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Das Ende des Sonderfalls Schweiz

Schweres Handicap: Kinder von Eltern mit wenig Bildung haben in der Schweiz schlechtere Karten.

(Keystone)

Die Schweiz gleicht sich in ihrer politischen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Entwicklung immer mehr den anderen Ländern Europas an. Zu diesem Ergebnis kommen Sozialwissenschafter im dritten Sozialbericht.

"Europäischer Durchschnitt statt Sonderfall": So könnte man das Fazit aus dem Sozialbericht 2008, der am Dienstag vorgestellt wurde, auf den Punkt bringen.

In den europäischen Ländern würden sich die gesellschaftlichen Unterschiede verringern, hält ein Expertenteam unter der Leitung des Soziologen Christian Suter fest. Dies unabhängig davon, ob ein Land zur Europäischen Union (EU) gehört.

"Die Erwerbsquote der Frauen hat sich in der Schweiz konstant erhöht, so dass sie im europäischen Mittelfeld liegt", illustriert der Professor an der Uni Neuenburg gegenüber swissinfo.

Europäisierung

Derselbe Trend zeige sich auch bei anderen Indikatoren wie Eheschliessungen, Scheidungen, Geburten oder der Altersstruktur.

Suter weist aber darauf hin, dass es nicht nur eine Angleichung Schweiz-Europa gebe, sondern auch eine solche der europäischen Länder untereinander.

Einige Brisanz dürfte der Schluss der Autoren beinhalten, dass die Angleichung auch vor dem politischen System der Schweiz nicht Halt macht.

"In der Schweiz gab es lange Zeit Parteien, die nur in einem Kanton oder einer Region verankert waren. Heute sind die wichtigen Parteien in allen Landesteilen präsent, wie dies auch in den anderen Ländern Europas der Fall ist", sagt Studienleiter Suter.

Schweizer fühlen sich nicht "bedroht"

Der Sozialbericht enthält aber auch Themenfelder, bei denen sich Unterschiede zwischen der Schweiz und den Vergleichsländern Deutschland, Frankreich, Grossbritannien, Schweden, Spanien und den USA zeigen. Etwa bei der Beurteilung von Ausländern.

Auch für die Autoren war es erstaunlich, dass die Schweizer Bevölkerung die geringsten Ängste zeigt, wie sich die Präsenz von Ausländern auf Wirtschaft und das kulturelle Leben des Landes auswirken.

"Wir glauben, dies ist eine Folge der direkten Demokratie, in der diese Themen bereits in den 1960er- und 1970er-Jahren aufs politische Tapet kamen, etwa mit den Überfremdungs-Initiativen", lautet Suters mögliche Erklärung.

Damit habe die Schweizer Politik schon früh eine politische Legitimität in Ausländerfragen geschaffen, während dieser Prozess in Europa erst in den letzten Jahren in Gang gekommen sei. Suter spricht in diesem Punkt deshalb von einer Angleichung europäischer Staaten an die Schweiz.

Entmystifiziertes Schulsystem

Schlecht schneidet die Schweiz dagegen bei der Chancengleichheit im Bildungswesen ab. "In der Schweiz ist in den Familien eine starke 'Vererbung' im Bildungssystem feststellbar", sagt Suter.

Diese elterliche Prägung der Chancen werde namentlich in so genannten bildungsfernen Schichten zur hohen Anfangshürde für Nachkommen.

Weiteres erschwerendes Kriterium ist laut den Autoren die "frühe und schwer korrigierbare Selektion" an der Schwelle zwischen der Primarschule und der Sekundarstufe I. "Je früher selektioniert wird, desto stärker schlägt der Familienhintergrund durch", erklärt Suter.

Das Schulsystem gleicht die unterschiedlichen Bildungschancen laut den Autoren nicht etwa aus, sondern verstärkt die Ungleichheit noch.

Sie warnen zudem vor dem Umstand, dass einer grossen Minderheit der Schulabgängerinnen und Schulabgänger der Zugang zu einer Lehre, zum Gymnasium oder anderen Ausbildungsmöglichkeiten der Sekundarstufe II verwehrt bleibe.

Das Risiko für diese Jugendlichen sei somit gross, frühzeitig aus der Bildungslaufbahn auszuscheiden.

swissinfo, Renat Künzi

Sozialbericht 2008

Der vorliegende ist der dritte Sozialbericht nach den Ausgaben von 2000 und 2004.

Darin geben Wissenschafter und Experten Auskunft über den sozialen Wandel in der Schweiz.

Untersucht wurden die Bereiche Verteilung sozialer Güter, kulturelle Vielfalt, soziale Integration, politische Gestaltung sowie Umwelt und Gesellschaft.

Anhand von 75 Indikatoren zeichnen die Autoren ein Bild der Schweiz. Dazu gehören etwa Arbeitsbedingungen, nationale Herkunft, Rollenverteilung in der Partnerschaft, Wahlbeteiligung oder Personenverkehr.

Erstmals wurde die Entwicklung in der Schweiz mit derjenigen in anderen Ländern verglichen.

Der Sozialbericht ist im Internet und in Buchform publiziert und liegt erstmals nicht nur auf Deutsch und Französisch, sondern auch Englisch vor.

Finanziell unterstützt wurde der Bericht vom Schweizerischen Nationalfonds (SNF), der Schweizer Stiftung für die Forschung in den Sozialwissenschaften (Fors) und der Universität Neuenburg.

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