa zu fördern.

Deshalb wollten wir in zwei Sprachen denken und schreiben – wenn wir Englisch mit einbeziehen, sind es sogar drei. Es ist wichtig, dass sich Leute begegnen können, die sich sonst nur mit Mühe verstehen, weil sie die Sprachen nicht so gut sprechen.

swissinfo: Wird das Festival von den Deutsch- und den Französischsprachigen gleich gut besucht?

J.P.: Aus dem Westschweizer Publikum kam gar die Klage, dass man zu viele Deutschschweizer Dialekte höre! Das ist natürlich absurd. Aber es stimmt, dass hier viel Schweizerdeutsch gesprochen wird.

Wir wollten, dass dieses Festival in der Romandie auch für die Deutschschweiz ein wichtiger Anlass ist. Und das ist uns gelungen. Viele Leute kommen von dort und verbringen mehrere Tage in Nyon. Und nicht nur Berufsleute, es gibt auch Leute, welche fünf Tage Ferien nehmen, um sich die Filme anschauen zu kommen.

swissinfo: Ist das Festival auch international wichtig?

J.P.: Wir mussten uns im Umfeld des immer härter werdenden internationalen Wettbewerbs durchsetzen. Ich glaube sagen zu können, dass Nyon in Europa heute das zweitwichtigste Dokumentarfilmfestival ist. An erster Stelle steht jenes von Amsterdam, das auch weltweit das wichtigste ist.

Unser Festival mit seinen 100 gezeigten Filmen ist ganz klein. Aber es hat dank seiner Diskussionskultur und der Qualität seiner Auswahl einen Spitzenplatz inne.

swissinfo: Wie sieht es mit der lokalen Konkurrenz aus, den Festivals von Locarno und Freiburg, welche ebenfalls Dokumentarfilme zeigen?

J.P.: Es stimmt, die Konkurrenz ist schärfer geworden. Das bedaure ich. Es stellt uns vor Probleme, die in den kommenden Jahren noch zunehmen werden, wenn die anderen Festivals noch mehr Dokumentarfilme zeigen.

Aber es ist nicht verwunderlich, dass sie sich für solche Filme interessieren, denn in diesem Bereich gibt es die ausgefallensten Produktionen.

swissinfo: Sind die Schweizer Dokumentarfilmschaffenden im Ausland bekannt?

J.P.: Einige sind sehr bekannt, vor allem dank den Festivals. Im kommerziellen Bereich haben sie weniger Erfolg. Aber insgesamt hat der Schweizer Dokumentarfilm einen ausgezeichneten Ruf.

swissinfo: Wie steht es mit der Finanzierung des Festivals von Nyon?

J.P.: Es wird zu 45% mit öffentlichen und zu 45% mit privaten Geldern finanziert, die restlichen 10% kommen aus den Einnahmen. Aber wir müssen gerade einen sehr wichtigen Partner ersetzen, der uns verlassen hat. Und wir sind mit einem schwierigen Markt konfrontiert.

Der Privatsektor hat viel weniger Interesse an mäzenartigem Sponsoring als früher. Heute konzentrieren sich die Privaten auf Investitionen mit schneller Rendite und möchten aus den Festivals Kommunikationsplattformen machen, welche sofort etwas einbringen.

Deshalb haben wir Mühe, einen neuen Hauptsponsor zu finden. Wir werden aber private Partner mit unseren Trümpfen sicher überzeugen können.

swissinfo: Sprechen Sie von den Aktivitäten des neuen Pools von Nicolas Bideau, der im Dokumentarfilm aktiv ist?

J.P.: Das Departement für Auswärtige Angelegenheiten hat unter Micheline Calmy-Rey beschlossen, unter der Leitung von Nicolas Bideau einen Kompetenzpool aufzubauen. Er soll eine Schweizer Diplomatie entwickeln, die unsere Filme als Zeugnis unseres Willens berücksichtigen soll, Anderen entgegen zu gehen.

Das erste Projekt führt nach Israel und Palästina, um Schweizer Filme zu zeigen, aber auch, um Filme von dort zu sehen. Mit dem Ziel, zum gemeinsamen Nachdenken über die Gegenwart dieser Länder beizutragen und sich eine bessere Zukunft vorzustellen.

swissinfo: Es geht also nicht um Koproduktionen.

J.P.: Auf keinen Fall. Das ist nicht die Aufgabe des Aussenministeriums. Es geht um Gedankenaustausch, um Gespräche, es geht darum, zu sehen, wie der Film zum Nachdenken und zur demokratischen Diskussion anregen kann.

swissinfo: Welche Beziehung haben Sie zur brennenden Aktualität wie im Irak oder in Afghanistan?

J.P.: Der Luxus der Dokumentarfilmschaffenden ist die Zeit. Es gibt Leute, welche acht Jahre brauchen, um einen Film zu drehen, andere tun dies in drei Monaten. Aber Zeit ist notwendig.

Unser Festival zeigt nur wenige Filme von brennender Aktualität, denn es gibt wenige, die in enger Verbindung dazu stehen. Die Welt verstehen heisst, ihre Komplexität verstehen, und das braucht Zeit. Wir stehen im Gegensatz zur Zeit der News, die immer "heiss" sein müssen und die Dinge nur oberflächlich zeigen.

Über den Krieg im Irak haben wir einen bemerkenswerten Film, der soeben fertig wurde: "Control Room". Er wurde im Kontrollzentrum der amerikanischen Armee gedreht, das in Katar stand. Er zeigt auch viel über die arabische Informationskette Al Jazira. Dank diesem Film wird verständlich, dass dieser Krieg auch ein Kommunikationskrieg war.

swissinfo: Wie gehen Sie persönlich an dieses Festival heran?

J.P.: Mit einer Mischung aus Freude und Frust. Ich sehe mit Freude, dass unsere Anstrengungen belohnt werden, und dass die Gäste (Produzenten, Filmschaffende, Medienleute usw.) kommen. Aber ich bin auch frustriert, weil ich zu viel Arbeit habe, um Zeit mit ihnen zu verbringen!

swissinfo-Interview, Raffaella Rossello

Fakten

"Visions du Réel" feiert heuer sein 10-jähriges Jubiläum
Das Festival findet vom 19. bis 25.April statt
Dieses Jahr werden 120 von 1500 vorgeschlagenen Filmen gezeigt
Sie kommen aus 32 Ländern

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In Kürze

Visions du Réel" hat 7 Sektionen: "Compétition Internationale", "Regards Neufs" (internationaler Wettbewerb für Erstlingswerke), "Tendances", "Helvétiques", "Ateliers", "Séances spéciales" und "Investigations".

Jeden Tag finden ein Forum, Diskussionen und runde Tische statt.

2003 besuchten über 25'000 Zuschauerinnen und Zuschauer den Anlass, das waren 20% mehr als im Vorjahr.

"Visions du Réel" richtet sich ans breite Publikum, aber auch an Berufsleute. Im Rahmen des Festivals ist "Doc Outlook" ein internationaler Markt und ein Treffpunkt für Verleiher, Sales Agents, Vertreter des Fernsehens und Produzenten.

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